Regenbogen-Flitzer von der Allianz-Arena spricht im Interview mit der tz

Luca (18) ist der Regenbogenflitzer von der Allianz Arena

Das ist Luca, der Regenbogenflitzer von der Allianz-Arena auf seinem Balkon.
+
Luca wohnt in der Nähe von Köln und ist Schüler.

Er konnte einmal quer durch die Allianz Arena über den Rasen spurten und am 4. Juni vor der ungarischen Elf die Regenbogenfahne hissen – dann erst holten ihn die Ordner ein. Jetzt spricht Luca (18) exklusiv in der tz.

Fast 26 Millionen Zuschauer sahen alleine in Deutschland das letzte Vorrundenspiel der Deutschen bei der EM gegen Ungarn in der Allianz Arena. Die ganz Aufmerksamen haben den Flitzer bemerkt, der zur ungarischen Nationalhymne über den Rasen lief, sich vor der ungarischen Mannschaft aufstellte und die Regenbogenfahne emporreckte. Als Zeichen für Freiheit, Liebe und Toleranz. Luca (18), ein politisch motivierter Flitzer, der Ungarns Anti-Homosexuellen-Politik kritisiert. Ist Luca ein Ärgernis, weil er ein Fußballspiel als politische Bühne nützt, oder ist er ein Held, der für die Schwachen aufsteht?

Luca, wie kam es zu deiner Aktion?

Luca präsentiert die Regenbogenfahne der ungarischen Nationalmannschaft

Luca: Ich hatte vor dem Ungarn-Spiel mitgekriegt, dass die Allianz Arena nicht in Regenbogenfarben leuchtet, das hat mich enttäuscht. Da war mein erster Gedanke: Was kann man da machen? Dann habe ich geguckt, was die Karten kosten und dachte, ich kaufe mir eine, fahre hin und nehme die Pride-Flagge mit, wenn die UEFA nicht die Flagge zu den Menschen bringen will, müssen die Menschen die Flagge zur UEFA bringen.

Was war deine Motivation?

Luca: Ich bin schwul und ich habe ziemliches Glück, dass ich in Deutschland der sein kann, der ich bin und Familie und Freunde habe, die mich akzeptieren und lieben. Ich wollte, dass die LGBT-Leute in Ungarn sehen, dass das so ok ist und dass da Leute sind, die das unterstützen, auch wenn ihre Politik das anders sieht.

Kennst du Leute dort?

Luca: Nein, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es unglaublich deprimierend und schrecklich ist, wenn man als queere Person in einem Land lebt, in dem man sich nicht über LGBT bilden und informieren kann. Es ist wichtig, dass das öffentlich thematisiert wird und auch in TV-Serien Normalität ist, es gibt auch eine Geschichte der Regenbogenflagge, das ist Wissen, das man haben soll. Wenn aber dein ganzes Umfeld dir sagt, das ist nicht ok, du kannst nicht darüber reden, ist das schrecklich, das hat kein Mensch verdient.

Bist du Fußballfan?

Luca: Ich gucke gerne EM und WM und bin FC Köln-Fan. Mich stört aber, wie sich die UEFA verhält. Sehr viel, was jetzt während der EM passiert ist, ist  scheinheilig. Als ich in München war, hat die UEFA Regenbogentrikots verkauft, da stand „Solidarität“ drauf. Ich kaufe das denen nicht ab, das sieht mehr nach: „Da machen wir mal Trikots, um Geld zu verdienen“ aus. Als Neuer seine Binde getragen hat und die UEFA ermittelte, war das schlimm. In bestimmten Stadien werden keine Werbungen mit Regenbogenfarben geschaltet. In Aserbaidschan hat man bei der EM Fans eine Regenbogenflagge im Stadion weggenommen. Wenn es Geld bringt, ist es ok. Sobald es schwierig wird und um Solidarität und Unterstützung geht, taucht die UEFA ab.

Wie war das jetzt im Stadion?

Luca: Ich saß im Ungarn-Block ganz oben. Da waren nicht so viele Leute, ich ging weiter nach unten, ich dachte mir, da sieht man meine Flagge besser. Als die Hymne kam, habe ich mir gedacht: Die Ungarn sollen die Hymne auch für die singen, die die Regenbogenfahne schwenken. Es gibt auch Schwule Lesben Transgender in Ungarn, die sind doch auch Ungarn, wieso soll die Hymne nicht auch für die gesungen werden?

Und die ungarischen Fans, wie haben die reagiert?

Luca: Ich habe die Fahne erst rausgeholt, als ich nach unten gerannt bin. Es war der richtige Moment. Vor den Treppen standen  Kontrolleure, ich habe mich daneben gestellt, ans Gitter, hab gewartet, zugeguckt und Fotos gemacht, damit es nicht auffällt. Als es losging, dachte mir: Jetzt oder nie, ich bin einfach gerannt. Die Kontrolleure haben nicht gecheckt, was ich mache. Als ich drüber bin, war es zu spät für sie. Ich bin einfach aufs Spielfeld gerannt.

Hast du da gar nicht gezaudert?

Luca: Ich hatte tatsächlich gedacht: Soll ich das machen? Wenn du das jetzt nicht machst, bereust du es. Als ich gerannt bin, war es ein unglaublich schönes Gefühl. Die deutsche Seite hat gejubelt. Als ich vor den Teams stand, haben die  Ungarn weggeguckt, ich hatte aber das Gefühl, das mich jeder deutsche Spieler anguckt, dann der Jubel von den deutschen Fans, das war total emotional. ich dachte: Seht auf die Flagge, seht dass sie da ist! Das war einfach aufregend!

War die Aktion nicht gefährlich?

Luca: Ein Mann hat mich dann umgeworfen, das sah brutal aus, hat aber nicht wehgetan. Ich hätte mich nicht verletzen können und andere auch nicht. Ich hatte Glück. Ich hätte nie jemanden umgerannt, um das zu machen. Die Botschaft ist doch: Liebe akzeptieren! Die Bahn war frei. Darum hat es geklappt.

Wie ging es dann weiter?  

Luca: Sie waren alle nett zu mir. Ich kam auf die Polizeiwache im Stadion, ich wurde vernommen. Als das Spiel zu Ende war durfte ich gehen.

Welche Konsequenzen hat das jetzt?

Luca: Es gab eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, ein bundesweites Stadionverbot ist im Gespräch.

Könnte die UEFA die Anzeige zurückziehen?

Luca: Das wäre natürlich eine schöne Sache.

Wie waren die sonstigen Reaktionen?

Luca: Die Unterstützung, die ich bekommen habe, hätte ich nie erwartet. Nach zwei Stunden gab es eine Spendenaktion für die Kosten, die auf mich zukommen können. Da haben so viele gespendet, mein ganzer Jahrgang, von meinen Freunden kam so viel Liebe und Unterstützung, das hatte mich sehr gefreut. Wenn irgendwo Berichte über meine Aktionen gepostet wurden, gab es natürlich in den Kommentaren unterirdische Reaktionen, so von wegen dass ich therapiert gehöre usw., aber damit komme ich zurecht.

Wie siehst du den Umstand, dass sich noch kein deutscher schwuler Profifußballer geoutet hat?

Luca: Ich finde es schade, dass Fußball kein sicherer Ort für queere Leute ist. Aber es wäre dumm zu sagen, dass sich jeder outen kann ohne Probleme zu haben, weil das einfach nicht der Fall ist. Fußballer müssen nur eine Regenbogenbinde tragen um von Fans und Politikern aufs schlimmste beleidigt zu werden. Allerdings finde, ich dass man dahin arbeiten sollte, ein Umfeld im Fußball zu schaffen wo es akzeptiert wird und es nicht mehr problematisch ist sich zu outen, anstatt es einfach so hinzunehmen.

Immerhin hat Manuel Neuer eine Regenbogenarmbinde während der EM getragen…

Luca: Das hatte hat mich sehr gefreut. Man muss nicht schwul sein, um den  Regenbogen zu zeigen. Das wichtige ist, dass Leute aufstehen, die nicht schwul sind und sagen: Ich finde, dass sie so behandelt werden wie ich und lieben dürfen.

Auch Markus Söder hatte im Stadion einen Regenbogen-Mundschutz getragen…

Luca: Wie bei UEFA finde ich das scheinheilig, er meint, weil die Leute das gut finden, macht er das, nicht, weil er es wirklich gut findet.

Ist das nicht ein gutes Zeichen, dass Söder meint, es tun zu müssen?

Luca: Wenn es dazu führen würde, dass er es in seine Politik aufnehmen und etwas dafür tun würde, wäre es super. Wenn er das nur macht, um Wählerstimmen zu bekommen, ist es natürlich nur ein Ausnutzen der Flagge. Gerade bei der CSU  kommt das überraschend und ich weiß nicht, wie ehrlich es ist.

Aber zeigt es nicht, dass die Gesellschaft  bei LGBT weit gekommen ist, wenn sogar konservativen Politiker den Regenbogen zeigen?

Luca: Ja, das ist natürlich super.

Auch interessant

Kommentare