Ein Jahr nach Hitzlspergers Outing

Schwuler Ex-Profi: Auf meiner Liste stehen 25 Spieler

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Toleranz gegenüber homosexuellen Spielern wird nicht immer groß geschrieben, Marcus Urban fordert noch mehr Bildungsarbeit.

München - Das Outing von Thomas Hitzlsperger ist inzwischen ein Jahr her, doch Nachahmer gab es bislang nicht. Die tz sprach mit Marcus Urban über das letzte Jahr. Der 43-Jährige hatte 1994 als erster deutscher Profifußballer sein Coming-Out.

Auf den Tag genau vor einem Jahr outete sich der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger als homosexuell. Durch die Fußballwelt ging ein Aufschrei, das letzte Tabu schien gebrochen. Nachahmer gab es seitdem nicht, auch das Interesse am Thema ebbte ab. Die ARD-Recherche-Redaktion Sport verschickte anlässlich des Hitzlsperger-Jubiläums einen schriftlichen Fragebogen an alle Trainer der 36 Erst- und Zweitligisten. Elf Vereine (u. a. Augsburg, Bremen, Dortmund, Hannover, Köln und Paderborn) beteiligten sich. 14 Klubs reagierten überhaupt nicht. Elf (u. a. Berlin, Frankfurt, Hamburg, Hoffenheim, Leverkusen, München und Stuttgart) sagten die Teilnahme pauschal ab. Die tz sprach mit Marcus Urban über das letzte Jahr. Der 43-Jährige hatte 1994 als erster deutscher Profifußballer sein Coming-Out.

Herr Urban, vor einem Jahr hat sich Thomas Hitzlsperger geoutet. Was ist davon übrig geblieben?

Urban: Dass wir endlich einen Ex-Nationalspieler haben, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hat. Die Leute sprechen mehr über das Thema. Für die Sensibilisierung hat es etwas gebracht, aber da, wo das Thema hingehört, in die Bildungs- und Aufklärungsarbeit, herrscht Stagnation, speziell im vergangenen halben Jahr.

Es gab auch keine Nachahmer.

Urban: Verwunderlich, nicht? Man hätte denken können, dass der ein oder andere Betroffene dem Vorbild eines so prominenten Fußballers nacheifert. Man sieht an Herrn Hitzlsperger ja, dass ihm nichts passiert ist, beziehungsweise er von vielen Seiten Lob und Respekt bekommt.

Die Aufregung ist also verpufft?

Marcus Urban.

Urban: Ich habe mich bereits 1994 geoutet, seit 2007 versuche ich in diesem Themenfeld etwas zu bewegen. Was in den sieben Jahren passiert ist, ist ziemlich dürftig. Die Landessportbünde und der Deutschen Olympischen Sportbund müssten Ressourcen aufstocken und Strategien zur Vielfaltsförderung konsequenter umsetzen. Ähnliches gilt für den Deutschen Fußballbund (DFB). Als sich 2012 ein schwuler Profi anonym geoutet hat und sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel Stellung bezogen hat, habe ich zusammen mit anderen Experten und Expertinnen für den DFB eine Aufklärungsbroschüre erarbeitet. Das konnte damals gar nicht schnell genug gehen, danach ist nichts mehr passiert. Es wird gesagt: „Wir helfen, wenn sich jemand outen will.“ Ich frage mich aber wie und womit?

Von wie vielen schwulen Fußballern wissen Sie?

Urban: Ich habe über die Jahre eine Liste zusammengetragen, darauf stehen circa 25 Spieler, die ich versuchen werde zusammenzubringen.

Überraschend wenige.

Urban: Dabei handelt es sich aber auch nur um Spieler, von denen ich es aus verlässlicher Quelle weiß. Es gibt viele Spekulationen, die nehme ich nicht auf.

Ich nehme an, Sie hätten sich gefreut, wenn sich nach dem WM-Titel ein möglicher homosexueller Nationalspieler geoutet hätte.

Urban: Nach der WM herrschte Freude pur in der Fußballszene, dieses Fahrwasser wäre optimal dafür gewesen, leider kam es nicht dazu.

Wissen Sie denn von einem homosexuellen Spieler aus dem aktuellen Nationalkader?

Urban: Es sieht so aus, als sei der WM-Titel nicht nur von Heterosexuellen erkämpft worden, dabei beziehe ich mich aber nicht nur auf den Spielerkader. Und keiner von ihnen steht auf meiner Liste, da bewegen wir uns mehr im spekulativen Bereich.

Sie planen ein Benefiz-Fußballspiel mit dem Team Vielfalt, darin sollen ehemalige und aktuelle schwule und heterosexuelle Profifußballer auflaufen. Bisher sind erst zwei von elf Positionen besetzt.

Urban: Dieses Projekt benötigt sehr viel Zeit und Engagement, die ich im Moment nicht habe, im Hintergrund läuft es aber weiter. Es gibt noch viel zu tun. Wir sind zwar Fußball-Weltmeister, Fußball-Kultur-Weltmeister aber nicht.

Interview: Mathias Müller

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