Real Madrid unterwirft sich José Mourinho

José Mourinho bekommt alle Macht bei Real Madrid.

Madrid - Punktsieg für Jose Mourinho, K.o. für Jorge Valdano: Mit der Entlassung des Generaldirektors unterwift sich Real Madrid ganz dem Startrainer. Das Aus des „Fußball-Philosophen“ kommt einem Erdrutsch gleich.

Nuri Sahin hat vermeintlich das ganz große Los gezogen. Einen „Sechser im Lotto“ nannte der Neuzugang von Real Madrid in der Bild das Privileg, künftig mit Startrainer Jose Mourinho zusammenarbeiten zu dürfen. Dass man bei „The Special One“ leicht auch die Niete ziehen kann, musste Reals Generaldirektor Jorge Valdano erfahren.

Denn am Mittwochabend verkündeten die „Königlichen“ nach monatelangem Machtkampf zwischen Trainer und Generaldirektor die Entlassung Valdanos. „Mit einem so potenten Trainer wie Mourinho mussten wir ein Modell ähnlich dem der englischen Klubs wählen“, sagte Real-Präsident Florentino Perez auf der eigens einberufenen Pressekonferenz. „Wir wollen, dass er (Mourinho, Anm. d. Red.) viele Jahre bei uns bleibt.“

Um diesen Wunsch zu erfüllen, schreckte der Real-Boss auch nicht davor zurück, Valdano, der dem Klub als Spieler, Trainer und Funktionär 27 Jahre lang gedient hatte, vom Hof zu jagen. Das Zepter schwingt künftig ausschließlich Mourinho, auch wenn in spanischen Medien bereits Zinedine Zidane als neuer Sportdirektor gehandelt wird.

Schlechter Verlierer: Die Skandale und Eskapaden des José Mourinho

Februar 2004: Mourinho wird vorgeworfen, im Punktspiel des FC Porto bei Sporting Lissabon auf dem Weg in die Kabine Sporting-Spieler Rui Jorge angegriffen und dessen Trikot zerrissen zu haben. © dpa
Februar 2005: Mourinho wirft dem schwedischen Referee Anders Frisk vor, in der Halbzeit des Champions-League-Spiel von Chelsea beim FC Barcelona Trainer-Kollege Frank Rijkard in die Kabine gelassen zu haben. Aus Trotz bleibt er der Pressekonferenz fern. Frisk bestreitet die Vorwürfe, erhält Morddrohungen, beendet seine Karriere. Mourinho wird für zwei Spiele gesperrt. Er habe den Fußball “in Verruf gebracht“, schreibt die UEFA-Disziplinarkommission. © Getty
Mai 2005: In der Champions League gegen den FC Liverpool sagt Mourinho nach dem umstrittenen Siegtor von Liverpools Luis Garcia: “Der Linienrichter schoss das Tor.“ Es hagelt Kritik an ihm. © Getty
März 2007: Nach einem Pokalspiel Chelseas gegen Tottenham soll Mourinho den Schiedsrichter als “Hurensohn“ bezeichnet haben. “Das war nicht beleidigend gemeint, auch wenn man sie als Beleidigung verstehen kann“, sagt er. © Getty
April 2007: Mourinho reklamiert im Champions-League-Spiel Chelseas gegen Liverpool heftig einen Handelfmeter, obwohl sich die fragliche Szene außerhalb des Strafraums abgespielt hatte. Schiedsrichter Markus Merk wird zum Prügelknaben des Portugiesen. © Getty
November 2008: Während eines Live-Fernsehinterviews sorgt Mourinho für einen Eklat. Weil der Moderator des öffentlich-rechtlichen TV-Senders RAI ihn nach dem 1:0-Sieg gegen Inter mit seinem Vorgänger Roberto Mancini vergleicht, bricht Mourinho das Interview ab. © Getty
Dezember 2009: Nach dem 1:1 bei Atalanta Bergamo greift Mourinho einen Reporter an und zerrt ihn am Arm aus einem Interviewraum. © Getty
Februar 2010: Beim 0:0 gegen Sampdoria Genua legt er sich mit dem Schiedsrichter an. Nach zwei Roten Karten für Inter zeigt der Portugiese mit überkreuzten Handgelenken an, dass der Referee in Handschellen aus dem Stadion geführt werden müsse. Das bringt ihm ein Sperre von drei Spielen und 40 000 Euro Strafe ein. © Getty
Februar 2010: Mourinho sagt nach dem Derby gegen den AC Mailand: “Heute wurde alles getan, damit wir nicht siegen“. Konsequenz: eine Geldstrafe von 18 000 Euro. © Getty
November 2010: José Mourinho wird in Spanien wegen einer rüden Schimpfattacke gegen einen Schiedsrichter für zwei Spiele gesperrt worde. “Geh zur Scheiße!“, hatte er dem Referee in einem Pokalspiel hinterhergerufen - obwohl Real 5:1 gewinnt. © Getty
Dezember 2010: Nach einem 1:0 der Madrilenen über den FC Sevilla legt Mourinho eine Liste mit “13 gravierenden Fehlentscheidungen“ vor. Clubpräsident Florentino Pérez meint: “Es ist in unserem Verein üblich, dass wir uns nicht über die Schiedsrichter äußern.“ © Getty
Februar 2011: Mourinho attackiert nach Reals Champions-League-Partie bei Olympique Lyon den deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark. Wieder geht es um einen vermeintlichen Elfmeter. “Ich habe das Handspiel aus 50 Metern Entfernung erkannt, aber der Schiedsrichter stand nur fünf Meter weg und hat nichts gesehen.“ © Getty
März 2011: Mourinho beschimpft einen Reporter als “Heuchler“, der den Portugiesen nach dessen jüngsten Klagen über die Schiedsrichter und die Terminpläne befragt hatte. “Was ich sage, sind keine Klagen, sondern Wahrheiten“, behauptete der Portugiese. © Getty
April 2011: Mourinho ledert nach dem CL-Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona (0:2) gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark, die UEFA und den FC Barcelona sowie dessen Coach Pep Guardiola. Der Portugiese wittert mal wieder eine Verschwörung und glaubt, der FC Barcelona würde seit Jahren im Europapokal bevorzugt. © Getty
August 2011: Mourinhos Besessenheit für den FC Barcelona nimmt groteske Züge an. Kurz vor dem Ende des Supercup-Rückspiels bei Barca (2:3) rastet der Portugiese im Zuge einer Rudelbildung aus, tritt zunächst den am Boden liegenden Cesc Fabregas und greift anschließend Barca-Co-Trainer Tito Vilanova ins Auge. © dpa
Januar 2012: Hier greift sich Mourinho ausnahmsweise mal selbst ins Auge. Nach dem Pokal-Aus im Viertelfinale gegen den FC Barcelona fühlt sich Mourinho mal wieder benachteiligt. Er lauert dem Schiedsrichter in der Tiefgarage auf und sagt: "Du Künstler, du fickst die, die arbeiten. Du respektierst nicht die richtigen Profis. Jetzt gehst du eine Zigarre rauchen und dann gehst du nach Hause, du Lümmel.“ © dpa
Winter 2012: Nach heftiger Kritik in der Öffentlichkeit an seiner Außendarstellung präsentiert sich Mourinho vor dem Heimspiel gegen Atletico Madrid den Fans und steht einige Minuten mitten auf dem Feld, "damit die Leute ihre Meinung über mich abgeben können". Die Reaktionen im spärlich gefüllten Stadion sind gemischt. © dpa
Nach seinem Abschied zum FC Chelsea kartet Mourinho nach: Das Opfer dieses Mal: Cristiano Ronaldo. "Ich hatte ein einziges Problem mit ihm: Cristiano denkt, dass er alles besser weiß, und er akzeptiert keine Kritik an seiner Spielweise", sagte Mourinho, obwohl sein Landsmann auch in Mourinhos letzter Saison bei Real bester und torgefährlichster Spieler war. © dpa
August 2013: Auch bei Chelsea kann es Mourinho nicht lassen - und lästert dabei sogar Europa-übergreifend. Die Giftpfeile treffen seinen Intimfeind und Neu-Münchner Pep Guardiola. Vor dem Supercup-Spiel gegen den FC Bayern stichelt er: „Der FC Bayern des Jupp Heynckes war das beste Team Europas. Jetzt haben sie einen neuen Trainer und neue Spieler – und ich bin nicht mehr sicher, ob sie immer noch so gut sind.“ © dpa
März 2014: Seine Ex-Vereine sind Mourinho heilig. Der Portugiese schimpft und lästert über vieles, aber gegen seine ehemaligen Arbeitgeber und Spieler eigentlich nicht. Über einige Spieler von Real Madrid sagte Mourinho aber: "Bei Real Madrid standen die Spieler vor den Spielen in der Kabine Schlange vor dem Spiegel, damit sie ihre Frisuren noch überprüfen konnten, bevor es raus auf den Platz ging", lästere Mourinho. © AFP
September 2014: Wieder mal eine Attacke von Mourinho gegen seinen Erzfeind Pep Guardiola, dieses mal sogar auf persönlicher Ebene: "Wenn einer das genießt, was er tut, dann verliert er nicht die Haare. Guardiola aber hat eine Glatze. Er genießt den Fußball nicht", lautete die unverschämte Aussage des ehemaligen Trainers von Real Madrid. Vorausgegangen war ein Disput der beiden bei der Trainertagung in Nyon, bei dem es um die vorgeschriebene Rasenlänge bei internationalen Spielen ging. © AFP

Perez begründete seine Entscheidung mit der „offensichtlichen Störung“ zwischen Trainer und Generaldirektor. Bereits im Winter soll Mourinho Perez die Pistole auf die Brust gesetzt und die Entlassung Valdanos zur Bedingung für seinen Verbleib bei den „Königlichen“ gemacht haben.

Für die Differenzen zwischen Trainer und Generaldirektor konnte Perez allerdings nicht ein einziges konkretes Beispiel nennen. Ähnlich erging es auch Valdano selbst. „Ich habe Real Madrid niemals in ein Schlachtfeld verwandelt. Ich habe versucht, die Sache einzudämmen“, sagte der 55-Jährige. „Es hat niemals eine Konfrontation gegeben, die die Differenzen, von denen der Trainer spricht, rechtfertigen würde. Es muss mit einer Differenz in der Empfindsamkeit zu tun haben, die sich in vielen Dingen zeigt - in der Vorstellung von Fußball, in der Vorstellung von unserem Klub.“

In den Augen Valdanos, der in Spanien und Lateinamerika als „Philosoph des Fußballs“ bekannt ist und dessen Buch „Über Fußball“ 2006 in Deutschland den Preis als „Fußballbuch des Jahres“ erhielt, wurde Mourinho durch seine wiederholte und mitunter abenteuerliche Schiedsrichter-Schelte sowie die destruktive Spielweise nicht dem Anspruch des Weltklubs gerecht. „Gegen einen Gegner zu spielen, der sich nur verteidigt, ist so, als ob man mit einem Baum Liebe macht“, sagte Valdano einmal.

Für den Weltmeister von 1986 ist der Mythos Real nicht nur bloßes Marketing. Königlich und vorbildlich - so lässt sich der Anspruch des Mannes beschreiben, der als Sportdirektor die Ära der „Galaktischen“ mit Zidane, Luis Figo, Ronaldo und David Beckham verantwortete. „Ich liebe diesen Klub, und ich habe all meine Kraft investiert, um seine Größe zur Geltung zu bringen“, sagte Valdano: „Wenn das als Konfrontation aufgefasst wurde, dann hat Florentino Perez mit aller Deutlichkeit den Sieger des Kampfes gekürt.“

sid

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