Geburtstag am Freitag

Pele wird 75: Giovane Elber im Interview über die Legende

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Giovane Elber sprach mit dem Merkur über Pele.

München - Pele feiert am Freitag seinen 75. Geburtstag. Im Interview plaudert Giovane Elber über die lebende Legende - und wir verraten, was Sie vielleicht noch nicht über Pelé wussten.

Herr Elber, Sie sind im Juli 1972 geboren, da waren Peles drei WM-Siege von 1958, 1962 und 1970 schon Geschichte. Was ist denn Ihre persönliche erste Erinnerung an Pele ?

Also, in Brasilien ist es so: Ein Junge kommt auf die Welt – und er lernt als allererstes Pele kennen, danach erst seinen Papa. Das ist die Rangfolge: Pele, Papa. Das ist Wahnsinn. Ich habe ihn als Spieler nicht mehr richtig live wahrgenommen, aber natürlich kenne ich auch seine Tore, man sieht sie im Fernsehen, immer wieder laufen sie irgendwo, bis heute. Tag und Nacht.

Wie präsent ist der Name Pele bis heute im brasilianischen Fußballalltag?

In jedem Verein ist die Nummer 10 bis heute ganz einfach heilig. Peles Nummer. Nicht nur beim FC Santos, sondern bei jedem Verein. Die Zweit- und Drittligavereine verkaufen ihre Trikots mit der Nummer 10 zwar nicht mit dem Namen Pele, aber trotzdem wird dieses Trikot auch ohne Namen am meisten gekauft.

Und wie präsent war der Name in Ihrer Kindheit? Wollte beim Straßenfußball jeder Pele sein?

Ja, eigentlich schon. Und sobald jemand eine schöne Aktion macht, ein gutes Dribbling, ein tolles Tor, sagen alle: Das war ein Pele! Wenn ich mit meinen Freunden gespielt habe, waren super Aktionen immer „Pele“, und wenn man etwas schlecht gemacht hat, einen Ball verloren oder so, habe alle gesagt: Das war jetzt ein Giovane Elber (lacht)!

Er selbst kickte einst ohne Schuh, gegen zusammengerollte Socken oder eine Grapefruit – ist das sogar für Brasilien eine faszinierende Geschichte?

Ja, es ist Wahnsinn, was er für einen Weg gemacht hat. Straßenfußballer gibt es bei uns an jeder Ecke, aber einen Pele gab es nie wieder. Früher hat er mit einer Grapefruit gespielt – und dann wurde er zu „O Rei“, dem König des Fußballs. So eine Geschichte wiederholt sich auch bei uns in Brasilien nicht noch mal.

"Pele ist der größte Fußballer, den diese Welt je gesehen hat"

Was bedeutet für Sie persönlich Pele?

Er ist der größte Fußballer, den diese Welt je gesehen hat. Ganz einfach. Bei uns in Südamerika wird immer wieder diskutiert, wer denn jetzt besser war: Pele oder Diego Maradona? Ich habe Maradona erlebt, er ist genial. Aber Pele war größer. Keine Frage.

Haben Sie ihn auch mal persönlich getroffen – wie ist Pele so?

Er ist eine große Persönlichkeit, er sagt nie was Schlechtes über andere, es gibt keine Skandale. Aber ich muss sagen, ich habe ihn einmal getroffen und war leider enttäuscht von ihm. Es war nach unserem Champions League-Sieg mit Bayern 2001 in Mailand. Da war er beim Bankett, und Paulo Sergio und ich haben uns gefreut: Wir gewinnen den Titel, und Pele ist da. Wir dachten, er redet mit uns – aber er redete nur mit Oliver Kahn und Stefan Effenberg. Zu uns, zu seinen Landsleuten, sagte er nur kurz Hallo. Das hatten wir uns natürlich etwas anders vorgestellt.

Was bedeutet Pele für Brasilien? Wie ist er in der Gesellschaft angesehen?

Er ist ein Idol. Er kam von ganz unten und ist bis heute auf dem Boden geblieben. Er hatte auch immer gute Leute um sich, die ihm geholfen haben, sein Leben zu organisieren. Er hat einen guten Charakter, Herz, hat einen guten Kopf. So konnte er auch nach seiner aktiven Karriere seinen Weg machen. Das ist in Brasilien nicht immer der Fall. Die Leute schauen zu ihm auf, und das nicht nur, weil er mal ein großartiger Spieler war.

Giovane Elber: Beckenbauer hat mehr Charme als Pele

Ist das Ganze vergleichbar mit Franz Beckenbauer in Deutschland?

Nein, das ist schon ein bisschen anders. Beckenbauer ist in Deutschland präsenter als Pele in Brasilien. Und ich habe Franz ja auch sehr gut kennenlernen dürfen und muss sagen: Er hat mehr Charme. Franz ist ein Phänomen: Alle wollen etwas von ihm, auf der ganzen Welt – aber er behandelt jeden Menschen gleich. Den Staatschef wie den Mann von der Straße. Er hat so viel Menschlichkeit. Ich kann da nur eine kleine Geschichte erzählen. Als er meine Frau das erste Mal getroffen hat, wurde sie ihm vorgestellt: Das ist Frau Elber.“ Und er nahm ihre Hand und sagte: „Hallo, Cintia.“ Er wusste ihren Namen, gleich zu Beginn. Woher, weiß ich bis heute nicht.

Ist Pele unnahbarer?

Er kann in Brasilien nicht auf die Straße gehen, nicht einfach so, ohne Bodyguards. Das ist unmöglich. Das wäre, als würde der Papst durch die Straßen von Rio laufen. Wenn er aber wo auftritt, gibt er schon Autogramme und macht Fotos mit den Leuten. Er weiß, wo er herkommt.

Sind die Weltmeister von 1958 bis heute die größten Helden Ihres Landes? Und Pele deshalb ein König für die Ewigkeit?

Ja, er ist der König für die Ewigkeit. Und für die Mannschaft von 1958 gibt es nur ein Wort: Herz. Zuvor kannte die Welt Brasilien nicht, diese Spieler haben nichts verdient, und plötzlich waren sie da in Schweden und spielten mit so einer Leidenschaft, dass alle staunten. Pele war damals 17, und er war so unfassbar gut, ganz Brasilien war so stolz.

Wobei Sie einmal sagten, Garrincha sei in Ihren Augen besser gewesen . . .

Ja, das habe ich mal gesagt. Seine Dribblings und Pässe waren noch besser. Aber Pele war natürlich kompletter. Er hat über 1000 Tore geschossen. Tore hat Garrincha nicht besonders viele geschossen.

Romario knackte auch die 1000er-Marke . . .

Ja, aber da hat er auch seine Tore im Training mitgezählt (lacht). Pele, das waren 1281 Tore nur in Pflichtspielen.

Wenn die Leute in Brasilien über die besten Kicker aller Zeiten sprechen: Kommen da nur Brasilianer, oder gehört auch ein Johann Cruyff, ein Beckenbauer in die Kategorie?

Jeder Fußballfan in Brasilien schwärmt von Beckenbauer. Cruyff, Maradona, auch Lothar Matthäus und Sepp Maier werden hier als absolut herausragende Spieler verehrt.

Peles 1000. Tor gab es als Briefmarke, und als er es schoss, wurden die Kirchenglocken geläutet – ist er in Brasilien ein Heiliger?

Ja, er hat Heiligenstatus. Wissen Sie, was er nach seinem 1000. Tor sagte? Er hätte es seinem Vater, seiner Mutter widmen können. Aber er hat es Brasiliens Straßenkindern gewidmet. Weil er selbst eins gewesen ist. Er sagte, er hoffe, mit diesen 1000 Toren könne er zeigen, dass man etwas erreichen kann. Er hoffte, es ist ein Zeichen, dass Brasiliens Straßenkinder eine Zukunft haben können. Leider hat das nicht funktioniert. Kirchenglocken haben wegen eines Straßenkinds seitdem jedenfalls nicht noch mal geläutet.

Als Pele in Lagos aufspielte, stoppten im Bürgerkrieg von Nigeria die Kämpfe

Auch in anderen Ländern hatte Pele einen außerordentlichen Status: 1967 stoppten im Bürgerkrieg von Nigeria sogar die Kampfhandlungen, weil er in Lagos aufspielte . . .

Also, wenn ich so etwas höre, bekomme ich sofort Gänsehaut: Fußball ist Gänsehaut, Pele ist Fußball, Pele ist Gänsehaut. Fußball verbindet die Menschen, er hat eine unglaubliche Kraft, und wenn ein Spieler wie Pele dafür sorgen kann, dass ein Krieg stoppt, dass Menschen leben und nicht sterben, und sei es auch nur für einen Tag – ja, was gibt es denn Schöneres?

Wie steht es um seine Gesundheit? Im Juli litt die ganze Nation mit ihm, weil er mit einer Wirbelsäulen-OP ins Krankenhaus kam.

Oh Mann, sobald er zu einem Arzt geht, auch nur für eine Routineuntersuchung, stehen sofort die Fernsehkameras vor der Klinik, es wird live berichtet, es gibt Sondersendungen. Das ist wirklich verrückt, das kann man sich nicht vorstellen. Wir Brasilianer wünschen uns einfach, dass er ein langes Leben haben wird. Er ist eine lebende Legende.

Nächstes Jahr finden die Olympischen Spiele in Rio statt: Sollte er das Feuer entzünden dürfen?

Er ist zu 100 Prozent der richtige Mann dafür. Ja, das wäre eine Ehre, die ihm gebührt.

Kurioses: Wussten Sie schon, dass Pele ...

  • ... kurz vor der WM 2014 in Brasilien Diamanten aus seinem eigenen Haar herstellen ließ? Und zwar 1283 Stück - ein Edelstein für jedes der 1283 dokumentierten Tore der Legende. Die Diamanten entstanden durch ein ganz spezielles Verfahren, bei dem unter hohem Druck und großer Hitze die geologischen Bedingungen geschaffen wurden, bei denen auch in der Natur Diamanten entstehen. Ein Juwel kostete 7500 Dollar.
  • ... 1977 mit Franz Beckenbauer nackt unter der Dusche stand und dabei fotografiert wurde? Der Schnappschuss wurde vom deutschen Fotografen Volker Hinz geknipst. Das Bild des Stern-Mitarbeiters von Pelé und Beckenbauer entstand nach einem Spiel der New York Cosmos im Duschraum des Lockhart Stadium in Fort Lauderdale. Sowohl Pele, als auch der Kaiser kickten für die Mannschaft aus dem Big Apple. In den USA war es zu dieser Zeit noch üblich, dass Journalisten zehn Minuten nach Spielende in die Kabinen der Teams spitzeln durften - Hinz folgte bis unter die Dusche.
  • ... von CNN bereits für tot erklärt wurde? "Brasiliens früherer Fußballspieler Pele mit 74 gestorben", war beim Twitter-Account der Sendung "New Day" zu lesen - und dazu noch mit einer falschen Altersangabe.  Kurz darauf stellte der Sender richtig: "Sprecher von Pele erklärt CNN, dass er lebt und wohlauf sei." CNN räumte ein, dass der Account nicht gehackt worden, sondern die Meldung schlichtweg ein Fehler des Senders gewesen war.
  • ... einst Werbung für Potenzmittel machte? Für den Viagra-Hersteller Pfizer stand Pele mitten im Maracana-Stadion und empfahl dem Zuschauer, bei Potenzproblemen "offen mit seinem Arzt zu reden". Er selbst stellte später klar, dass er selbst nie auf das Wundermittelchen zurückgreifen musste. Pele zeugte übrigens sieben Kinder. Und falls Sie den Clip noch nicht kennen: Das ist die Potenzmittel-Werbung mit Pele

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