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Besuch bei den Stars von morgen

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Von: Jacob Alschner

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Axel Brieger und seine Truppe
Spaß vermitteln – und Disziplin: DFB-Stützpunkttrainer Axel Brieger, in Freiham für die U 12 zuständig. © sampics / S. Matzke

Der bisher in Fürstenfeldbruck beheimatete DFB-Stützpunkt ist nach Freiham umgezogen. Die tz hat ein Training im neu errichteten Areal begleitet. Eine Reportage.

Freiham. Ein frischer Montagabend im Herbst. Der erst vor ein paar Monaten vollständig und offiziell eröffnete Sportpark Freiham liegt in der einsetzenden Dämmerung. Skater ziehen im Betonbecken ihre Kreise, die Rasenplätze belegen ein Football-Team und mehrere Fußballmannschaften. Messi, Neymar und Ronaldo sind auch dabei, zumindest auf dem Trikot der Buben. Die meisten trainieren in den Jerseys ihrer großen Idole.Nur eine Gruppe sticht hervor. Auf einem Platz im Schatten großer grauer Betonwände trainieren fünf Übungsleiter etwa 30 Kinder, einheitlich gekleidet in weißen Shirts mit schwarzen Hosen. Wer sich hier an die deutsche Nationalmannschaft erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch. Es sind die Geburtenjahrgänge 2010 und 2009 des DFB-Stützpunktes Freiham, der bis Anfang des Jahres noch in Fürstenfeldbruck beheimatet war und umzog, um von der größeren Nähe zum Einzugsgebiet profitieren, das sich auf den Nord-Westen Münchens erstreckt. Neben Moosach und Oberhaching die dritte von drei Stützpunkten in unmittelbarer Stadtnähe.

Stützpunkt-Trainer durch Zufall

Die Infrastruktur am neuen Gelände ist beeindruckend: drei Basketball-Courts, zwei Beachvolleyball-Plätze und fünf Fußballfelder liegen dort, einer umsäumt von Tartanbahn und Leichtathletik-Einrichtungen. Vom Bildungscampus Freiham getrennt werden die Freiluft-Anlagen durch drei enorme Betonklötze, die jeweils eine hochmoderne Turnhalle verbergen.
Axel Brieger trainiert den jüngeren der beiden, den Jahrgang U 12. Brieger ist 42 Jahre alt, ein ruhiger, aber energiegeladener und offener Mann. Hauptberuflich arbeitet er in der Lieferantenbetreuung bei einem großen Luftfahrtunternehmen, sein Kollege Lars Schulz arbeitet im Online-Marketing, Max Braun ist angehender Lehrer. Alle drei trainieren die Kids ehrenamtlich.
Dass er Stützpunkt-Trainer wurde, war nicht von Anfang an geplant, sagt Brieger: „Nach 18 Jahren Vereinstraining bin ich nur zufällig zum SC Fürstenfeldbruck gekommen, wo der Stützpunkt angeschlossen war. Da bin ich automatisch an den Montagen eingebunden worden. Und das fand ich von vornherein spitze.“ Seit 2016 etwa macht er gar keine Vereinsarbeit mehr. Die Arbeit im Stützpunkt, die neben dem Training auch das Sichten neuer Talente beinhaltet, laste ihn zeitlich komplett aus. „Ich freue mich, dass ich dadurch so regelmäßig mit Jugendfußball auf so hohem Niveau zu tun habe.“

Ein Training auf beeindruckend hohem Niveau

Wer schon mal ein Kinder-Fußballtraining in einem beliebigen Verein besucht hat, weiß, dass mitunter mal rumgealbert und manches nicht allzu ernst genommen wird. Das ist hier anders. Die Übungen sind spürbar zügig, die Kinder nehmen jeden Zweikampf, jeden Pass auf gesunde Art und Weise ernst. Sie fordern Bälle, wie man es sonst im Profifußball sieht. Sie rufen sich untereinander immer wieder zur Disziplin; selbst dann, wenn der Coach vermeintlich nicht hinschaut. „Jungs, verteilt euch!“
Nicht selbstverständlich in dem Alter. Aber genau das sei das Ziel, berichtet Brieger. „Dass die Jungs Selbstvertrauen aufbauen und kommunizieren.“ Er selbst lebt es vor, hat auch im Gespräch immer ein Auge auf den Aktionen seiner Schützlinge, wirft Kommandos ein. „Ey, gute Aktion. Auf geht’s! Weiter so!“, hallt es mehrmals über die grüne Wiese.
Eine, die es aus Briegers Meute nach ganz oben geschafft hat, ist Sydney Lohmann. Die 21-jährige Landsbergerin wechselte 2016 zum FC Bayern. Drei Jahre lang genoss sie bis dahin die Ausbildung im Stützpunkt. Heute ist sie Nationalspielerin, gewann im Sommer ihre erste Deutsche Meisterschaft. Ein Erfolg, an dem die Sonderausbildung ihren Anteil hat: „Dass ich da bin, wo ich bin, hing wahrscheinlich von vielen Faktoren ab: dem Training mit Jungs, dem Input von anderen Trainern im Stützpunkt, vor allem aber auch von der Unterstützung meiner Familie.“
Familie. Einerseits können Angehörige förderlich sein, durch Fahrten Unterstützung bieten, den Kids den Rücken freihalten. Andererseits kommt es nicht selten vor, dass sich Eltern in die Sache hineinsteigern, die Erwartungen zu hoch schrauben. So sitzen auch in Freiham vereinzelt Papas, die einen Campingstuhl mitgebracht haben und ihren Kleinen mit ernster Mine mit dem Fernglas beobachten.

„Der soll Fußball spielen und gut ist.“

Dass es auch anders geht, zeigt eine Mutter, die lächelnd durch die Streben des Zauns schaut. Gerade ist sie nach einer viertägigen Dienstreise aus Berlin zurückgekehrt und geht nun den elterlichen Verpflichtungen nach. „Eigentlich bin ich völlig übermüdet und k.o.“, sagt sie. „Aber ich habe meinem Sohn bei meiner Abreise versprochen, dass ich zuschaue, wenn ich zurückkomme. Davon, zu viel vom Nachwuchs zu erwarten -eine Profikarriere gar - hält sie gar nichts. „Ich weiß, dass es ihm hier viel Spaß macht und das er es mag, noch mehr gefordert zu werden als im Verein. Aber mehr nicht. Der soll Fußballspielen und gut ist!“
Auch Brieger rät dazu, die gute Entwicklung eines Kindes unter seiner Fittiche mit Vorsicht zu genießen, auch wenn die räumliche Nähe zu Profimannschaften verführerisch sein mag. „Bei uns ist es natürlich ein Vorteil, dass wir mit Ingolstadt, den Bayern, dem TSV 1860 und Unterhaching mitten in einem Viereck von Nachwuchsleistungszentren (NLZ, Anm. d. Red.) der großen Vereine liegen. Kaum trainieren wir ein paar Monate, stehen die Scouts der Vereine auf der Matte und fragen, wie es ausschaut. Einerseits geben wir dann natürlich gern ab, das ist ja unsere Aufgabe.“ Ohne dabei etwas zu überstürzen, so Brieger. „Andererseits achten wir drauf, das nicht zu früh zu tun. Im Zweifel bin ich der Meinung: Ein bis zwei Jahre länger im Stützpunkt geben euch mehr, als wenn ihr ab jetzt zu größeren Vereinen pendelt und ihr die halbe Woche im Auto verbringt.“

Jungs bleiben Jungs

Die Zehn- und Elfjährigen, die seiner Pfeife und der seiner Kollegen Gefolgschaft leisten, wirken nicht so, als würden sie sich selbst überschätzen oder als wären sie mental schon mit einem Bein in Barcelona, Madrid oder Manchester. Besonnen bringen sie das Training zu Ende, stehen aufmerksam im Mannschaftskreis, um die Einheit zu besprechen und abzuschließen. Axel Brieger ist zufrieden mit ihnen. Nachdem die nächsten Termine und das kommende Testspiel besprochen wurden, weiß man wieder, wessen Training man hier gerade besucht hat. Das bestimmende Thema sind die neuen neongelben Schuhe des Mannschaftskameraden. Eltern lassen sich die Trinkflaschen in die Hände drücken. Und ermahnen ihre Jungs, nicht zu trödeln. „Beeilung bitte beim Duschen!“

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