Polizei-Bilanz des Schreckens

Fußball-Gewalt auf Rekordniveau

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Frankfurter Fans entzündeten zu Spielbeginn im Karlsruher Wildparkstadion am 6. Mai 2012 Feuerwerkskörper.

Köln - Durch eine Bilanz des Schreckens für die auf Rekordniveau gestiegene Gewalt im deutschen Fußball hat die Polizei die Klubs bei der Ausarbeitung neuer Sicherheitsrichtlinien unter Druck gesetzt.

Niemals zuvor hat die Zentrale Informationsstelle Polizeieinsätze (ZIS) in Zusammenhang mit Spielen der beiden höchsten Ligen mehr Strafverfahren, mehr Verletzte, mehr gewaltbereite Hooligans und mehr Polizei-Arbeitsstunden registriert als in der vergangenen Saison 2011/12.

„Ausschreitungen durch aggressive und gewaltbereite Personen in der Fußballfanszene bewegen sich seit Jahren auf einem ansteigend hohen Niveau. Die Zahlen im Zusammenhang mit Fußballspielen liegen über dem Durchschnitt der letzten Jahre. Die Polizeibehörden berichten zunehmend über eine gesteigerte Aggressivität“, teilte die ZIS mit.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) reagierten zurückhaltend auf die alarmierenden Daten aus Duisburg. Beide Verbände fürchten in der Gewalt-Diskussion einen Verlust von Souveränität an staatliche Institutionen. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger wertete den Report denn auch gut drei Wochen vor der angestrebten Verabschiedung eines Sicherheitskonzeptes der DFL als „Alarmsignal“.

Noch deutlicher wurde Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU): „Die Besorgnis erregenden Zahlen belegen die zunehmende Gewalt im Fußball und die massive Nutzung von Pyrotechnik. Besonders erschreckend ist, dass Pyrotechnik immer wieder zielgerichtet gegen Fangruppen und Polizeibeamte eingesetzt wird. Damit werden schwere Verletzungen billigend in Kauf genommen. Das ist nicht hinnehmbar.“

So registrierten die Behörden in der vergangenen Saison insgesamt einen fast 40-prozentigen Anstieg der Strafverfahren (Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte) auf 8100 Fälle (Vorjahr: 5800). Signifikant dabei die Zunahme von Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz: 1449 Verfahren wegen des Abbrennens von Pyrotechnik bedeuten einen Anstieg um 77,36 Prozent (817). 1152 Verletzte sind 35 Prozent mehr als in der Saison 2010/11 (846) - mehr als die Hälfte der Verletzten waren Unbeteiligte oder Sicherheitskräfte.

Die Polizei leistete Schwerstarbeit: Sage und schreibe 1.884.525 Arbeitsstunden (entsprechen über 1000 Vollzeitstellen mit 40-Stunden-Woche und sechs Wochen Jahresurlaub) bedeuteten verglichen mit dem Vorjahr 320.000 Stunden oder beinahe 20,5 Prozent zusätzliche Belastung. Bei einem Anstieg der gewaltbereiten Fans von 9685 auf 11.373 bekannte Krawallmacher (plus 17,42 Prozent) kaum verwunderlich.

Die DFL betonte mit Blick auf den 12. Dezember die Bedeutung eines Sicherheitskonzeptes. „Wir brauchen eine Versachlichung der Diskussion. Umso wichtiger ist es, dass sich alle Beteiligten zu ihrer Verantwortung bekennen und entsprechend handeln: Vereine und Verbände genauso wie Politik und Polizei, aber natürlich auch die Fans selbst. Vor diesem Hintergrund arbeitet der Ligaverband gemeinsam mit den Clubs und im Dialog mit allen Seiten an praktikablen Lösungsansätzen mit Augenmaß“, schrieb die DFL.

Beim DFB erklärte der Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Legert, dass man einer Entwicklung in manchen Bereichen „entschlossen entgegensteuern“ müsse. Das komplexe Problem könne der DFB „nur gemeinsam mit der Liga, den Vereinen, der Polizei, der Justiz und den friedlichen Fans lösen“.

Friedrich stellte klar: „Die Zahlen zeigen, wie richtig und wichtig es ist, dass wir uns im Juli mit DFB, DFL und den Vereinen der obersten drei Ligen auf konkrete Maßnahmen für mehr Sicherheit in den Stadien geeinigt haben. Diese Konzepte müssen jetzt konsequent umgesetzt werden.“

Jäger, der ebenso den Stellenwert eines Dialogs mit den Fans unterstrich, sieht den Fußball in der Pflicht: „8100 Strafverfahren sind viel zu viel. DFB und DFL sind jetzt gefordert. Verbände und Vereine müssen mehr für die Sicherheit von Fußball-Spielen tun und dabei die Fans mit ins Boot holen.“

Wurfgeschosse in Stadien: Bierbecher, Sellerie, eine Katze und Dildos

1.4.2011: Beim Spiel St. Pauli gegen den FC Schalke 04 wurde Schiedsrichter-Assistent Thorsten Schiffner von einem Bierbecher getroffen. Das Spiel wurde abgebrochen. Hier sehen Sie weitere Geschosse, die auf Spielfelder jeglicher Sportarten geworfen wurden. Einige davon sind sehr skurril - aber gefährlich sind die meisten allemal. Also: Bitte nicht nachmachen! © Getty
Thorsten Schiffner war nicht der erste Schiedsrichter-Assistent, der von einem Becher getroffen wurde. 2006 streckte Kai Voss beim DFB-Pokal-Spiel zwischen Stuttgarter Kickers und Hertha BSC ein Bierbecher nieder. © getty
Deutschlands Torhüter bei der Weltmeisterschaft 1974 wurde von einem Gymnasiasten 1971 mit einem Messer beworfen. Er wurde aber - zum Glück - nicht getroffen. © dpa
Ein Motorroller im Stadion (hier mit Uli Hoeneß am Steuer) ist schon ungewöhnlich. Erst recht beim Mailänder Derby 2001: Dort versuchten Stadionbesucher einen Roller von der Tribüne zu werfen. © getty
Frank Baumann (M.) erwischte es während eines Bundesligaspiels. Er wurde im November 2008 von einem Handy-Akku getroffen. © getty
Im Carling-Cup-Finale 2007 zwischen dem FC Chelsea und dem FC Arsenal flog Sellerie von den Rängen. Arsenals Fabregas kann es nicht verstehen. Die Fans des FC Chelsea sangen bei fast jedem Spiel ein nicht jugendfreies Lied, in dem auch das Gemüse vorkommt. © getty
Beim UEFA-Cup-Spiel zwischen NEC Nijmegen und dem HSV traf Schiedsrichter Darko Ceferin ein undefiniertes Wurfgeschoss am Kopf. Das Spiel musste unterbrochen werden. © getty
Anders Frisk wurde beim Champions-League-Spiel zwischen AS Rom und Dynamo Kiew von einem Wurfgeschoss getroffen und musste mit einer Platzwunde vom Platz. © getty
Oliver Kahn traf am 12. April 2000 in Freiburg ein Golfball. Blutüberströmt musste er von Uli Hoeneß zurückgehalten werden, da er völlig außer sich war. © ap
FC Liverpool - AFC Sunderland im Oktober 2009: Ein großer roter Strandball wurde aufs Spielfeld geworfen. Dort landete er im Liverpooler Strafraum, wo der Ball einen Schuss unhaltbar für José Reina abfälschte. Das Spiel endete 0:1.  © getty
Halbfinale UEFA-Cup: Hamburger SV gegen Werder Bremen: Stand 1:2 für Bremen. Diese Papierkugel lenkte einen Ball entscheidend zur Ecke ab, die prompt das 1:3 für die Werderaner brachte. Trotz des Anschlusstreffers drei Minuten vor Schluss schied Hamburg aus. © dpa
Auch Toilettenpapier fliegt regelmäßig auf den Rasen. Hier beim Spiel FC Bayern gegen den 1. FC Nürnberg. Raphael Schäfer, Torhüter des "Clubs", zeigte sich aber unbeeindruckt. © getty
Im Carling-Cup-Halbfinale gegen den Ortsrivalen ManU wurde Craig Bellamy 2010 von einer Münze am Kopf getroffen. Eine heranfliegende Bierflasche flog knapp an ihm vorbei. © getty
Mailänder Derby 2005: Im Champions-League-Viertelfinale wurde AC Milans Torhüter Dida von Leuchtraketen getroffen und sank zu Boden. Das Spiel wurde abgebrochen. © dpa
Neben Leuchtraketen und einer Rumflasche warfen Zuschauer 2006 auch eine Katze auf das Spielfeld: Geschehen beim Derby zwischen Real Betis und FC Sevilla. © dpa
Viele Ratten wurden bei den Florida Panthers ab 1992 aufs Spielfeld geworfen. Grund: Scott Mellanby tötete eine Ratte in der Kabine mit dem Stock und traf danach zwei Mal. 1996 wurde diese Sitte verboten. © dpa
Super-League-Spiel zwischen Luzern und Basel am 7.November 2010: Fans des FC Basel warfen Tennisbälle auf das Spielfeld. Damit sollte gegen die frühe Anstoßzeit der Partie protestiert werden, welche auf Druck des Schweizer Fernsehens und wegen des Finals der Swiss Indoors in Basel vorverlegt wurde. © dpa
Ein Schweinekopf flog im Camp Nou beim "Clasico" zwischen Real Madrid und FC Barcelona aufs Spielfeld. Damit wollten die Fans von Barca ihre Meinung zum Wechsel von Luis Figo von Barcelona zu Real zeigen. © dpa
Stadionsitze sind, besonders in Südamerika, beliebte Wurfgeschosse. Allerdings auch in Europa kommt es vor, dass Sitze aufs Spielfeld fliegen, so auch 2000 beim Spiel Sevilla gegen Atletico Madrid. © dpa
Paul hatte Glück, in einem Aquarium zu leben. In der NHL wurden bei Siegen der Detroit Red Wings Tintenfische regelmäßig aufs Eis geworfen. Das hatte Tradition, da 1952 ein Besitzer eines Fischlokals immer ein Oktopus aufs Feld warf, der für die Play-offs einen Sieg bescheren sollte. Das schwerste Tier wog 25 Kilo. © dpa
Zahlreiche Dildos flogen im Oktober 2008 im Spiel zwischen AIK Stockholm gegen Leksand aufs Eis. Die Fans des Stockholmer Eishockey-Klubs zeigten damit ihren Unmut über Jan Huokko, der sich zum Jahresanfang einen Sexskandal leistete. © dpa

Der ZIS-Bericht widerlegt zuletzt in der Debatte über das künftige DFL-Konzept aufgestellte Behauptungen von einer unveränderten Situation und einer Dramatisierung besonders schwerwiegender und spektakulärer Vorfälle. So hatte Fan-Forscher Gunter A. Pilz erst vor Monatsfrist Reden von einer „neue Welle der Gewalt“ als „unverantwortlich“ bezeichnet: „Die Gewalt hat in ihrer Quantität nicht zugenommen, nur deren Qualität“, meinte Pilz.

Mit Blick auf die jüngste Entwicklung sprach sich die Gewerkschaft der Polizei einmal mehr für eine Null-Toleranz-Politik der Vereine aus: „Die Rädelsführer müssen isoliert und es muss ihnen das Handwerk gelegt werden. Wenn der Gewaltspirale die Spitze gebrochen werden soll, müssen sich Vereine und Sicherheitsbehörden auf diejenigen konzentrieren, die besonders innerhalb der “Ultra-Gruppierungen die Aggressivität anheizen. Die Vereine müssen sich von den Personen abgrenzen, die den Fußball in Verruf bringen. Dazu gehört auch ein kritisches Überdenken der Bevorzugung von Ultra-Gruppierungen", sagte GdP-Chef Bernhard Witthaut. Sein Stellvertreter Arnold Plickert hatte unlängst bereits "Fußball-Staatsanwälte" und stärkere Unterstützung des Gesetzgebers im Kampf gegen die Gewalt gefordert.

SID

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