„Totale Selbstüberschätzung“

Heftige Kritik am Profifußball: Experte moniert „Abgehobenheit“ und prognostiziert Abwendung vieler Fans

Ein Fußball landet im Tornetz, das ausgebeult wird
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Der Ball rollt, damit der Rubel rollt: Der Profisport macht auch vor einer Pandemie nicht Halt.

An Profifußball während der Pandemie rüttelt längst niemand mehr. Weil der Gegenwind viel zu groß wäre. Ein Trendforscher kritisiert das Bild der Branche und äußert eine folgenschwere Vorahnung.

München - Der Profisport genießt in der Corona-Krise eine Sonderstellung. Während für Privatpersonen Reisen nur schwer möglich sind, sind die Vereine seit Monaten wieder viel unterwegs, um auch internationale Wettbewerbe austragen zu können. Einschränkungen scheinen im Zuge möglicher Lockdown-Verschärfungen überhaupt nicht in Betracht gezogen zu werden. Dass täglich Fußballspiele stattfinden, gehört auch in der Pandemie zur Normalität. Und wird von keiner Seite infrage gestellt.

Die herausgehobene Stellung moniert auch Eike Wenzel. Der Trendforscher kritisiert daher die Eigenwahrnehmung und
das Selbstbild im Fußball kritisiert. „Der Fußball überschätzt sich in seiner Bedeutung total“, sagte der 54-Jährige dem Tagesspiegel in einem Interview. „Inzwischen denken viele der Protagonisten, er sei tatsächlich systemrelevant. Wenn die Bundesliga im vergangenen Frühling richtig gestoppt worden wäre, hätten sie das Fernsehen gleich auch dichtmachen können.“

Trendforscher kritisiert Entwicklung im Fußball: „Abgehobenheit spiegel sich in Gehältern wider“

Von ganz vielen Seiten hätte das große Interesse bestanden, dass es Fußball als Sedativum (Beruhigungsmittel) bei Corona gebe, sagte Wenzel, der Gründer des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung in Heidelberg. „Die Abgehobenheit spiegelt sich beispielsweise in den Gehältern wider.“

Er geht aber nicht davon aus, dass sich die Fans zunächst abwenden werden wegen der Geisterspiel-Situation. „Der Fußball ist eine globale Marke mit eigenen Helden, die er pflegt. Eine Erlebniswelt, das neue Hollywood, das die Freizeitgewohnheiten der Menschen in den letzten 20 Jahren am stärksten geprägt hat“, erklärte Wenzel.

Trendforscher kritisiert Entwicklung im Fußball: Fans bleiben wohl auch nach Geisterspielen vorerst treu

Der Forscher erwartet nach eigener Aussage keinen Abschwung, wenn die Geisterspiele in absehbarer Zeit vorbei sein würden. Wann wieder Zuschauer bei den Spielen in Deutschland zugelassen sein werden, ist allerdings momentan völlig offen angesichts wieder steigender Zahlen während der seit über einem Jahr grassierenden Corona-Pandemie.

Die Gefahr, die er im Fußball-Geschäft durch dessen „enorme strukturelle Probleme“ ausgemacht hat, ist, dass sich die Fans
wirklich dauerhaft abwenden würden, „falls sich nichts Grundlegendes ändert“, meint Wenzel. „Viele gucken jetzt trotzdem, verbunden mit der Hoffnung auf eine Veränderung. Finden die Spiele bis Jahresende weiter ohne Zuschauer statt, würde das bei zahlreichen Fans schon zu Frustration führen“, meinte er: „Heißt es jedoch nächste Saison, Tore auf, Leute rein, könnte relativ schnell alles so sein wie früher. Erst einmal.“ (dpa, mg)

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