Capitano schreibt für die tz

Ballack fordert: Keiner darf sich heute verstecken!

Michael Ballack
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Michael Ballack.

München - Ex-Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack schreibt für die tz über das anstehende WM-Viertelfinale Deutschlands gegen Frankreich.

Das Algerien-Spiel war ein Gewürge. Die erste Halbzeit war die schlechteste seit Jahren. Aber so etwas kommt vor. Ich erinnere mich sehr gut an die WM 2002 in Asien, als wir im Achtelfinale 1:0 gegen Paraguay gewannen. Kurz vor Schluss machte Oliver Neuville den Ball rein. Egal, gewonnen. Wir standen im Viertelfinale. Auch jetzt heißt es: Mund abputzen, Arbeitssieg. Die WM geht nun richtig los! Jetzt muss die Mannschaft da sein. Es gibt keine Ausreden mehr. Frankreich ist ein anderes Kaliber als Algerien. Vor vier Jahren haben sie in Südafrika desolat präsentiert. Das ist vorbei. Deutschland trifft auf eine völlig neue Mannschaft.

Sie ist stark als Kollektiv, dazu hat sie ein enormes fußballerisches Potenzial. Das wird eine harte Nuss für uns. Es wird ein Endspiel. Aber genau das sind die Spiele, in denen Superstars geboren werden. Es darf sich jetzt keiner mehr verstecken. Ich meine vor allem die Spieler, die bislang nicht am Limit spielten. Ich meine Toni Kroos, Mesut Özil und Mario Götze. Jetzt müssen sie sich zeigen. Sie müssen ein Spiel auch mal entscheiden, den finalen Pass spielen, den Siegtreffer schießen. Sie müssen Siegertypen sein.

Ich bleibe dabei: Trotz der Kritik gibt es für mich an Özil keine Zweifel. Er macht den Unterschied aus. Er hat den Schuss Genialität. Wenn er aber in Lethargie verfällt, hilft er der Mannschaft nicht weiter. Er weiß das.

Sami Khedira hat gegen Algerien gezeigt, wie es geht. Als er ins Spiel kam, hat er dazwischengehauen, wichtige Zweikämpfe gewonnen, den Algeriern den Schneid abgekauft. Und sofort war Ruhe auf dem Platz. Wir haben die Kontrolle im Mittelfeld zurückerobert.

Khedira ist ein Typ, dessen Kraft und Persönlichkeit abstrahlt. Genau so einen braucht die deutsche Mannschaft. Wir haben ein technisch hervorragendes Team, das spielerisch noch nie so stark war. Genau deshalb ist Khedira lebensnotwendig. Er stellt mit seiner Physis, seiner Robustheit und Aggressivität die notwendige Balance her, die diese Mannschaft braucht.

Deshalb muss er gegen Frankreich auch neben Bastian Schweinsteiger spielen. Das passt einfach. Aber wo spielt Philipp Lahm? Wenn Joachim Löw sich entscheidet, ihn weiter im Mittelfeld aufzustellen, wird er eine andere Lösung finden. Er ist der Trainer, er sieht seine Spieler jeden Tag im Training. Er weiß, in welchem Fitnesszustand sie sind. Aber das ändert meine Meinung nicht. Ich bleibe dabei, dass Lahm in der Viererkette der Mannschaft mehr helfen könnte.

Ribéry-Double und Kampfmaschine: Das ist Frankreichs Nationalelf

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Gernot Rohr (61) ist Kenner des französischen Fußballs. Der in Mannheim geborene Nationaltrainer Nigers wurde als Spieler mit Girondins Bordeaux dreimal französischer Meister. Seit 1982 besitzt Rohr die französische Staatsbürgerschaft. Hier stellt Rohr die Spieler des deutschen WM-Viertelfinal-Gegners vor. © afp
Hugo Lloris (27 Jahre/61 Länderspiele/0 Tore, Tottenham Hotspur): „Er ist der Kapitän und ganz wichtig für die Mannschaft. Einer der besten Torhüter des Turniers.“ © AFP
Mathieu Debuchy (28/24/2, Newcastle United): „Er ist körperlich sehr stark und verfügt über ein gutes Kopfballspiel. Besitzt auch in der Offensive Qualitäten und harmoniert auf der rechten Seite gut mit Valbuena.“ © AFP
Raphaël Varane (21/10/0, Real Madrid): „Mit seinen 21 Jahren gehört er der neuen Generation an. Er ist hochintelligent und hat ein super Abitur gemacht. Von ihm kann man in der Zukunft noch viel erwarten.“ © AFP
Mamadou Sakho (24/22/2, FC Liverpool): „Er ist physisch sehr stark. Mit Varane bildet er eine starke Innenverteidigung, die nur sehr schwer zu knacken ist.“ © AFP
Patrice Evra (33/61/0, Manchester United): „Einer der Überlebenden aus Südafrika. Er hatte große Probleme mit der französischen Presse. Nicht mehr so stark in der Offensive wie früher, verfügt aber über reichlich Erfahrung.“ © dpa
Paul Pogba (21/15/3, Juventus Turin): „Er ging mit großen Vorschusslorbeeren in das Turnier. In den ersten Spielen hat er ein bisschen enttäuscht. Gegen Nigeria war er stark. Er ist einer der Schlüsselspieler.“ © AFP
Yohan Cabaye (28/33/2, Paris St. Germain): „Er ist der Stratege im Mittelfeld, der die jungen Spieler sehr gut führt. Er verfügt über einen guten Distanzschuss.“ © dpa
Blaise Matuidi (27/27/2, Paris St. Germain): „Ein sehr kampfstarker Spieler. Er geht aggressiv zur Sache.“ © AFP
Mathieu Valbuena (29/37/6, Olympique Marseille): „Er ist wohl der Spieler mit der besten Form. Hat bisher nur gute Spiele gemacht. Er ist sehr motiviert. Man kann ihn mit Franck Ribery vergleichen.“ © dpa
Karim Benzema (26/70/24, Real Madrid): „Er ist toll in das Turnier gestartet. In der Mitte ist er stärker als über links. Mit seinem Antritt kann er jede Abwehr vor Probleme stellen.“ © dpa
Antoine Griezmann (23/8/3, Real Sociedad San Sebastian): „Er verkörpert auch die neue Generation französischer Spieler, ist schnell. Er arbeitet auch gut nach hinten.“ © AFP

André Schürrle hat gezeigt, dass er unbedingt in die Mannschaft will. Nach seiner Einwechslung hat er die Partie gegen Algerien verändert und schließlich gedreht. Mit seiner Schnelligkeit, seinen Eins-zu-Eins-Dribblings und seinem guten Schuss kann er Spiele entscheiden. Für mich ist er nicht nur eine Option für die erste Elf gegen Frankreich, sondern er zählt für mich auch zu den Gewinnern im deutschen Team.

Wie kann man Frankreich stoppen? Es wird eine Partie auf hohem Niveau, in dem die Individualisten gefragt sein werden. Eine tolle Einzelaktion kann dieses Spiel entscheiden. Und wir haben genug Spieler, die mit einer Klasseaktion für eine Entscheidung sorgen können. Jetzt müssen sie das zeigen. An ein Ausscheiden denke ich gar nicht. Deutschland hat etwas, das andere nicht haben: Wir sind eine Turniermannschaft. Wenn es um die Wurst geht, sind wir da.

Von Michael Ballack

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