Netzer geht: "Ich habe genug geredet"

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Günter Netzer (r.) und Gerhard Delling moderieren 2006 beim Fußball-Länderspiel Italien - Deutschland im Sportschau-Studio in Florenz. Netzer trug dabei ein goldenes Jackett von Thomas Gottschalk und löste damit seine verlorene Wette bei "Wetten dass...?" ein.

Port Elizabeth - Trockener Humor, Fußball-Sachverstand und Sticheleien ohne Ende. Doch jetzt ist es aus mit dem kongenialen Duo Günther Netzer und Gerhard Delling.

Ohne Sticheleien geht es auch in den letzten gemeinsamen Tagen nicht. “Sie sind ja der Mann fürs Rustikale“, grantelte Günter Netzer mit gespielter Abscheu. Und: “Diese dumme Frage braucht eine dumme Antwort.“ Gerhard Delling, der vermeintlich dumme Fragesteller, konterte später, mit Blick auf das Ende der gemeinsamen Auftritte mit seinem kongenialen Partner: “Ich muss ihn motivieren. Das ist gar nicht so einfach.“

Die Top 10 der TV-Experten

Platz 10: Jürgen Klinsmann (RTL). Das Frankreich unter den Experten. Auf Twitter beliebt wie Kevin Prinz Kuranyi, dank Weisheiten wie dieser: „Ich denke schon, dass die Spanier enttäuscht waren mit der Niederlage gegen die Schweiz.“ Ach was! Wir sind nicht enttäuscht mit Klinsi, der zuletzt seine Analysen immerhin nicht mehr so überfallartig einstreute. Unser Tipp dennoch: „Net schwätzen, gib endlich mal Buddha bei die Fische!“ © dpa
Platz 9: Jens Lehmann (Sky). Das Dänemark unter den Experten, seltsam blass. Leider nicht so angriffslustig wie auf dem Platz, dafür mit den ausgefallensten Experten-Outfits. Fliederfarbene Krawatten, da kann Jogi noch viel lernen. © dpa
Platz 8: Oliver Kahn (ZDF). Das Uruguay unter den Experten, zumindest früher als Torwart. Gibt sich nie mit dem Zweitbesten zufrieden, jetzt trotzdem beim ZDF, wo er 3D-Analysen vorsichtshalber einem Redakteur überlässt. Immer noch irritierend, wenn Olli einem Stürmer empfiehlt, „auch mal den Außenrist“ zu nehmen. Zwischendurch kluge Analysen, trotzdem als Experte irgendwo zwischen Rensing und Kahn. © dpa
Platz 7: Reiner Calmund (RTL). Das Paraguay unter den Experten. Mittel- und Schweramerika-Sachverständiger, meinte über Undiano: „Der muss ’ne Bombe geköpft haben.“ Motto des Jabulani-Verschluckers: „RTL gibt Dir den Dick!“ Aber: Seine Südamerika-Filmchen sind lustig UND informativ. © dpa
Platz 6: Franz Beckenbauer (Sky). Das England unter den Experten. The Lightgestalt ist ein Klassiker, wenn auch nicht mehr restlos zeitgemäß. Verrät in seiner Rubrik „Der Kaiser sieht alles“ zum Beispiel Bahnbrechendes über die Italiener: „Das sind die Italiener!“ Mehr lustig als informativ. © dpa
Platz 5: Günter Netzer (ARD). Die Schweiz unter den Experten. Stocksolide und zuverlässig. Bei der Wahl zum Schimpfer des Jahres 2010 jetzt schon ganz weit vorn, dank seiner Tiraden mit dem Klassiker „Es ist so furchtbar!“ Netzer über Horror-Schiri Undiano: „Ein peinlicher Heini!“ Muss gegen Ghana zeigen, dass er auch loben kann. Alles andere wäre furchtbar! © dpa
Platz 4: Jürgen Klopp (RTL). Das Spanien unter den Experten. Vor der WM großer Experten-Favorit. Bisher gut, aber noch nicht weltmeisterlich. Liegt auch daran, dass die RTL-WM-Kirmes ausschaut wie die ZDF-Seebühne 2008 für Arme. Als 3D-Picasso aber unübertroffen. Schob am Montag wieder die Honduras-Manderl über sein virtuelles Spielfeld, dass es eine Freude war. Motto: Wer rasiert, verliert! © dpa
Platz 1 bis 3: Mehmet Scholl (ARD). Das Argentinien unter den Experten. Schlau, amüsant, ironisch. Der Netzer 2.0 hat als Erster thematisiert, dass die modernen Kraftfußballer à la Rooney in Südafrika alle Probleme haben, und erzählt die schönsten Fußballschwänke. Zum Beispiel, wie Cristiano Ronaldo durch seine Körpersprache provoziert: „Jens Jeremies hätte gesagt: Dass mir den bloß keiner anfasst, den möchte ich haben!“ Schade, dass Scholli nicht auch in 3D analysiert. Hat sich die ARD leider nicht leisten können, sie muss sparen für Jauch. © dpa

Eine Ehrenrunde in Südafrika

Netzer und Delling drehen in Südafrika ihre Ehrenrunden, am 10. Juli ist endgültig Schluss. Die Großmeister der gemeinsamen Fußball-Moderation beenden ihre TV-Zusammenarbeit nach zwei weiteren Viertelfinals und einem Halbfinale beim Spiel um Platz drei in Port Elizabeth. Und Netzer wird ein Loch hinterlassen, dass seine Erben wie Mehmet Scholl bei der ARD oder Oliver Kahn beim ZDF nicht ansatzweise schließen können.

Sie oder Du?

Netzers trockener Humor aus der Tiefe des Hirns ist in der Fußball-Fernseh-Branche einmalig. Im Zusammenspiel mit dem gelernten Redakteur Delling ergaben sich verbale Doppelpässe, die auch journalistisch und fußball-faktisch höchsten Ansprüchen genügen. Nur hin und wieder machten sie Späße um ihrer selbst willen. Netzer und Delling kultivierten den Schlagabtausch mit dem künstlich beibehaltenem Sie. Abseits der Kamera sind sie schon seit längerem auch privat miteinander verbunden. “Ohne die Freundschaft wäre das nicht möglich gewesen“, erklärte Netzer. “Mit einem Neutrum kann ich nicht an die Grenze gehen - bis zur Beleidigung.“

Auch Scholli ist Netzer-Fan

Hemmungen hatte Netzer in der Tat wenig. “Er teilt ja auch gerne aus“, sagte der Ex-Nationalspieler über seinen Partner Delling. Netzer ist sich bei der Frage nach den munteren Wortwechseln sicher: “Das war nur möglich, weil wir authentisch sind.“ Über sich selber sagte er: “Ich bin kein Show-Mann.“ Trotzdem wurden er und Delling mehrfach geehrt, unter anderem mit dem Grimme-Preis. Inwieweit die kleinen verbalen Scharmützel, die den Unterhaltungswert ja erst ausmachten, abgesprochen, vorbereitet oder spontan waren - das bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Sicher aber wirkten sie bei den meisten ähnlich wie beim neuen ARD-Experten Mehmet Scholl: “Die haben mich immer sehr amüsiert. Das war wie Kino.“

12 Jahre ARD

Nach zwölf Jahren bei der ARD ist nun Schluss für Netzer. “Das ist eine persönliche Entscheidung. Ich habe für mich gespürt, dass es genug ist“, sagte der einstige Nationalspieler. “Ich hatte immer einen Horror vor Menschen, die man mit einem Lasso von der Bühne holen musste.“ Und in seiner unnachahmlichen Art fügte er an: “Ich habe genug geredet. Ich kann mich selbst nicht mehr im Fernsehen anschauen.“ Er ist sich sicher: “Da wird mir nichts fehlen. Ich falle in kein schwarzes Loch.“ Eigentlich wollte er schon eher aufhören, und so erklärte er mit dem ihm eigenen Humor die Vorbereitung auf seine letzte WM als Fernseh-Experte: “Ich bin ein Held, dass ich mich immer noch motivieren kann.“

Auch mit 65 Jahren wird Netzer ohne TV-Job nicht langweilig werden. Er ist Teilhaber und Executive Director bei der Vermarktungs-Agentur Infront, schreibt gelegentlich Gast-Kommentare. “Ich bin ein rundum zufriedener Mensch“, beschrieb Netzer sich selber: “Ich führe ein privilegiertes Leben.“ Wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass Netzer die TV-Bühne nicht vermissen wird. Es ist wohl eher umgekehrt so, dass die meisten TV-Zuschauer den Experten Netzer vermissen werden.

Von Michael Rossmann, dpa

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