Ein Psychologe klärt auf

Pannen-Trainingslager: Was bleibt in den Köpfen?

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Das Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Südtirol stand unter keinem guten Stern.

St. Leonhard - Erst der Großkreutz-Zwischenfall, dann der Löw-Eklat, schließlich der schlimme Unfall im Trainingslager. Beim DFB läuft's derzeit nicht rund. Ob das Konsequenzen haben könnte, schätzt für die tz ein Psychologe ein.

Zwei Tage sind seit dem schrecklichen Autounfall im DFB-Camp in Südtirol nun vergangen, der Schock bei Jogis Jungs sitzt nach wie vor tief. Julian Draxler und Benedikt Höwedes, die beide in den PS-Geschossen saßen, stehen seitdem sogar unter sportpsychologischer Betreuung. Müssen wir uns nun Sorgen machen? Werfen der Unfall und die Negativschlagzeilen unser Team vor Brasilien aus der Bahn?

„Es geht darum, einen Spirit, ein Selbstverständnis“ zu erzeugen, sagt Mentaltrainer Sten Bens (50).

Die tz hat nachgefragt bei Sten Bens, Businesscoach (Kellogg’s, EADS) und Mentaltrainer (Eintracht Braunschweig). Geht es nach ihm, kann so ein Unfall durchaus Konsequenzen haben. Bens zur tz: „Die Vorbereitung auf ein Turnier kann so ein Ereignis schon stören. In der Regel ist es so: Umso emotionaler ein Ereignis ist, umso einfacher kann ich es mir merken. Es besitzt dann eine Art Ankereffekt. Eben wie im Urlaub: wenn Sie sich im Urlaub verlieben und dabei immer denselben Song hören, dann wird sich ihre Stimmung auch Jahre später heben, wenn sie den Song beispielsweise im Auto hören. Es verändert ihren gesamten Zustand. Ein Ereignis kann also je nach Emotion ihr Denken, ihren Zustand und demnach auch ihren Charakter verändern.“

Und jetzt kommen die Sportpsychologen des DFB um Hans-Dieter Hermann ins Spiel. Sie betreuen die Spieler rund um die Uhr, müssen nun dafür sorgen, dass Draxler & Co. ihren Fokus wieder auf das Leder beschränken. „So ein Unfall kann sich durchaus in den Geist brennen“, meint Bens. „Es sei denn, ich stelle ihm ein emotionaleres Ereignis oder ein enorm starkes Ziel entgegen, das ihren Fokus vollkommen in den Bann zieht. Und genau das ist ja hier mit der WM gegeben.“ Der Mentalcoach weiter: „Ich halte das Ereignis des Unfalls für lange nicht so emotional wie das, was mit der WM auf sie zukommt. Hast du ein klares Ziel, das groß genug ist und auch im Rahmen des Möglichen steht, dann kann es deinen Geist lenken.“

Was Kevin Großkreutz’ Geist gelenkt hat, als er in die Lobby eines Berliner Hotels pullerte, ist bislang nicht bekannt. Fest steht: Es war ein weiteres Störfeuer, das das Trainingslager und damit die WM-Vorbereitung gestört hat. Genauso wie die Döneraffäre, Jogi Löws Führerscheinentzug und die vielen Verletzten. Doch während Jerome Boateng betonte, dass alles doch viel „größer gemacht wurde“ als es war und dass das Trainingslager durchweg „positiv“ gewesen wäre, meint Bens: „Wichtig ist, die Spieler vor derartigen Geschichten abzuschotten. Sie sollen sich nun darauf konzentrieren, den Ball ins Tor zu befördern. Der Rest ist unwichtig. Bei allen ist die Motivation von Haus aus gegeben, also zählt jetzt nur noch der Fokus. Alles muss einem gemeinsamen Ziel untergeordnet sein.“

Was, wenn nicht? Dann kommt es zu Spielen wie dem 4:4 gegen Schweden. „Das passiert, wenn die Spieler nicht im Hier und Jetzt leben. 60 Minuten lang waren sie im Hier, danach waren sie aber wieder bei ihren Mannschaften, weil sie 4:0 geführt haben. Der Ausgang ist bekannt.“ Auch deswegen sei es „immer sinnvoll“, im Bereich der Psychologie etwas zu tun. „Wenn jemand seinen Geist regelmäßig trainiert“, so Bens zur tz, „dann kann er mit so einem Unfall zum Beispiel anders umgehen als Menschen, die sich damit nicht befassen.“

Krisenmanagement ist aber bei Weitem nicht die einzige Aufgabe, die auf die DFB-Sportpsychologen vor und während einer WM zukommt. Während der Sitzungen mit den Spielern geht es darum, „einen Spirit, ein Selbstverständnis“ zu erzeugen, erklärt Bens: „Gemeinsamer Austausch und intensives Einstimmen sind sehr wichtig. Ich muss meinem Partner stets blind vertrauen. Bei allem, was er macht. Ich muss glauben, dass es sich für mich lohnt, einen Laufweg für ihn zu gehen, weil er dann den Ball womöglich dorthin spielt. Das Vertrauensverhältnis in der Mannschaft ist das Wichtigste überhaupt.“

José Carlos Menzel Lopez

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