tz-Interview zum DFB-Team

Breitner: "Wir brauchen einen Problemlöser"

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Paul breitner über das deutsche Mittelfeld: "Ich vergleiche nicht Äpfel mit Birnen - also auch nicht Kroos & Schweinsteiger.2

Das 0:2 in Polen – nur ein Betriebsunfall, oder steckt mehr dahinter? Paul Breitner spricht in der tz über das kommende Jahr als Übergangszeit und darüber, was Joachim Löw tun kann, damit auch die EM 2016 ein Erfolg wird.

Herr Breitner, Sie hatten davon gesprochen, dass Polen nicht mehr als eine Zwischenstation sein dürfe fürs deutsche Team. So gesehen ist einiges schiefgelaufen, oder?

Breitner: Nein, gar nicht. Wenn ich sage, das ist eine Zwischenstation, dann hat es für mich nur wenig Bedeutung, wenn Sie gleich denken, ich meine damit einen lockeren Sieg für uns! Um was es mir nämlich wirklich geht: Dieses Spiel ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur besten Mannschaft, die in zwei Jahren in Frankreich auf dem Platz stehen wird. Es ist nur ein Zwischenstopp, um neuen, jungen Spielern die Chance zu geben – natürlich so, um am Ende trotzdem locker die Qualifikation zu schaffen. Und ob wir dann in Polen gewinnen oder 2:0 verlieren, aufgrund von mal wieder zwei individuellen Fehlern, das ist für mich eigentlich egal.

Worauf kommt es dann an?

Breitner: Es kommt für mich darauf an auszusieben, um dann schon nach dieser Saison zu sehen: Wer wird es in den engeren Kreis schaffen und wer nicht? So meine ich den Begriff Zwischenstation, wie bei allen anderen anstehenden Länderspielen auch. Für mich befinden wir uns gerade in einer Zwischensaison – mit Beginn der nächsten wird es wieder ernst!

Dann war es in Polen ja sogar ein optimaler Lerneffekt.

Breitner: Ja natürlich. Aber der wäre auch da gewesen, wenn wir 2:0 gewonnen hätten. Sehen Sie: Wie soll ich lernen, wenn nicht auf dem Platz? Die Spieler, die bislang hinten dran standen, lernen nichts auf der Bank! Also muss man sie da reinwerfen. Es gibt genügend Qualifikationsspiele!

Wenn wir es dann nicht an Ergebnissen festmachen: Wäre es okay für Sie, wenn man sich als Zweiter qualifiziert? Oder über die Relegation?

Breitner: Nein, diese Frage stellt sich gar nicht. Wir brauchen nicht darüber reden, dass wir uns nicht trotzdem als Erster qualifizieren würden! Diesen Schmarrn mache ich nicht mit. Und noch mal: Ich kann mit all denen nichts anfangen, die ein Spiel nur nach dem Ergebnis beurteilen und nicht danach, wie es läuft. Ich bewerte jedes Spiel bis zur letzten Phase.

"Wir brauchen immer einen Chef!"

Dann muss Ihnen doch aber eine Grundproblematik auffallen. Und zwar bei den Punkten Außenverteidigung, Chancenverwertung…

Breitner: Ja. Und eben weil wir wissen, dass wir nach dem Rücktritt des ein oder anderen Spielers Probleme bekommen haben, diese Positionen ansatzweise gut zu besetzen, muss Jogi Löw verschiedene Spieler auf diesen vakanten Positionen einsetzen und ihnen eine Chance geben.

Konkret: Ist Toni Kroos für Sie schon in der Lage, Bastian Schweinsteiger zu ersetzen? Als Persönlichkeit auf dem Platz?

Breitner: Die Frage existiert für mich nicht, weil ich Äpfel nicht mit Birnen vergleiche.

Das müssen Sie erklären.

Breitner: Ich habe nie einen Franz Beckenbauer mit einem Gerd Müller verglichen. Oder anders: Jupp Heynckes mit Gerd Müller. Beide haben zwar in der gleichen Position gespielt, aber sie haben sie völlig anders interpretiert. Ein Kroos interpretiert sie anders als Schweinsteiger – also werde ich einen Teufel tun und die beiden miteinander vergleichen. Aber ich muss überlegen: Kann Toni in die tonangebende Rolle auf seine Art und Weise hineinwachsen, in der Basti war? Und schon sind wir wieder beim deutschen Punkt, was uns allen scheinbar in allen Lebenslagen am wichtigsten ist: Wir brauchen immer einen Chef! Aber wann brauchen wir ihn wirklich? Nicht, wenn es gut läuft!

Wenn es schlecht läuft.

Breitner: Und genau da brauchen wir keinen Chef, sondern einen Problemlöser. Ob der derjenige ist, der im Mittelfeld den Takt angibt oder aufgrund seiner Art und Weise, wie er sich ins Spiel einbringt, ein Problem löst, das sind auch zwei Paar Stiefel.

Kann für Sie ein Torwart der Problemlöser sein?

Breitner: Nie! Nie! Genauso wenig wie die vorderste Spitze. Wenn wir über Probleme reden, dann geht es um die, die beim Spielaufbau und in der Spielordnung entstehen.

So gesehen dürfte Bayern mit Xabi Alonso den besten Problemlöser haben, den es aktuell geben kann. Ist das richtig?

Breitner: Er wäre ideal, wenn wir mal ein Problem haben sollten. Er spielt so wunderbar, so brillant auf seiner Ebene, der höchsten, die es im Fußball gibt, sodass er entscheidend mitgeholfen hat, dass die Mannschaft noch gar nicht in die Situation kam, ihn als Problemlöser zu brauchen. Das ist ein Luxus, den dieser Kader, Gott sei Dank, erreicht hat.

Zurück zum deutschen Kader: Hatten Sie nach der WM 1974 das Gefühl, es braucht was Neues, einen Extra-Schub?

Breitner: Es braucht immer einen neuen Schub, weil nach jeder WM zwei, drei Stammspieler aufhören. Da bedarf es einer neuen Bewegung von einem guten Dutzend Spieler, die ihre Chance sehen, in diese zwei, drei Positionen hineinzuwachsen. Dieser Wettlauf um die Positionen macht das Ganze wieder rund. Aber dafür muss man sich die Zeit geben. Beispielsweise ein Jahr ab jetzt. Das macht es interessant.

Zuletzt hatten Sie auch gesagt, Spanien würde zu seiner alten Dominanz zurückfinden. Bislang deutet wenig darauf hin.

Breitner: Wasserstandsmeldungen! Genau wie beim deutschen Team und wie in der Bundesliga nach vier Spieltagen, wenn Paderborn die Tabelle anführt. Das hat keinen Dauerwert. 2016 wird mit Spanien voll zu rechnen sein! Darauf können Sie sich verlassen! Interview:

Michael Knippenkötter

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