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Russische Nationalspielerin Karpova im Interview: „Putin stiehlt uns gerade alles…“ 

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Nadezhda Karpova im Trikot der russischen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2017.
Nadezhda Karpova im Trikot der russischen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2017. © Oliver Zimmermann/imago-images

Die russische Fußball-Nationalspielerin Nadya Karpova äußert öffentlich Kritik am Putin-Regime. Im tz-Interview spricht sie über den Ukraine-Krieg.

München - Es hat Zeit gebraucht“, sagt Nadya Karpova (27), „um über diesen Horror zu sprechen.“ Die Fußballerin (24 Länderspiele) gehört zu den wenigen russischen Athleten, die sich offen gegen den Angriffskrieg von Wladimir Putin aussprechen. Karpova, die in Spanien bei RCD Espanyol spielt, möchte nicht mehr schweigen. Trotz der möglichen Konsequenzen für sie. Das tz-Interview:

Nationalspielerin Karpova über den Ukraine-Krieg: „Wollte einfach schreien“

Frau Karpova, wann haben Sie realisiert, dass Putin Krieg führen wird?

Karpova: Zunächst habe ich für einige Zeit nicht verstanden, was wirklich passiert. Als Putin seine „Spezialoperation“ angekündigt hatte, dachte ich, dass er den Donbass übernehmen möchte. Ich habe mich sofort über unabhängige Medien informiert und schnell realisiert, dass ein richtiger Krieg begonnen hat. Das war ein richtiger Schlag ins Gesicht. All die Nachrichten über den Völkermord der russischen Armee in der Ukraine brechen mein Herz. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Krieg so nah erleben werde. 

War es für Sie sofort klar, dass Sie sich öffentlich gegen den Krieg äußern?

Ich habe lange darüber nachgedacht, bevor ich der BBC ein Interview gegeben habe. Aber ich konnte nicht länger still sein. Ich wollte einfach schreien. Dieses Gefühl der Ungerechtigkeit hat mich von innen aufgefressen. Mein Gewissen hat es mir nicht erlaubt, weiter zu schweigen. Ich habe nicht über Konsequenzen für mich nachgedacht, dieser Krieg ist einfach zu schrecklich. Menschenleben und Freiheit sind die wichtigsten Dinge überhaupt. Wir könnten uns mit der Wissenschaft beschäftigen, mit sozialen Problemen, Umweltproblemen. Aber stattdessen werfen wir uns in der Zeit selbst zurück und töten Menschen. Es ist einfach grausam.

Russische Fußballerin Karpova: „Viele Leute glauben der Propaganda“

Haben Sie keine Angst, dass Sie jetzt nie wieder in Ihre Heimat reisen könnten?

Diesen Sommer werde ich nicht nach Russland reisen. Aber grundsätzlich muss ich betonen: Ich habe keine Angst. Ich könnte nicht friedlich schlafen, wenn ich nicht weiter eine klare Haltung gegen den Krieg zeigen würde. Das war nicht sofort so. Es hat Zeit gebraucht, ehe ich die richtigen Worte und die Stärke gefunden habe, um über diesen Horror zu sprechen. Jetzt fühle ich mich viel besser. Ich werde weiter laut sein.

Wie ist die Lage in Russland?

Viele Leute glauben der Propaganda. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man die Wahrheit laut ausspricht, um die Menschen zu retten, die in der Propagandawolke verloren sind. Ich bin sicher, es gibt viele, viele Menschen aus Russland, die diesen Krieg verurteilen. Russland ist nicht die Regierung. Sondern das Volk. Aber sie haben einfach Angst. Putin hat alles getan und wird weiter alles tun, um sie zum Schweigen zu bringen.

Karpova über Russlands Präsident: „Putin stiehlt uns gerade alles, er zerstört alles“

In Spanien hatten Sie ihr Coming-out. Konnten Sie in Russland nie frei sein?

Die Regierung verurteilt gleichgeschlechtliche Liebe, es gibt homophobe Gesetze. Die Kirche verurteilt Homosexualität auch, daher ist die Ablehnung in der Gesellschaft verankert. Aber ich war müde, irgendwer zu sein. Ich wollte mich nicht länger verstecken. Ich weiß, wie schwierig das Leben für LGBT-Personen in Russland ist. Als ich klein war, hat mir ein Vorbild eines offen homosexuellen Menschen gefehlt, um nicht zu leiden und mich selbst zu verstehen.

Sie tragen ein Tattoo mit HOPE (Hoffnung) am Hals. Wie viel Hoffnung haben Sie noch?

Ich hoffe einfach, dass Putin bald verschwinden wird, dass der Krieg endet, dass Russland wieder frei sein wird. Putin stiehlt uns gerade alles, er zerstört alles. Aber natürlich glaube ich an ein anderes Russland in der Zukunft. Ich glaube daran, dass das Gute eines Tages siegen wird. Aber das Wichtigste ist jetzt, dass der Krieg so schnell wie möglich endet. Europa sollte die Ukraine mehr unterstützen. Wir müssen nun alle zusammen für die Freiheit kämpfen. Freiheit für die Ukraine! Nein zum Krieg!

Am Donnerstagabend trauerte die deutsche Fußballwelt um einen ihrer ganz Großen: Uwe Seeler ist im Alter von 85 Jahren verstorben.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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