Nationalmannschaft

Motivator und Gaudi-Bursche: „Co“ Müller jagt sein EM-Tor

Thomas Müller
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Für das DFB-Team wichtig auf und abseits des Platzes: Thomas Müller.

Die mehr als zweijährige Zwangspause von Thomas Müller in der Nationalelf wirkt mittlerweile wie ein komischer Systemfehler in einer erstaunlichen Karriere. Auch Joachim Löw wird das einsehen.

Herzogenaurach - Die Übungen mit dem Gymnastikband für das gerade genesene Knie machte Thomas Müller besonders akkurat. Im Spielerkreis gab der Turnier-Veteran mit Lob und Anweisungen für die Kollegen am Montag vor dem Abflug nach London natürlich den Ton an.

„Nur berühren“, sollte Sturmkollege Serge Gnabry den Ball, war bis auf die kleine Tribüne des Adi-Dassler-Stadions der Müller-Kommentar vernehmbar. Der 31 Jahre alte Parade-Bayer ist im fränkischen „Home Ground“ Motivator und Antreiber. Er ist als Fußball-Spaßvogel natürlich auch der Gaudi-Bursche. Für EM-Neuling und Sturmpartner Kai Havertz ist der 31 Jahre alte Turnier-Veteran sogar schon in den Rang des „Co-Trainers“ von Bundestrainer Joachim Löw aufgestiegen.

Ziel: Endliche ein EM-Tor

Nur eines will Müller nicht gelingen: Ein EM-Tor. 23 Treffer erzielte Deutschland in 14 EM-Spielen mit Müller seit dem Turnier 2012. Keines davon glückte dem Bayern-Profi. Nicht einmal im dramatisch gewonnenen Elfmeterschießen im Viertelfinale 2016 gegen Italien (6:5) ging sein Versuch vom Punkt ins Netz. Diese Bilanz wurmt ihn natürlich.

Das Wembley-Stadion wäre am Dienstag (18.00 Uhr/ARD und Magenta TV) im Achtelfinal-Klassiker gegen England die allerbeste Bühne, um den Fluch zu beenden. Zumal die schützende Kapsel am Knie keine größeren Beschwerden mehr macht. „Das Thema können wir ad acta legen“, gab Müller endgültig Entwarnung, nachdem Medien fälschlicherweise schon seinen Ausfall gegen Ungarn (2:2) als fix verkündet hatten.

„Ich würde sicherlich gerne mein erstes EM-Tor schießen“, sagte Müller vor dem Kurztrip zum ersten K.o.-Spiel nach London. „Ich werde immer weiter auf der Jagd bleiben.“ Aber umtreiben lassen will sich Müller auch nicht. „Ich kann da auch gut schlafen. Ich versuche, das zu tun, was verlangt wird“, sagte er. Ganz oben auf der Tagesordnung steht für ihn, „dass wir Spiele gewinnen und weiterkommen“.

„Da geht's um ein bisschen mehr“

Nur nicht verrückt machen dürfe man sich wegen der schwankenden Leistungen, sagte Müller und erinnerte an den EM-Sieg 1996, sein erstes großes Fußball-Erlebnis vor dem TV. Damals habe er als Bub bei den Bildern aus Wembley gespürt: „Oh, da geht's um ein bisschen mehr“, sagte Müller. Das Elfmeterschießen gegen England im Halbfinale und Oliver Bierhoffs Golden Goal im Finale gegen Tschechien seien der Beleg: Auch knappe Ergebnisse können zu einem Turniersieg führen.

Müllers Eintreten für die Gruppe ist der bestmögliche Nebeneffekt der Wendung nach einer mittlerweile eigentümlich anmutenden Auszeit. Der von Löw verordnete Karriere-Stop im Nationalteam im März 2019 im Dreier-Kollektiv mit Mats Hummels und Jérôme Boateng erscheint in der Retrospektive unnötig. Die Begnadigung zur EM war alternativlos. Das öffentliche Wehklagen der Fußball-Nation hatte seinen Grund.

In Vergessenheit geraten ist, dass es Argumente gab. Müller spielte eine bestenfalls mäßige EM 2016. Beim WM-Desaster 2018 war auch er überhaupt keine Hilfe. Sein Ende in der Nationalmannschaft soll schon gleich nach Russland beschlossen gewesen sein, erzählten damals ranghohe DFB-Funktionäre freimütig. Überrascht bis irritiert sei man gewesen, dass Löw entgegen der Absprachen erstmal doch an Müller festhielt. Dessen 100. Länderspiel gegen Holland (2:2) im folgenden November gab allen Kritikern recht. Das passte nicht mehr.

Unter Flick zu alter Stärke

Müller rappelte sich auf. Unter Hansi Flick wurde er beim FC Bayern wieder zu jenem unkonventionellen Schlaks, der scheinbar ohne größere Beinmuskulatur jede Abwehr narren kann. Jener Jungspund, der 2010 die Fußball-Welt erstürmte und unter anderem England im WM-Achtelfinale in Südafrika beim 4:1 einen Doppelpack einschenkte, ist zwar in die Jahre gekommen. Durch die Corona-Stille in den Stadien war aber für alle zu hören. Müller hat auch auf dem Platz immer was zu sagen.

Es waren in Bloemfontein gegen die Three Lions damals Müllers WM-Tore zwei und drei. Die Bilanz steht hier bei zehn Toren in 16 Spielen. Und die Quote könnte im Spätherbst 2022 in Katar ausgebaut werden.

Keine Anzeichen gibt es, dass Müller, egal wie die EM auch endet, seine DFB-Karriere beenden will. Zumal in Flick der Karriere-Heiler nun Bundestrainer wird. Insgesamt liegt Müller bei 39 Toren in 105 Länderspielen auf Platz zehn des ewigen DFB-Rankings knapp hinter Michael Ballack (42 Tore) und Uwe Seeler (43). Umso komischer ist Müllers EM-Flaute. Aber die soll am Dienstag in Wembley enden. dpa

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