Stürmer im großen tz-Interview

Gomez über Scholl: "Mein Freund Experte ..."

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Mario Gomez.

Düsseldorf - Es sollte ein Interview werden, es wurde eine Erklärung! Mario Gomez (29) nahm in der Lobby des Düsseldorfer Hyatt Platz, um etwas loszuwerden. Etwas, das sich sehr lange aufgestaut hatte. Ein Gespräch über die Pfiffe gegen ihn – und warum er sie nicht länger akzeptieren kann.

Mario, wie geht es Ihnen mit etwas Abstand zu Mittwochabend?

Gomez: Prinzipiell geht es mir gut. Dass das, was da am Mittwoch passiert ist, nicht schön war, da müssen wir nicht drüber sprechen. Das ist aber meiner Meinung nach nicht nur etwas, was mit dem Spiel am Mittwoch zu tun hat, sondern mit meiner Historie. Die vergebenen Chancen waren doch nur der Auslöser dafür. (Gomez richtet sich auf). Ich versuche es mal zu erklären: Bis zur EM 2012 habe ich die Pfiffe ein bisschen verstanden, weil ich bei der EM 2008 diesen Ball hoch über die Latte geschossen habe, und weil ich 2010 bei der WM wenig bis gar nicht gespielt habe. Dann kann ich verstehen, wenn Fans sagen: Bei einem Turnier hat er noch nichts bewiesen! Wird er auch nicht mehr! Aber dann kam die EM 2012, bei der ich in den ersten zwei Spielen gegen zwei große Gegner drei Tore schieße. anschließend eine breite Brust habe, mich dann aber nur mit der Diskussion von meinem Freund Experte (er meint die Kritik von ARD-Experte Mehmet Scholl, Anm. der Red.) rumschlagen muss. Das wurde von vielen Leuten komplett aufgenommen. Schließlich kam das Spiel gegen Italien, in dem wir nicht gut waren, mich eingerechnet, und ich einer von zwei, drei Schuldigen war. Seitdem werde ich bei jedem Länderspiel ausgepfiffen – egal, ob bei einer Einwechslung, Auswechslung oder während des Spiels. Daran sieht man, es geht nicht nur um Sportliches. Dazu nur ein Beispiel: Am Mittwoch wurde Lukas Podolski mit Sprechchören begrüßt. Poldi ist ein genialer Typ, unfassbar wichtig für diese Mannschaft, auch ein super Spieler. Aber ich meine, daran erkennt man doch einen Unterschied: In einer Zeit, in der ich als Sündenbock abgestempelt werde in der Nationalmannschaft, habe ich im Verein auch viel geleistet, 2012 bei der Europameisterschaft auch in der Nationalmannschaft. Lukas hat beim Sommermärchen 2006 und auch 2008 gut gespielt, das bleibt in den Köpfen hängen. Ihn begleitet das Positive, bei mir zieht sich das Negative durch..

Mir persönlich macht es nicht ganz so viel aus, wenn sie pfeifen, ich kriege das hin. Ich mache das seit 2008 mit. Was ich aber merke, und was gar nicht geht: Meine Familie, meine Freunde, die mich kennen, die das alles sehr trifft. Das Pfeifen ist ja leider fast schon Kult geworden, das kann ich nicht verstehen. (Gomez schaut in die Runde)

Es fing schon zu Beginn der Woche an, dass ich gemerkt habe, wie die äußere Wahrnehmung ist. Da wurde von meinem Comeback geschrieben, so, als hätten mich viele schon nicht mehr hier erwartet. Als hätten viele gedacht, der Bundestrainer lädt ihn gar nicht mehr ein und serviert ihn nach der WM ganz ab. Heute lese ich beim Frühstück, dass ich jetzt gnädigerweise ein Ultimatum kriege. Ein paar Spiele hätte ich noch verdient, urteilt die Zeitung... Da musste ich schon schmunzeln. So als würden sie die Aufstellung machen…

Kommt man dann auch an den Punkt zu sagen: Das tue ich mir nicht mehr an!?

Gomez: Nein, weil solange ich fit und gesund bin, so wie es am Mittwoch war, will ich spielen. Es hört sich vielleicht komisch an, weil ich jedes Mal ausgepfiffen werde, wenn ich hier bin – aber es macht mir immer Spaß, hier zu sein mit der Mannschaft! Es tut mir nur sehr leid für meine Eltern. Ich hatte eine gute Erziehung, sie haben immer alles für mich getan, wir haben ein super Verhältnis. Und sie sitzen nun daheim und schauen zu... Pfiffe sind nicht cool! Beim Fußball ist es wie in jedem Job, man muss befreit sein, befreit aufspielen. Und wenn man auf das Feld geht und schon ausgepfiffen wird – ich weiß nicht, welcher Fußballer da noch befreit aufspielt.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich die Situation noch einmal ändert?

Gomez: Ich war jetzt ein Jahr weg, wir sind Weltmeister geworden, es war eine krasse Euphorie. Doch nach dem Argentinien-Spiel gab es wieder gefühlt nur ein Thema: An der Niederlage war ich schuld. Ich finde das Ganze sehr aufgebauscht. Das ist ein zu interessantes Thema für jeden, als das man es zur Ruhe lassen kommen könnte. Ja, ich hätte treffen müssen, habe ich aber nicht . Mund abwischen und weiter geht’s.

Liegt es nicht vielleicht daran, dass wir in Deutschland nicht besonders viele gute Mittelstürmer haben? Das lenkt den Fokus automatisch auf Sie.

Gomez: Nein, überhaupt nicht. Die Fokussierung ist bei mir nicht positionsbedingt oder spielbedingt, sondern eher typbedingt – und liegt eben in meiner Historie. Wäre es mein erstes Spiel gewesen, hätte man gesagt: Er war da, er hat nur die Chancen nicht gemacht. Aber ich habe irgendwann aufgehört, mich zu rechtfertigen. Denn die Leute, die so eingefahren sind, die wollen es auch nicht sehen. Deswegen habe ich mich auch ein Stückweit zurückgezogen in den Medien. Jetzt kehre ich nach einem Jahr zurück und muss sehen, dass sich nichts geändert hat. Der Kampf geht weiter.

Gibt es etwas, das Sie tun können, um den Umstand zu ändern?

Gomez: Ich sage mal so: Hätte ich diese drei Riesenchancen verwertet, hätte ich ein Weltklasse-Spiel gemacht! Man kann die Dinge immer so hinlegen, wie man sie braucht.

Bei Mesut Özil wird häufig die Körpersprache bemängelt. Ein Lukas Podolski wird geliebt, weil er immer rennt und läuft.

Gomez: Das ist das Gefühl, aber das sind nicht die Fakten. Dieses berüchtigte Spiel, in dem ich mich wund gelegen haben soll, da bin ich viel gelaufen. Aber klar, wenn dann einer sagt, ich habe das Gefühl, dass der Gomez da rumliegt, dann fühlen sich all die bestätigt die seit der EM 2008 am nörgeln waren.

Spüren Sie in Italien einen respektvolleren Umgang?

Gomez: Ich glaube gar nicht, dass es etwas mit Respekt zu tun hat, weil die Leute sich gar keine Gedanken darüber machen. Es hat sich fast schon automatisch in den Köpfen festgesetzt, die pfeifen einfach. In Italien ist man nicht so voreingenommen. Sie sehen, was ich mache und bewerten es dann. Wie beim FC Bayern, als ich für viel Geld geholt wurde, mich Louis van Gaal dann aber drei Monate auf die Bank gesetzt hat. In der Saison danach habe ich dann gespielt und gezeigt, was ich kann. Am Ende waren die Fans sogar traurig, dass ich gegangen bin. Es ist schwer, gerade bei der Nationalmannschaft. Wenn ich dabei bin in den nächsten spielen, könnte es doch durchaus sein, dass ich von der Bank komme. Und wenn du dann ausgepfiffen wirst, bereits wenn du aufs Spielfeld gehst, wie willst du die Leute dann noch überzeugen? Bei Bayern hatte ich die Möglichkeit bekommen, über zehn Spiele zu zeigen, was ich kann. Da habe ich sieben oder acht Tore gemacht. Und die Leute haben gesehen: da geht was!

Noch einmal zu der polemischen Kritik von Mehmet Scholl: War Ihnen damals schon bewusst, welche Auswirkungen dieser Spruch haben wird?

Gomez: Nein. Aber es ist so: Aus meinem Kopf ist das längst raus, nur aus vielen anderen Köpfen nicht. Er wusste auch nicht, was er da anrichtet. Es ist einfach, dort zu stehen und einen flapsigen Spruch zu machen, ohne die Auswirkungen zu kennen in der heutigen Zeit. Ich will Mehmet Scholl sicher auch nicht die Schuld geben. Ich war es, der am Mittwoch nicht getroffen hat. Aber es passt halt genau ins Bild.

Interview: Michael Knippenkötter

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