DFB würde es "bedauern"

Notlösung gegen den Terror: EM-Spiele ohne Zuschauer?

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„Vive La Mannschaft“ – ein Motto, das sich dieser Tage schwer leben lässt. Bierhoff (r.) versucht es.

Berlin - Die UEFA entwickelt für das Turnier in Frankreich ein Notfallszenario. Der DFB würde es „akzeptieren, aber bedauern“. Er hofft immer noch auf eine ganz normale EM.

Deutschland gegen England. Deutschland gegen Italien. Es sind Weltmeisternationen-Spiele. Es sind Klassiker. Es sind Begegnungen, zu denen jedem Fußballinteressierten eine brisante Episode einfällt.

„Es sind keine normalen Freundschaftsspiele“, sagt Bundestrainer Joachim Löw vor den Aufgaben am Samstag in Berlin und Dienstag in München (jeweils um 20.45 Uhr), „es sind besondere Spiele“. So hat man es beim DFB haben wollen, um der Mannschaft zu signalisieren und auch den Fans, „dass wir allmählich mit dem Countdown für die EM beginnen“, wie es Oliver Bierhoff formuliert, der Manager des Teams. Was sich im bisherigen Verlauf des Zwei-Jahres-Zyklus seit dem WM-Gewinn 2014 abgespielt hat, war nicht so ersprießlich: „Wir hatten einen Umbruch, wir hatten viele Verletzte und konnten eigentlich nie einen festen Stamm von 15 bis 18 Spielern aufbauen.“ Und dann waren da noch „die schlimmen Ereignisse von Paris und Hannover“. Das erste Spiel fand statt, doch es explodierten Bomben, das zweite wurde kurzfristig abgesagt, weil man fürchtete, es könnte etwas geschehen wie beim ersten. Bierhoff: „Man ist mit einem unguten Gefühl auseinandergegangen.“ Darum möchte jetzt, gut vier Monate später, eigentlich jeder, der mit der Nationalmannschaft zu tun hat, einfach nur loslegen. An Fußball denken, an nichts anderes.

Sie versuchen es, so gut es nur geht. Im Büro Nationalmannschaft, das Georg Behlau leitet, ein studierter Theologe, haben sie das Turnier in Frankreich akribisch durchgeplant. Für jeden Tag sind die Aktivitäten festgelegt, die „Fluggeräte“ (Behlau) gebucht, mit denen die Mannschaft vom ständigen Quartier in Evian am Genfer See zu den Spielen reisen wird: ein 31- und ein 48-Sitzer, die unmittelbar nacheinander fliegen, der Kader wird auf die beiden Maschinen verteilt. Man hat darauf geachtet, auch etwas Bescheidenheit auszustrahlen, weil die Spieler im Tagungshotel „Ermitage“ den Vier-Sterne-Teil bewohnen werden, obwohl es auch ein Fünf-Sterne-Haus gäbe. „Mainz 05, mal nur zum Vergleich“, erläutert Georg Behlau, „hat für sein Trainingslager die Fünf-Sterne-Unterkunft gewählt“. Jedenfalls: Schon im Trainingslager am Schweizer Lago Maggiore (ab 23. Mai) und danach (ab 7. Juni) im Ermitage soll ein Teamgeist à la Campo Bahia entstehen.

Soweit die Planung. Doch ob die Wirklichkeit das alles zulassen wird? Man ist, als man sich vorgestern in Berlin zur Vorbereitung aufs England-Spiel traf, eingeholt worden vom großen Schreckensthema Terror. Brüssel! „Klar, da wird man nachdenklich“, sagt Joachim Löw.

Giancarlo Abete ist das schon geworden. Der Italiener, ranghoher UEFA-Funktionär (stellvertretender Vorsitzender des Exekutivkomitees) hat in einem Radio-Interview gesagt, dass man sich bei der EM in Frankreich darauf einzustellen haben werde, „dass es Spiele ohne Zuschauer geben kann“ – falls die Bedrohungslage dies erfordere. Denn ein Spiel einfach um ein, zwei Tage zu verschieben und neu anzusetzen, wenn Gefahr dräut, das lasse das eng getaktete Turnierformat nicht zu. Bei dieser EM werde das Sportliche sekundär sein, Priorität habe die Sicherheit der Menschen.

Oliver Bierhoff sagt, auch beim DFB beschäftige man sich sehr mit dem Thema Sicherheit, etwa: „Wie müssen wir die Angehörigen der Spieler, die uns besuchen kommen, schützen?“ Die Aussagen Abetes will er dennoch nicht überbewerten: „Der Veranstalter der EM muss natürlich einen Plan B haben, alles andere wäre unprofessionell.“ Man solle sich aber hüten, „aus jeder Aussage ein mögliches Chaos-Szenario zu konstruieren“. Selbstverständlich: Wenn es zu Spielen käme, die nur Fernsehpublikum haben, jedoch keines im Stadion. „würden wir es akzeptieren, aber bedauern“.

Man hofft auf Normalität, auf ein Fest wie eigentlich immer bei einem großen Turnier. Ein Fest „der Toleranz, der Offenheit, das Menschen unterschiedlicher Länder und Religionen zusammenbringt“, so Bierhoff. Man würde das Gefühl unbeschwerten Fußballs am liebsten schon diesen Samstag erleben.

Fußball-EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Stadien und Themenseite

In unserem Übersichtsartikel finden Sie alle Informationen zur EM 2016 in Frankreich: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Gruppen und Kurzporträts der Austragungsorte. Außerdem haben wir alle wichtigen Fakten und Hintergründe zu den Stadien der EM 2016 zusammengestellt. Alle aktuellen Nachrichten erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zur Fußball-EM 2016 in Frankreich bei tz.de.

Von Günter Klein

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