tz-Interview

Podolski: WM-Kader? „Wir brauchen diese Superstars nicht“

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Legendär: Lukas Podolski feiert mit Leroy Sane und Andre Schürrle seinen Treffer zum 1:0 gegen England. 

Im tz-Interview spricht Ex-Nationalspieler Lukas Podolski über sein letztes Duell gegen England, die Qualität der deutschen Mannschaft und die Chancen, den Weltmeistertitel zu verteidigen. 

München - Der 22. März diesen Jahres. Es war der Tag von Lukas Podolski. Beim Klassiker gegen England schoss der 130-fache Nationalspieler bei seinem Abschiedsspiel per Traumtor den 1:0-Siegtreffer. Am Freitag geht’s wieder gegen England – ohne Poldi. Im tz-Interview spricht er über den WM-Kader, Charaktere und die Chancen in Russland.

Herr Podolski, wie gerne erinnern Sie sich an das letzte Spiel gegen England?

Podolski: Es war emotional einer der schönsten Momente meines Lebens. Ich werde nie vergessen, wie nach dem Spiel noch 15 000 Kölner auf der Südkurve in Dortmund standen. Wir haben 1:0 mit meinem Tor gegen starke Engländer gewonnen, es hätte nicht besser laufen können.

England hat sich in den vergangenen Jahren verbessert. Wie schwer wird das Spiel in Wembley?

Podolski: Sie haben einen enormen Sprung gemacht in den letzten ein bis zwei Jahren. Die Engländer haben viele tolle Talente und sind in der Breite viel besser besetzt. Aber: Sie sind keine Turniermannschaft. In der Quali sind sie immer gut, aber dann hatten sie immer Probleme, diese Leistung im Turnier zu zeigen.

Auch Joachim Löw hat einen sehr breiten Kader. Wird es sein schwerster Job, seitdem der im Amt ist, die richtigen 23 Mann zu finden?

Podolski: Erst einmal ist es doch super, dass wir diese Situation haben. Viele Spieler wie Goretzka, Werner oder Stindl haben gezeigt, dass sie das Zeug dazu haben, eine wichtige Rolle zu spielen. Andererseits macht es das für Jogi nicht leichter, die richtige Mischung zu finden. Ich denke, dass sein Kern steht, denn den braucht er. Man kann als amtierender Weltmeister schließlich nicht mit zu wenig Turniererfahrung antreten. Da hilft auch das größte Talent oder die beste Qualität nichts.

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Podolski: Charaktere wie Lahm oder Schweinsteiger fehlen der Mannschaft

Sie haben sieben Turniere miterlebt. Welchen Tipp können Sie den Kandidaten geben?

Podolski: Es ist wichtig, jetzt einen guten Charakter zu zeigen. Die Tage, an denen man sich bei der Nationalmannschaft im Training oder Spiel beweisen kann, sind gering. Deswegen muss man immer 100 % geben, selbst bei der kürzesten Trainingseinheit.

Deutschland hat eine breite Masse. Aber auch die Klasse? Fehlen der Mannschaft die Superstars?

Podolski: Wir brauchen diese Superstars nicht. Es gibt auch nicht viele Nationen, die solche Spieler in ihren Reihen haben. Für Deutschland ist es viel wichtiger, einen guten Charakter zu zeigen und einen guten Kern von 23 Spielern zu haben. Das war schon immer unsere Stärke. Diese Qualität wird mir auch viel zu selten bewertet. Wir haben mit Neuer, Müller, Kroos, Özil, Hummels oder Boateng ja Spieler mit Weltklasseformat. Unsere Stärke ist aber auch, dass keiner den Superstar raushängen lässt.

Seit der WM 2014 sind viele etablierte Spieler wie Sie, Schweinsteiger, Lahm, Mertesacker oder Klose zurückgetreten. Fehlen der Mannschaft solche Charaktere?

Podolski: Klar! Man kann ja die Erfahrung nicht von heute auf morgen ersetzen. Ich war immer einer, der zu einer guten Stimmung beitragen konnte. Aber das ging auch nur, weil ich schon vieles erlebt hatte. Solche Charaktere wie von Basti, Philipp oder Per fehlen einfach.

Wie kann man die Lücke schließen?

Podolski: Das kommt mit der Zeit. Aber die jungen Spieler müssen eben auch zeigen, dass sie diese Verantwortung übernehmen möchten. Beim Confed Cup hat dies ja schon richtig gut funktioniert. Auch ich bin erst in eine solche Rolle gewachsen. Ich war zwar nie Kapitän oder im Spielerrat, aber ich hatte trotzdem immer den Anspruch, etwas bewegen zu wollen. Das muss von einem selbst kommen.

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Wagner? „Mir macht es Spaß, ihm zuzuschauen“

Ist Leon Goretzka einer, der das Potenzial dafür hat?

Podolski: Ja, er hat einerseits die Qualität dafür, aber auch den Charakter, mit breiter Brust aufzutreten. Aber auch Leroy Sané spielt gerade eine richtig gute Saison und hat einen riesigen Sprung gemacht.

Sandro Wagner ist die Überraschung der vergangenen Spiele.

Podolski: Er zeigt sich absolut positiv, will seine Chance nutzen. Er hat Charakter, geht voran, ist laut und haut auch mal dazwischen. Mir macht es Spaß, ihm zuzuschauen.

Wie sehen Sie allgemein die Situation im Sturm?

Podolski: Wir haben mit Werner, Wagner, Gomez, Stindl und auch wieder Götze super Spieler auf der Position. Also wenn das nicht gut genug ist, dann habe ich keine Ahnung von Fußball.

Hat es Sie überrascht, mit welcher Leichtigkeit die Nationalmannschaft durch die Quali gefegt ist?

Podolski: Nein. Wir sind das konstanteste Land von allen. Jogi ist seit Jahren dabei, bei allen anderen Ländern sind neue Trainer oder Manager gekommen. Unsere Philosophie hat sich nie großartig verändert, das zahlt sich aus. Das zeigt auch der Confed-Cup-Sieg. Das ist ja ein großes Turnier und nicht der Geißbock-Cup.

Wie lautet ihre Aussicht auf das WM-Turnier?

Podolski: Wir haben die Qualität, um den Titel verteidigen zu können. Aber am Ende zählt die gute Quali oder der Confed Cup nichts, denn nur im Juni zählt’s! Wir haben schon immer bewiesen, dass wir diesen Turniermodus besitzen. Ich freue mich auf jeden Fall auf mein erstes Turnier vor der Glotze!

Interview: Tobias Lempe

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