„Es gibt kein Recht auf Fußball-Bundesliga im Free-TV“

Medien-Experte prognostiziert das Verschwinden der Sportschau aus dem Free-TV

Wohin entwickelt sich die Fußball- und Sport-Fernsehwelt? Die tz sprach mit Prof. Dr. phil. Michael Schaffrath.

Er leitet den Arbeitsbereich für Medien und Kommunikation an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der TU München. Seine zentralen Forschungsthemen sind Kommunikator-, Medien-, Inhalts-, Publikums- und Wirkungsforschung im Sport.

Herr Professor Schaffrath, Fußball wird hierzulande bei immer mehr Sendern und Internet-Plattformen ausgestrahlt. Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Prof. Schaffrath: Wenn man sich die Entwicklung der vergangenen Jahre anschaut, wird man davon ausgehen müssen. Das liegt daran, dass Sport eines der letzten Genres ist, das sowohl Informations- als auch Unterhaltungsbedürfnisse bei den Menschen befriedigen kann. Sepp Herberger sagte einmal: „Warum gehen die Leute ins Stadion? Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Speziellen bedienen also zudem Spannungs- und Entspannungsbedürfnisse – und das ist etwas, was man bei anderen Genres so nicht hat.

Deshalb drängen auch aus dem Ausland große Rechteverwerter auf den deutschen Markt.

Prof. Schaffrath: Der bedrohlichste Player für den deutschen Markt erscheint mir im Moment Amazon zu sein. Das Unternehmen hat in dieser Saison die Bundesliga-Audiorechte fürs Internet erworben und damit einen Fuß im deutschen Markt. Außerdem interessiert sich Amazon, wie man aktuell lesen kann, wohl auch für die Premier League. Wenn man sich mal die Umsatzzahlen des Unternehmens anschaut – 140 Milliarden Euro im Jahr 2016 –, dann ist klar: Wenn Amazon mal ernst macht mit ihrem Interesse am deutschen Fußball, dann können alle anderen, die jetzt übertragen, zumachen, zumindest was die Bundesliga-Übertragungen angeht. Wenn man über die Bundesliga spricht, dann wird zurzeit von verschiedenen Sendern zusammen rund eine Milliarde investiert – darüber lacht doch Amazon. Wenn die das wirklich wollen, dann bieten die zwei oder drei Milliarden.

„Die Erfolgsformel: Attraktivität durch Exklusivität“

Muss man befürchten, dass Fußball komplett aus dem Free-TV verschwindet?

Prof. Schaffrath: Ja, natürlich. Die Frage ist nur: Über welches Produkt des Fußballs reden wir? Wenn wir über die Nationalmannschaft reden, dann müssen bestimmte Events laut Rundfunkstaatsvertrag im Free-TV ausgestrahlt werden. Eben die Partien der Nationalmannschaft sowie z. B. das Eröffnungsspiel, die Halbfinals und die Endspiele von Welt- und Europameisterschaften. Reden wir aber über die Erste und Zweite Bundesliga, dann bin ich sicher, dass angesichts der exorbitant gestiegenen Rechtekosten der Fußball im Pay-TV verschwindet.

Betrifft das nur Live-Spiele?

Prof. Schaffrath: Nein, ich prognostiziere, dass auch die zeitnahen Zusammenfassungen, wie sie die Sportschau im Moment zeigt, im Pay-TV verschwinden wird. Angesichts der entfesselten Kommerzialisierung im Profifußball muss das Geld irgendwo herkommen. Werbefinanzierte Sender wie RTL und Sat.1 können und wollen augenscheinlich da schon überhaupt nicht mehr mitbieten, weil sie die horrenden Investments nicht refinanzieren können. ARD und ZDF könnten aufgrund des Gebührenvolumens von rund acht Milliarden Euro mitbieten, obwohl die natürlich irgendwann rechtfertigen müssen, wie viel sie für Fußball ausgeben. Die Summen, die der Profifußball wohl braucht, um diese zum Teil wahnwitzigen Ablösen und diese völlig unverhältnismäßigen Gehälter zahlen zu können, gibt’s meiner Ansicht nach nur im Pay-TV. Und da lautet die Erfolgsformel: ­Attraktivität durch Exklusivität.

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Der Fußball-Fan hierzulande wird sich also umstellen müssen…

Prof. Schaffrath: Der Deutsche ist seit 40, 50 Jahren daran gewöhnt: Ab 18.30 oder 19.00 Uhr gibt es die Zusammenfassungen. Verschwindet aber diese zeitnahe Zusammenfassung, dann sind die Rechte an den Live-Spielen auch automatisch mehr wert. Die meisten Fußballfans denken, es sei ein Gewohnheitsrecht, dass man Zusammenfassungen ab 18.30 Uhr bekommt, aber das ist natürlich Quatsch. Es gibt kein Recht auf Fußball-Bundesliga im Free-TV.

In anderen Ländern gibt es das ja auch nicht mehr…

Prof. Schaffrath: Viele Bundesliga-Manager wissen es nicht besser oder verschweigen es: Wir tun immer so, als ob die Ligen in Deutschland, England, Spanien, Frankreich, Italien vergleichbar seien. Was die Fußball-Märkte betrifft, ist das vielleicht so, aber die Fernseh-Märkte sind doch ziemlich unterschiedlich. Wir haben in anderen Fußball-Kernländern eine viel geringere Anzahl von Free-TV-Sendern. Ich verstehe ja, dass Herr Rummenigge und Herr Watzke mehr Geld haben wollen, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Aber aus Sicht der Medienunternehmen müssen diese Rechte ja auch irgendwie refinanziert werden. Und die Fernsehsender bewegen sich in Deutschland auf einem anderen Markt als in England oder Italien.

Der asiatische Markt scheint ja derzeit vogelwild zu sein

Apropos Märkte: Wie sehen Sie das Potenzial für die Bundesliga in Asien oder den USA?

Prof. Schaffrath: Der asiatische Markt scheint ja derzeit vogelwild zu sein. Mit den Summen, die da für Transfers und Gehälter aufgerufen werden, können die Klubs in Europa nicht konkurrieren. Da liegt Potenzial – für Bayern und für Dortmund. Bei anderen Klubs kann ich das eher nicht erkennen. Und Amerika hat doch alles versucht. In den 70ern mit Franz Beckenbauer und Pele, da gab’s die Operettenliga, dann gab’s die WM 1994, von der man sich den großen Boom versprach – alles vergebens. Die US-Sportkultur ist eine andere als die europäische. Für die Fans dort passiert im Fußball einfach zu wenig.

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Haben hierzulande eigentlich andere Sportarten noch eine Chance gegen Fußball?

Prof. Schaffrath: Die Fußballisierung der Sportberichterstattung, an der sich alle Sender beteiligt haben, hat dazu geführt, dass viele Randsportarten da stehen, wo man im Fußball nicht stehen will: im publizistischen Abseits.

Verändert sich das Seh-Bewusstsein? Sogar die NFL kämpft mit sinkenden Einschaltquoten…

Prof. Schaffrath: Da ist ein Bewusstseinswandel zu erkennen. Den kann man zwar empirisch nicht verlässlich und repräsentativ nachweisen, aber es gibt Indizien. Viele können sich noch erinnern, wie Boris Becker 1985 Wimbledon gewann. Wir haben damals dann erlebt, wie auf allen Sendern Tennis lief. Und später hat Karl Senne, der ehemalige Sportchef des ZDF, gesagt: Wir haben Tennis kaputtgesendet. Nun ist der Fußball sicherlich resistenter – aber diese vielen und hohen Fußball-Sendezeiten sind kontraproduktiv, weil dies zur Übersättigung führt. Noch sagen mir alle Senderverantwortlichen, mit denen ich ja auch spreche: Es wird niemand gezwungen, sich ein Fußballspiel anzuschauen. Aber ob das langfristig gutgeht, da bin ich skeptisch. Die gesamte Branche Profifußball hat ihren Zenit bereits überschritten, weil sie vollkommen unverhältnismäßig geworden ist. Erstens sind da die unvorstellbaren Ablösesummen und Gehälter zu nennen. Zweitens die Milliarden für Fernsehrechte. Und drittens: Verträge gelten doch auch nichts mehr. Manche Vereine lassen sich von Spielern erpressen, wie das Beispiel Dembele zu Saisonbeginn gezeigt hat. Die Frage ist: Wie lange machen wir den Zirkus, den manche Spieler und Berater aufführen, noch mit?

Die Vereine versuchen, mit dem Klub-TV die Deutungshoheit zu gewinnen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Prof. Schaffrath: Vereins-TV und die Kommunikation auf Homepages sind ja klassische PR-Instrumente. Das ist etwas komplett anderes als Journalismus. Die Vereine haben die Chance, schneller und aktueller zu sein als alle Medien, aber auf Vereinsplattformen werden ja nur positive Meldungen verbreitet. Journalismus ist auch Einordnung der Information, Bewertung, Kritik, Kontrolle. Ich finde es schade, dass das Publikum anscheinend mehr an einer schnellen Informationsübermittlung interessiert ist als an der seriösen Einordnung. Anders sind ja Auflagenrückgänge aller Printmedien nicht zu erklären. Das System Sport ist – wenn man es sozialwissenschaftlich betrachtet – auch darauf angewiesen, dass es ein publizistisches Korrektiv hat, das Schwachstellen in dem System schonungslos aufdeckt. Denken wir z. B. an die Bestechungsaffären im internationalen Fußball oder an die diversen Dopingskandale.

Über solche Themen wird natürlich auf Verbands- oder Vereins-Homepages allenfalls schöngefärbt berichtet, wenn überhaupt. Der Fußball begeht mit einer Informationspolitik, die klassische Medien zensieren will oder ausbremst, einen Riesenfehler. Ich glaube nicht, dass das insgesamt und langfristig klug ist.

Das Interview führte Bernd Brudermanns

Rubriklistenbild: © dpa

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