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Reicht das, Herr Grindel? - Kommentar zu Grindels Statement zu Özil

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Von: Jonas Austermann

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Sportredakteuer Jonas Austermann.
Sportredakteuer Jonas Austermann. © tz/MM

Pflicht erfüllt, Chance vertan! DFB-Präsident Reinhard Grindel hat vier Tage nach Mesut Özils lautstarkem Abschied aus der deutschen Nationalmannschaft Stellung bezogen – mehr schlecht als recht.

Die Erklärung des 56-Jährigen ist durchsetzt von Phrasen, in einigen Punkten scheint er die Kritik zudem falsch zu deuten.

Rückblick: Özil hatte Grindel als Hauptgrund für seinen Rückzug aus dem DFB-Team genannt, sagte: „In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren.“ Damit entfachte der Arsenal-Profi eine hitzige Diskussion über Rassismus im DFB. Grindel stellt am Anfang seines Statements klar, er wolle sich der Debatte nicht entziehen.

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Reinhard Grindel
Reinhard Grindel. © dpa / Andreas Arnold

Das Oberhaupt des deutschen Verbandes erklärt: „Ich gebe offen zu, dass mich die persönliche Kritik getroffen hat.“ Dann begeht Grindel allerdings einen Fehler. Er bezieht Özils Rassismus-Vorwurf auf das Handeln der Ehrenamtlichen und Mitarbeiter an der Basis, bittet geradezu um Mitleid für diese Helfer. Nur: Die Menschen weit weg von der DFB-Spitze hat Özil nie attackiert, ihnen wirft er nichts vor. Sondern Grindel ganz persönlich.

In Özils dreiteiliger Twitter-Erklärung heißt es mit Bezug auf den Präsidenten: „Ich will nicht länger der Sündenbock sein für seine Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu machen.“

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Politikersprech pur

Grindel wehrt sich pflichtbewusst gegen die Rassismus-Vorwürfe – das ist sein gutes Recht, das muss er tun. Der CDU-Politiker sagt: „Die Werte des DFB sind auch meine Werte. Vielfalt, Solidarität, Antidiskriminierung und Integration, das sind alles Werte und Überzeugungen, die mir sehr am Herzen liegen.“

Solidarität mit Özil ließ Grindel aber rund um das deutsche WM-Aus vermissen. Auch die Aussagen des DFB-Präsidenten verpassten dem Mittelfeldmann nachträglich den fetten Stempel „Sündenbock“. Zu diesen Vorwürfen schweigt Grindel.

Da hilft auch das stärkste Zitat des 56-Jährigen nicht. „Rückblickend hätte ich als Präsident unmissverständlich sagen sollen, was für mich als Person und für uns alle als Verband selbstverständlich ist: Jegliche Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar.“

Vor allem der zweite Teil von Grindels Verlautbarung ist Politikersprech pur. Er richtet den Blick nach vorne, von einem möglichen Rücktritt keine Spur. Stattdessen gelte es jetzt, die Themen Integration, sportliche Analyse der WM und den Zuschlag für die EM 2024 ins Visier zu nehmen. Letzteres ist das große Leuchturm-Projekt des DFB-Präsidenten – womöglich seine letzte Chance, die eigene Zukunft beim Verband zu sichern. Der Höhepunkt in Sachen PR-Werkzeug ist Grindels letzter Satz – zugleich das Motto der EM-Bewerbung: „United by football.“

Eines lässt sich damit nicht ändern: Der deutsche Fußball ist gespalten wie selten zuvor – auch wegen der Causa Özil. Grindel sagt, dass das WM-Aus auch bei ihm viele Fragen aufgeworfen habe. Die Antworten darauf lässt er vermissen.

Jonas Austermann

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