25 Jahre Mauerfall

Callis Wende-Rückblick: "Die waren überfordert"

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Ex-Leverkusen-Manager Reiner Calmund.

München - Reiner Calmund war schon immer ein gewiefter Manager. Auch in der Wendephase zeigte sich das: Er brachte die ersten Transfers von Ost nach West über die Bühne – aber immer fair, wie er selbst sagt. Das tz-Interview:

Herr Calmund, wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

Reiner Calmund: Ich hatte, wie wohl die meisten Menschen in Deutschland, viereckige Augen. Gemeinsam mit der Mondlandung und später diesem schrecklichem 11. September war der Mauerfall das bewegendste Erlebnis. Keiner hat das für möglich gehalten. Ich hatte immer ein Faible für Berlin, ich wollte das damals einatmen. Und am Montag nach dem Mauerfall ging der Fußball los.

Und wie?

Calmund: Beim WM-Quali-Spiel der DDR am 15. November in Wien gegen Österreich habe ich Wolfgang Karnath, unseren A-Jugend-Betreuer von Bayer Leverkusen, als Fotograf akkreditiert. Das war ein cleverer Kerl. Wenn man den vorne zur Tür rausgeschickt hat, ist er hinten durchs Fenster wieder reingeklettert. Jedenfalls saß er bei dem Länderspiel am Ende neben dem ausgewechselten Matthias Sammer auf der Bank.

Der erste große Ost-West-Transfer wurde Andreas Thom. Der spielte für Dynamo Berlin…

Calmund: Karnath hatte Thoms Adresse inklusive Etagen- und Wohnungsnummer in Berlin herausgekriegt. Die brauchte man, denn am Klingelbrett standen keine Namen. Das war eine privilegierte Wohngegend, und mir war klar: Hier haben die Wände Ohren. Andreas wäre nie abgehauen, er hätte nie seine Familie im Stich gelassen. Also habe ich gefragt: Kannst du dir grundsätzlich vorstellen, mit Leverkusen über einen Wechsel zu verhandeln, wenn ich das mit den Behörden kläre? Da hat er gesagt: „Grundsätzlich ja!“

Und dann?

Calmund: Die Oberhand über die Spieler hatten ja nicht die Vereine, sondern der DTSB, der Deutsche Turn- und Sportbund und der DFV. Also habe ich im Hotel einen Brief geschrieben, dass wir an der Verpflichtung von Andreas interessiert sind – natürlich mit Bayer-Briefkopf. Den habe ich beim DTSB abgegeben. Aber ich habe noch meine Sekretärin angerufen, sie soll zur Sicherheit ein Fax schicken. Aber das hatten die damals beim DTSB noch nicht, also mussten wir unseren ausrangierten Telex-Apparat anschmeißen. Die Verbands-Bosse signalisierten Verhandlungsbereitschaft, so konnte sich Andreas bei den nächsten Gesprächen auch etwas freier und unbefangener äußern.

Wie liefen die Verhandlungen?

Calmund: Eines will ich unbedingt klarstellen: Wir zahlten ein Höchstgehalt, weder ­Andreas noch später Ulf Kirsten wurden über den Tisch gezogen. Die haben damals bei uns im Jahr zwischen 400 000 und 450 000 Mark pro Saison verdient. Das war für die ein Riesensprung. Bei der Ablöse haben wir vier Wochen verhandelt, ich hatte so manche Schweißperle auf der Stirn. Am Ende haben wir für Thom 2,2 Millionen Mark direkt gezahlt, zwei Jahre später kam dann noch eine Million dazu.

Mit dem Exodus begann der Niedergang des Ostfußballs.

Calmund: Die Ostvereine waren überfordert, weil sie die Marktwirtschaft nicht kannten. Der Fußball bekam im Westen neue Gesichter. Die DDR hatte einen Supernachwuchs. Bei den Klubs arbeiteten teilweise 30 Betreuer und Jugendtrainer. Das war im Westen unbekannt und damals auch nicht bezahlbar. Die intensive DDR-Ausbildung trug Früchte. Ein paar Beispiele: Matthias Sammer wurde 1996 „Europas Fußballer des Jahres“. Bei der WM 2002 waren fünf Spieler, die im Osten ausgebildet wurden, Stammkraft: Linke, Jeremies, Ballack, Schneider und Jancker. Zickler hätte auch gespielt, wenn er nicht verletzt gewesen wäre.

Was haben die Ostklubs falsch gemacht?

Calmund: Sie haben sicher unter dem Einfluss windiger Berater aus dem Westen gelitten, die nur ihr Bestes wollten – ihr Geld. Und ihre Spieler teuer verkaufen. Aber es gab auch ein Fanproblem, sie hatten keine Zuschauer. Ich war beim vorletzten und beim letzten DDR-Pokalfinale. Da waren 5700 bzw. 4800 Zuschauer. Rostock spielte 1991 im Europacup gegen den FC Barcelona. Wissen Sie, wie viele Zuschauer da waren?

15.000?

Calmund: 8500!

Was sagen Sie zu dem Projekt RB Leipzig?

Calmund: Es ist doch in Ordnung, wenn man Sponsoren sucht und die auch einbindet. Schauen Sie sich Bayern München an. Die sind Weltmeister in kurzen und in langen Hosen. Aber auch da lassen die Sponsoren grüßen: Telekom, Audi, Allianz, Adidas und, und, und. Leipzig investiert viel, aber mit Sinn und Verstand. Ralf Rangnick steckt Millionen in die Infrastruktur, die Nachwuchsarbeit ist vorbildlich, das Hinterland wird akribisch durchforstet. Natürlich holt Leipzig Jugendspieler, aber das versuchen die anderen Klubs auch. Wissen Sie, was ich sage, wenn die alten Männer drüben kommen und jammern?

Nämlich?

Calmund: Tradition ist was für die Theke. Aber sie schießt heute keine Tore!

Interview: Bernd Brudermanns

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