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Rummenigge im Interview: "Dann gute Nacht, Fußball"

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Karl-Heinz Rummenigge macht sich Sorgen um den Fußball © Getty

München - Im Interview spricht Bayern-Vorstandsboss und ECA-Vorsitzender Karl-Heinz Rummenigge über das Financial Fair Play, das kritische Wirtschaften vieler Großklubs und die Folgen.

Herr Rummenigge, als Vorsitzender der ECA haben Sie das Financial Fair Play mit auf den Weg gebracht. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Karl-Heinz Rummenigge (Vorsitzender der Europäischen Klub-Vereinigung und Vorstandsvorsitzender von Bayern München): Das war mir auch ein persönliches Anliegen. Alle Klubs haben seit dem Bosman-Urteil Vollgas gegeben. Ich betone: alle. Der eine etwas mehr, der andere etwas weniger. Diese Klubs haben nun auch dafür zu sorgen, dass die Fußball-Welt wieder ein Stück rationaler wird.

Sie ist also auch aus Ihrer Sicht nicht mehr rational?

Rummenigge: Ich möchte daran erinnern, dass über 50 Prozent der Klubs in Europa rote Zahlen schreiben - das gilt es zu verändern. Ich kenne keinen Wirtschaftszweig, in dem so viele Unternehmen rote Zahlen schreiben. In dieser Form ist der Fußball nicht überlebensfähig. Die Fußball-Welt hat fast jedes Jahr höhere Umsätze erzielt. Die sind aber dann in die Taschen der Spieler und Agenten gewandert. Dieses System kann so nicht mehr funktionieren. Deshalb war es wichtig, dass die UEFA ein Modell erarbeitet hat, um diese Entwicklung zu stoppen. Jetzt muss man darauf pochen, dass dies auch seriös umgesetzt wird.

Glauben Sie daran, dass sich die UEFA und ihr Präsident Michel Platini letztendlich auch an die großen Klubs herantrauen?

Rummenigge: Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Michel Platini am letzten Tag der Transferperiode fast explodiert ist, als er die Nachrichten aus England vernommen hat. Es ist schon extrem irritierend, wenn ein Verein (FC Chelsea, d. Red.) am Morgen 83 Millionen Verlust ausweist - und am Nachmittag dann 85 Millionen in Transfers investiert. Diese Klubs müssten eigentlich Kosten abbauen. Die UEFA wird dieses Modell sehr seriös umsetzen. Und das ist gut so.

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Müssten die Vergehen nicht noch konsequenter verfolgt werden?

Rummenigge: Es ist ein Konsensmodell. Es wird die Welt des Fußballs rationaler und auch fairer machen. Das müssen jetzt alle umsetzen, alle haben auch die moralische Verpflichtung.

Sie kritisieren oft die aus ihrer Sicht im europäischen Vergleich zu geringen TV-Einnahmen der Bundesliga. Zuletzt haben Sie von einer Verdopplung gesprochen. Aber wo soll das Geld herkommen, da der Pay-TV-Markt in Deutschland nach wie vor nicht in Schwung kommt?

Rummenigge: Das frage ich mich ehrlich gesagt auch, deshalb habe ich auch von einer mittelfristigen Verdopplung gesprochen. Ich glaube einfach, dass die Entwicklung im Pay-TV nicht vom Fußball zu verantworten ist. Fußball hat sich in den letzten zehn Jahren extrem gut entwickelt. Man muss jetzt einfach das Pay-TV mehr in die Verantwortung nehmen. Da müssen Modelle entwickelt werden, die auf den Konsumenten zugeschnitten sind. Damit sich Pay-TV endlich auch in Deutschland durchsetzt, um am Ende des Tages auch dem Fußball adäquate Gelder wie in Italien, Spanien oder England zu ermöglichen. Dies muss das Ziel sein.

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Dies wird seit Jahren versucht.

Rummenigge: Immer nur darauf zu verweisen, dass wir eine besondere Free-TV-Landschaft haben, ist mir zu wenig. Das war vor 20 Jahren schon bekannt. Die Pay-TV-Sender und auch die DFL müssen dem Kunden Konzepte anbieten, die so überzeugend sind, dass endlich eine positive Entwicklung stattfindet. Überzeugen und nicht mit Entzug von Free-TV drohen, ist hier der Schlüssel.

Muss die Liga dem Pay-TV noch mehr Exklusivität zusichern?

Rummenigge: Nein. Wenn man diesen Weg gehen würde, wäre der wieder sehr negativ behaftet. Diese Diskussionen, etwa die Sportschau zu verschieben, um im Pay-TV mehr Exklusivität zu haben, gab es ja schon einige Male.

Müssten sich die Vereine komplett neu aufstellen?

Rummenigge: Real oder Barcelona erhalten aktuell rund 140 Millionen Euro an TV-Einnahmen - in Zukunft würde dies kein spanisches Unternehmen mehr zahlen. Wahrscheinlich lässt sich jeder Spanier dann den Decoder aus Griechenland oder einem anderen Land kommen, um Geld zu sparen. Genauso würde es in England, Italien oder Deutschland ablaufen. Wenn das so entschieden wird, dann gute Nacht! Das wäre für alle Vereine in Europa eine Katastrophe, vor allem für die fünf großen Ligen.

In Deutschland ist der Fernseh-Anteil bei den Einnahmen geringer. Könnte sich für die Liga bei einem möglichen Urteil nicht auch eine Chance ergeben?

Rummenigge: Aber man darf nicht vergessen, dass alle Klubs mit den Fernseheinnahmen budgetieren. So würde man vor allem die kleinen und mittleren Klubs in die Insolvenz treiben. Sie könnten ohne die solidarische Vermarktung und die entsprechenden TV-Einnahmen nicht überleben. Aber selbst bei den großen Klubs würde so ein Urteil Spuren hinterlassen - auch wenn die wohl überleben würden.

Interview: Thomas Niklaus und Marco Mader, SID

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