Vorort-Kolumne der Münchner Fußballschule

MFS-Analyse: Scheitert Guardiola an der Premier League?

+
Pep Guardiola bekommt in England im Moment eine Menge Gegenwind.

München - Ex-Bayern-Trainer Pep Guardiola hat in England ordentlich Schwierigkeiten. David Niedermeier von der Münchner Fußball-Schule (MFS) analysiert die Gründe.

Manchester City mit Pep Guardiola liegt nach 22 Spielen auf Tabellenplatz 5 in der Premier League. Erstmal abgeschlagen mit aktuell 12 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Chelsea musste er mit seinem Team schon schmerzhafte Niederlagen hinnehmen.

Das 0:4 gegen Everton war eine seiner höchsten persönlichen Niederlagen als Trainer überhaupt. Viele Medien stürzen sich natürlich darauf und befürchten ein mögliches Scheitern von Pep Guardiola in der Premier League. Tatsächlich liegt das von ihm stark umgebaute Team weit hinter den Erwartungen zurück. Nur eine Schwächephase? Oder steckt doch mehr dahinter?

Welche Gründe sind dafür verantwortlich, dass sich Pep Guardiola mit seiner Idee von Fußball zumindest aktuell so schwer tut? Der Faktencheck:

  1. In der Premier League gibt es sechs bis acht sehr stark besetzte Teams, die um den Titel mitspielen können. Ganz im Gegenteil zu Deutschland oder Spanien, wo dies nur zwei bis drei schaffen. Wie wir in vorangegebenen Artikeln schon häufig begründet haben, liegt die Schwäche des System Guardiolas in der Konteranfälligkeit. Diese wirkt sich besonders gegen starke Teams aus. Guardiola drückt den Gegner durch sein System an den eigenen Strafraum zurück. Somit stehen die eigenen Verteidiger extrem hoch. Von dort aus wird auf jeden Ballverlust hin umgehend ein Gegenpressing eingeleitet. Starke Teams haben aber vermehrt sehr schnelle und zugleich technisch beschlagene Spiele. Diese können sich also relativ häufig aus diesem Gegenpressing durch schnelle Kombinationen befreien. Technisch schwächere Mannschaften sind dazu nur selten in der Lage.
  2. Kombiniert sich der Gegner nun aus dem Gegenpressing heraus, findet er eine Gleich- oder sogar Überzahl in großem Raum vor. Besitzt der Gegner nun schnelle Spieler, die vor allem im Konter und im 1 gegen 1 stark sind und haben Guardiolas Verteidiger zeitgleich aufgrund des hohen Stellungsspiels einen großen Raum hinter sich, so ist dies nur noch schwer zu verteidigen. Bei einer höheren Anzahl von starken Mannschaften in einer Liga sind Niederlagen bei diesem Spielstil wahrscheinlicher.
  3. Dies wiederum wirkt sich natürlich negativ auf das Selbstbewusstsein und die Zufriedenheit der Spieler aus und führt unweigerlich zu mehr Fehlpässen, die wiederum in diesem System knallhart bestraft werden.
  4. Der vierte Grund liegt an der Art und Weise wie der Fußball vor allem in England gelebt und auch so von den Fans aus aller Welt geliebt wird. Schnell, dynamisch und gradlinig - also ganz anders als in Guardiolas Welt. Man City hat vor Guardiolas Antritt vermehrt „typisch englisch“ gespielt. Damalige Spieler tun sich auf Grund dessen schwerer oder brauchen mehr Zeit, die Philosophie umzusetzen. Das Gleiche gilt für neue Spieler aus anderen Ligen Europas, die sich auch erst daran dauerhaft gewöhnen müssen. Beim FC Bayern oder FC Barcelona war dieser Spielstil den Spielern nicht ganz so fremd und somit war die Erfolgswahrscheinlichkeit in diesen Ligen auch höher.
  5. Hinzu kommen Verletzungen von wichtigen Spielern wie Ilkay Gündogan oder Leroy Sané. Gerade Gündogan passt perfekt in Guardiolas System mit seiner herausragenden Technik. Leroy Sané ist die Art von Spieler, der sich auf dem Flügel im 1 gegen 1 durch seine Schnelligkeit sehr gut durchsetzen kann. Beide verringern automatisch die Wahrscheinlichkeit von Ballverlusten im eigenen Spielaufbau.

Es scheint so zu sein, als dass Guardiola schlicht die Antwort gegen die starken Teams fehlt. Dies hat ihm nicht nur jetzt in der Premier League, sondern auch mit Bayern München gegen Real oder Atlético in der Champions League das Genick gebrochen.

Es fehlt eine Alternative zum dominanten Spiel, das gegen die schwächeren Teams fast immer erfolgreich zu sein scheint. Z.B. eine Defensivstrategie, bei der die Mannschaft tiefer in der eigenen Hälfte verteidigt und dabei ein Mittelfeldpressing oder sogar Abwehrpressing spielt. Durch solch eine Strategie würde das eigene Team häufiger die Chance erhalten, auf Konter zu spielen und verringert die Gefahr, selbst in Konter zu laufen. Guardiola hat dies schon einmal so spielen lassen. Mit den Bayern bei Borussia Dortmund hat er diese Taktik gewählt und die Dortmunder unter dem damaligen Trainer Jürgen Klopp überrascht. Die Bayern gewannen damals 1:0, ohne das Dortmund klare Torchancen erspielen konnte. Wieso hat ein Trainer wie Guardiola zu 95 % immer nur eine Spielphilosophie? Macht es nicht Sinn zwei bis drei Systeme zu erarbeiten, um so auf die Stärke des Gegners besser reagieren zu können? Viele Kritiker dieser These werden dann wohl sagen: „Dann spielen sie drei Systeme, aber Keines gut genug, um alles gewinnen zu können. Es bleibt also ein diskussionswürdiges Thema…

Eine gute Fußballzeit!

Euer David Niedermeier

Auch interessant

Meistgelesen

Große Reform beim DFB? Dritte Liga auf dem Prüfstand - Bierhoff spricht über Neugliederung
Große Reform beim DFB? Dritte Liga auf dem Prüfstand - Bierhoff spricht über Neugliederung
Transfer-Theater um Neymar - Messi packt aus: Darum platzte die Rückkehr nach Barcelona
Transfer-Theater um Neymar - Messi packt aus: Darum platzte die Rückkehr nach Barcelona
Bundesliga: So sehen Sie Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach heute live im TV und Live-Stream
Bundesliga: So sehen Sie Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach heute live im TV und Live-Stream
Sky und DAZN: Welcher Sender zeigt die deutschen Champions-League-Spiele?
Sky und DAZN: Welcher Sender zeigt die deutschen Champions-League-Spiele?

Kommentare