Interview über das Corona-Fußballjahr

Micky Beisenherz wünscht sich das Ende einer „sehr, sehr irren Zeit“ - und einen dauerhaften BVB-Trainer

Micky Beisenherz über BVB-Pleiten, Pandemie und Phantomschmerzen.
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Micky Beisenherz über BVB-Pleiten, Pandemie und Phantomschmerzen.

Warum sich BVB-Fan Micky Beisenherz wünscht, dass Schalke nicht absteigt und warum er Uli Hoeneß vermisst, erzählt der Moderator im Interview.

München - Michael „Micky“ Beisenherz (42) ist Podcaster und TV-Moderator, Stern-Kolumnist, Autor diverser TV-Formate (u.a. Dschungelcamp) – und vor allem BVB-Fan. Das tz-Interview über das Fußball-Jahr 2020.

Herr Beisenherz, pünktlich zum Jahreswechsel stehen die Bayern wieder oben. Für BVB-Fans wie Sie die Kirsche auf der 2020-Torte, oder?
Beisenherz: Es ist schön zu sehen, dass es 2020 wenigstens noch eine Konstante gibt. Die eine Sache, auf die wir uns verlassen können.
Bayern räumt ohne Zuschauer auf den Rängen alles ab. Erstaunlich, finden Sie nicht?
Beisenherz: Bitter ist das ja schon. Ich sage das nicht nur stellvertretend für Bayern-Fans, sondern beispielsweise auch für die von Borussia Mönchengladbach*: Für Feste wie das der Bayern* gegen Barcelona oder die Partien der Gladbacher gegen Real ist man doch Fußballfan und will sie live im Stadion miterleben. Dass das nicht geht, ist aus virologischer Sicht natürlich richtig und geboten, für den Fußballromantiker aber schmerzhaft.
Haben Sie sich mittlerweile an die Geisterspiele gewöhnt?
Beisenherz: Eine gewisse Gewohnheit ist schon eingetreten. Wobei ich zugeben muss: Wenn ich mit meinem Bruder Fußball gucke, wählen wir schon immer die alternative Tonspur und lassen uns bereitwillig anlügen. Das nehme ich schon in Kauf, um nicht unbedingt das hören zu müssen, was sich Spieler und Trainer da so zurufen. Das entzaubert ja auch ein bisschen den Sport. Spätestens in dem Moment, wenn wir demnächst hören, was beispielsweise Christian Gross Amine Harit zuruft, werden wir merken, dass der Sport doch etwas weniger intellektuell ist, als wir dachten.

BVB-Fan Micky Beisenherz wünscht Schalke viel Glück

Stichwort Schalke und Gross…
Beisenherz: Ein Trainer, dessen letzte Trainerstation Saudi-Arabien gewesen ist, verheißt in der Regel nichts Gutes. Andererseits: Die Rechtsauffassung von Saudi-Arabien hat es ja auch schon unter dem letzten Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden gegeben, von daher passt das vielleicht auch ganz gut. Es ist jedenfalls schön zu sehen, dass Christian Gross den alten Trainingsanzug von Udo Lattek wieder trägt! Ich kann Schalke* nur viel Glück wünschen, mehr ist da nicht drin, glaube ich.
Hand aufs Herz: Würden Sie sich als alter Borusse über einen Schalker Abstieg freuen?
Beisenherz: Nee, dafür geht von Schalke mittlerweile zu wenig Bedrohung aus. Darüber freut man sich in erster Linie, wenn es Leute besonders hart erwischt, über die man sich in irgendeiner Form aufregen konnte und die auf Augenhöhe waren. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass man auf Schalke aktuell nicht ins Stadion kann, sonst müsste man sich ja fast schon als Elendstourist bezeichnen lassen. Tragisch ist das.
Gross’ Pendant in Dortmund heißt nun Edin Terzic, den findet wiederum Mehmet Scholl nicht gut.
Beisenherz: Warum? Terzic hat nicht etwa einen Laptop?
Womöglich. Aber Kloppo hat Scholli ja bereits zurechtgestutzt.
Beisenherz: Sehe ich auch so, dass man jemanden wie Terzic nicht so früh schon in dieser Art und Weise zusammenstauchen sollte. Noch ist ja nichts passiert. Und er macht ja auch einen kompetenten Eindruck. Allein der Umstand, dass Terzic im Pokal einen Stürmer aus der vierten Liga geholt und in die Spitze gestellt hat, zeigt ja schon mal, dass er für eigene Ideen zu haben ist. Und das ist ja nicht so verkehrt.

Micky Beisenherz ist nicht von der Kader-Planung des BVB überzeugt

Bis Haaland wieder zurück ist.
Beisenherz: Es zeugt schon von einer mindestens kritikwürdigen Kaderplanung, dass man sich auf einen 20-Jährigen versteift und dass es, wenn der nicht da ist, der 16-Jährige richten muss. Das kann es ja irgendwie auch nicht sein. So.
Kickt selbst auch ganz gern mal: Micky Beisenherz (r.) mit Jorge Gonzalez (l.) und Fabian Hambüchen bei Benefiz-Spiel.
Hansi Flick beweist sogar bei 17-Jährigen wie Musiala ein gutes Händchen.
Beisenherz: Sein gesamtes Werk steht stellvertretend für seine individuelle Klasse. Mit demselben Kader wie Niko Kovac hat er aus einer Versagertruppe einen Triple-Sieger gemacht, der wirklich begeisternden Fußball spielt. Muss man dann wohl doch auch ein wenig dem Trainer zuschreiben.
Sollte der DFB auch bald über die Verpflichtung eines neuen Trainers nachdenken?
Beisenherz: Wenn wir Jogi Löw bewerten, dürfen wir die WM 2018 natürlich nicht vergessen. Andererseits muss ich auch einfach zugeben, dass es zurzeit keinen richtigen Turniermodus gibt. Ich glaube, dass wir alle grob falsch liegen, wenn wir erwarten, dass die Nationalspieler in der Nations League oder bei irgendwelchen komischen Freundschaftsspielen über sich hinauswachsen, sich womöglich auch noch verletzen und für den eigenen Verein in der Champions League* ausfallen. Wir müssen unsere Erwartungshaltung, was da für ein Fußball gespielt werden soll, mal ein bisschen herunterschrauben. Gleichwohl glaube ich, dass es nicht ganz verkehrt ist, nach so vielen Jahren mal andere Impulse zu setzen.

Micky Beisenherz findet Halt bei Thomas Helmer und dem Doppelpass

Das hat auch Thomas Helmer beim „Doppelpass“ erkannt. Schalten Sie sonntags regelmäßig ein?
Beisenherz: Regelmäßig! Der Doppelpass ist einer der Fixpunkte meines Lebens. Während der Pandemie war die Sendung das Einzige, das meinem Leben Halt und Struktur gegeben hat.
So?
Beisenherz: Wenn Kalle Rummenigge anfängt, über Rassismus zu reden, muss man vielleicht kurz wegschalten. Ansonsten waren aber doch sehr viele unterhaltsame Momente dabei.
Vermissen Sie eigentlich Uli Hoeneß? Bis auf gelegentliche Anrufe beim Doppelpass ist es leise geworden um den Baron vom Tegernsee.
Beisenherz: Ja ich hoffe doch, dass es ihm gut geht. Der Einzige, der rund um bayerische Seen noch die Schlagzeilen dominiert, ist der thailändische König. Ich hatte schon gehofft, dass noch ein wenig mehr kommt von Uli Hoeneß. Er scheint mir das mit dem Lockdown viel zu ernst zu nehmen. Vielleicht hat ihm aber auch Attila Hildmann die Telefonleitung gekappt. Es ist mir nicht ganz klar, aber ich finde es äußerst bedauerlich. Vielleicht hat das Schweigen von Uli Hoeneß aber auch dazu beigetragen, dass Hansi Flick* die Champions League gewonnen hat. Wir werden es nicht mehr nachhaltig ergründen können.
Erst Hoeneß, dann Tönnies – verliert die Liga ihre Gesichter?
Beisenherz: Hätten wir nicht Lars Windhorst und die Hertha*, gäbe es ja gar nichts mehr zu lachen. Es ist schade, eine gewisse Form der Hybris muss da sein. Ich hoffe ja immer noch, dass Wolfgang Grupp von Trigema noch so einen Verein wie Mainz übernimmt. Oder Frankfurt. Noch besser: Hoffenheim! Wolfgang Grupp in Hoffenheim! Das wäre toll.

Micky Beisenherz wünscht sich für 2021 einen dauerhaften BVB-Trainer

An der Seite von Dietmar Hopp?
Beisenherz: Ich glaube, Grupp wird niemanden neben sich an der Spitze dulden.
Gibt es Ihrerseits weitere Fußballwünsche für 2021?
Beisenherz: Ich wäre ja schon glücklich, wenn Dortmund* einen Trainer finden würde, der die nächsten Jahre konstant dort arbeiten darf. Unterhält man sich mit BVB-Fans darüber, fällt ja spätestens im dritten Satz der Name Klopp. Über Kloppo wird in etwa so gesprochen wie über den Opa, der nicht mehr wiederkommt. Das wäre mein Wunsch aus BVB-Sicht. Aus Sicht eines Fußballfans wünsche ich mir, dass es irgendeiner anderen Mannschaft gelingt da zu sein, wenn Bayern stolpert. Es muss ja nicht gleich Leipzig sein. Es würde aber sehr gut zu dieser absolut geisteskranken Zeit passen, wenn ausgerechnet jetzt Bayer Leverkusen* Meister wird. Das wäre doch eigentlich eine schöne Pointe zum Ende dieser sehr, sehr irren Zeit.
Meister wird also?
Beisenherz: Natürlich Bayern. Und dann kann Markus Söder endlich nach Berlin gehen.

Das Interview führte José Carlos Menzel López. *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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