Er hatte sich vorher geoutet

Schwuler Profi: Brauchen mehr wie Hitzlsperger

Anton Hysen hatte sich 2011 geoutet.

Göteborg - Anton Hysen hat mit Freude und Respekt auf das Outing des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger reagiert. Er hofft, dass es positive Folgen hat.

Dass er schwul ist, hat Anton Hysen früh gewusst. „Ich habe mich nie wirklich für Frauen interessiert“, sagt er. Sich zu verstecken, war für ihn aber kein Thema. „Mit 18 oder 19 habe ich es meinen Freunden und meiner Familie gesagt“, berichtet er im SID-Interview: „Den Schritt in die Öffentlichkeit habe ich dann relativ schnell durchgezogen. Beim Outing war ich 20.“

Ein mutiger Schritt, als Fußball-Profi, Sohn der Liverpool-Ikone Glenn Hysen und Bruder des Nationalspielers Tobias Hysen. Doch Anton hat überraschend gute Erfahrungen gemacht und würde es „auf jeden Fall wieder tun. Ich bereue es nicht im Geringsten und bin glücklich mit meinem Leben“.

Drei Jahre später ist in Schweden dennoch niemand seinem Beispiel gefolgt. Umso mehr freut ihn die Kunde vom Outing des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger. „Wir brauchen solche Männer wie ihn“, erklärt Hysen: „Jetzt gibt es auch in Deutschland endlich einen prominenten Spieler, der ich geoutet hat. Jetzt kommt die Diskussion in Gang.“

Aus diesem Grund ermutigte ihn auch Vater Glenn, als Aktiver zweimal UEFA-Cup-Sieger und später TV-Star, zum Schritt an die Öffentlichkeit. „Er hat gesagt, zieh es durch und scher dich nicht drum, was irgendwer dazu sagen wird“, berichtet der Sohn: „Und wenn irgendwer ein Problem damit hat, ist es umso wichtiger, dass man darüber spricht.“

Insgesamt sei sein Outing dann auch positiv aufgenommen worden, „aber Idioten gibt es überall“, so Hysen. Er wisse, dass es Trainer, Manager oder Präsidenten gebe, die Probleme mit schwulen Spielern haben: „Aber ein Trainer, der ein Problem mit einem guten Spieler hat, der 20 Tore pro Saison schießt oder ein sehr guter Verteidiger ist, ist einfach ein Idiot.“

Auch ihm ist solche Ablehnung begegnet, „aber ich weiß nicht, ob ich ohne mein Outing heute in der ersten Liga spielen würde“, sagt er. Dabei bescheinigen ihm Experten ein ähnliches Talent wie Bruder Tobias, der im Oktober zwei Tore im WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland (3:5) schoss.

Diese Sportler outeten sich als homosexuell

Thomas Hitzlsperger hat einen mutigen Schritt gewagt. © AFP
Als bisher prominentester Fußballer hat sich der Ex-Nationalspieler als schwul geoutet. Wir zeigen Ihnen, welche Sportler sich schon vor Hitzlsperger zu ihrer Homosexualität bekannt haben. © AFP
Tom Daley: Der britische Wasserspringer enthüllte seine Liebe zu einem Mann Anfang Dezember 2013 im Internet: „Ich habe jemanden getroffen, der mich so glücklich gemacht hat, der mir Sicherheit gegeben hat. Es fühlt sich alles einfach großartig an. Und dieser Jemand - war ein Mann.“ © AFP
Justin Fashanu: Der britische Fußballer war 1990 der erste aktive Profi, der sich outete. Acht Jahre später erhängte sich der damals 37-Jährige nach einer regelrechten Hetzjagd in Großbritannien am 2. Mai 1998 in einer Garage. © dpa
Anton Hysen: 2011 outete sich der Schwede als erster prominenter Fußballer in dem skandinavischen Land. © Anton Hysen bei Twitter
Greg Louganis: Der viermalige Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele 1984 und 1988 hatte kurz vor den Spielen in Seoul die HIV-Diagnose erhalten, dies aber zunächst verschwiegen. In der Qualifikation des 3-m-Wettbewerbs schlug er dann mit dem Kopf auf das Brett und zog sich dabei eine blutende Wunde zu. Diese wurde von einem Arzt ohne Handschuhe versorgt, der von der HIV-Infektion nichts wusste, später aber negativ getestet wurde. © AFP
Brian Orser: Der zweifache Silbermedaillen-Gewinner im Eiskunstlauf hatte lange versucht, seine Homosexualität zu verbergen - bis sie durch einen Prozess um den Unterhaltsanspruch seines Ex-Partners im Februar 1999 bekannt wurde. © AFP
John Amaechi: Der frühere NBA-Profi bekannte sich nach seiner Karriere in der nordamerikanischen Profiliga in seiner Autobiografie „Man in the Middle“ als erster Basketballer. © AFP
Robbie Rogers: Anfang 2013 outete sich der Fußballer und gab gleichzeitig seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Am 27. Mai gab er für Los Angeles Galaxy in der 77 Minute sein Comeback und ist damit der erste geoutete homosexuelle Profi, der in der MLS ein Spiel absolvierte. © AFP
Brian Boitano: Der Eiskunstlauf-Olympiasieger outete sich im Dezember als schwul, zwei Tage nach seiner Berufung in die US-Delegation für die Winterspiele in Sotschi. „Ich bin ein Sohn, ein Bruder, ein Onkel, ein Freund, ein Sportler, ein Koch, ein Autor. Und schwul zu sein ist nur ein weiterer Teil von mir“, hieß es in einer von USA Today veröffentlichten Stellungnahme des 50-Jährigen. © AFP
Gareth Thomas: 2009 bekannte sich der Rugbyspieler zu seiner Homosexualität und wurde am Ende des Jahres an die Spitze der Pink List gewählt, der einflussreichsten Homosexuellen Englands. Eine Verfilmung seines Lebens ist geplant. © AFP
Mark Tewksbury (l.): Kurz nach seinem Outing 1998 verlor der Schwimm-Olympiasieger von Barcelona 1992 einen lukrativen Werbevertrag, weil er „zu offen schwul“ sei. 2008 sprach der Kanadier anlässlich einer neuen Verordnung zur Stärkung der Rechte Homosexueller vor der UN-Vollversammlung in New York. © AFP
Orlando Cruz: Der Federgewichtler aus Puerto Rico wollte als erster offen schwuler Boxer Weltmeister werden. Seinen WM-Kampf im Oktober 2013 gegen den Mexikaner Orlando Salido verlor er jedoch. Cruz hatte im Oktober 2012 sein Coming-out. © dpa
Martina Navratilova: Unfreiwillig war das Outing der Tennis-Legende. Ein New Yorker Journalist, dem sie 1981 eine Romanze anvertraute, verriet das Geheimnis. Zu jenem Zeitpunkt habe sie selbst nicht über ein Coming-out nachgedacht, sagte sie in einem „Spiegel“-Interview Jahre später. © dpa
Steffi Jones: Die 111-malige Nationalspielerin und Direktorin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ließ sich beim „Ball des Sports“ 2013 in Wiesbaden mit ihrer Freundin Nicole fotografieren. Mitte 2014 will das Paar heiraten. © dpa
Ursula Holl: Als eher zufällig gilt das Outing der früheren Fußball-Nationaltorhüterin. Als sie in Köln mit ihrer Lebensgefährtin Carina eine eingetragene Lebenspartnerschaft einging, tauchte ein WDR-Team auf. Das war eigentlich auf der Suche nach Menschen, die an diesem Tag nicht das deutsche WM-Spiel gegen Serbien im Fernsehen sehen konnten, weil sie aufs Standesamt mussten¿. © dpa

Von den Fans habe er nur „einige wenige Gesänge vernommen. Aber das ging mir ins eine Ohr rein und zum anderen wieder raus. Nur wenn ich Russland spielen würde, wüsste ich nicht, ob ich es getan hätte“.

Es habe auch nur einen einzigen Gegenspieler gegeben, der ihn mit einem Spruch provoziert habe. „Also habe ich ihm in einem harten Zweikampf den Ball abgenommen, und dann war Ruhe“, sagt Hysen schmunzelnd.

Überhaupt ließ er sich durch Nichts und Niemanden irritieren. „Es wäre mir auch scheißegal gewesen, wenn in der Bundesliga oder der Premier League mehrere Zehntausend Zuschauer komische Dinge über mich singen würden“, versichert er: „Die Idioten unter den Fans singen doch sowieso irgendwelche Spottlieder über dich, egal wegen was.“

Grundsätzlich jedem zu einem Outing raten könne er aber nicht, meint der Schwede: „Es gibt zwei Grundvoraussetzungen. Erstens muss man seine Leistung bringen. Und zweitens braucht man sehr viel mentale Stärke. Die hat nicht jeder. Wer sie hat, der soll es durchziehen.“

 

Das Interview im Wortlaut

Herr Hysen, haben Sie vom Outing von Thomas Hitzlsperger gehört?

Anton Hysen: Ja. Und ich habe mich sehr gefreut. Wir brauchen solche Männer wie ihn. Jetzt gibt es auch in Deutschland endlich einen prominenten Spieler, der ich geoutet hat. Jetzt kommt die Diskussion in Gang.

Kennen Sie weitere schwule deutsche Fußballer?

Hysen: Nein. Noch nicht einmal Gerüchte. Sie scheinen sich verstecken zu müssen. Das wäre traurig.

Wie wurde die Nachricht in Schweden aufgenommen?

Hysen: Es wurde darüber berichtet. Aber relativ entspannt. Bei meinem Outing gab es einen größeren Hype. (lacht)

Wie hat sich Ihr Leben seit jenem Tag im März 2011 verändert?

Hysen: Eigentlich nicht sehr. Insgesamt habe ich sehr viele positive Reaktionen erhalten. Von Freunden und der Familie, aber auch in der Öffentlichkeit. Als Person hat es mich nicht verändert. Außer, dass ich vielleicht noch etwas stärker geworden bin.

Also würden Sie es, wenn Sie wieder vor der Wahl stehen würden, wieder genauso tun?

Hysen: Ja, auf jeden Fall. Ich bereue es nicht im Geringsten.

War das Outing etwas schwieriger, weil sie einer in Schweden sehr prominenten Familie entstammen?

Hysen: Ich denke, das hat es sogar eher erleichtert. Weil es gezeigt hat, dass wirklich jeder Fußballer schwul sein kann. (lacht) Und für mich war es auch deshalb leichter, weil die öffentliche Beobachtung für mich kein Neuland war.

Wie haben die Fans und Gegenspieler reagiert?

Hysen: Grundsätzlich gut. Idioten gibt es überall. Von den Fans habe ich nur einige wenige Gesänge vernommen. Aber das ging mir ins eine Ohr rein und zum anderen wieder raus. Auf dem Feld gab es nur einen Gegenspieler, der einen dummen Spruch gemacht hat. Also habe ich ihm in einem harten Zweikampf den Ball abgenommen, und dann war Ruhe.

In Deutschland verlangen nun viele, dass sich nach dem bereits zurückgetretenen Hitzlsperger auch ein aktiver Spieler outen soll...

Hysen: Eins nach dem anderen. Es ist schließlich kein leichter Schritt.

Würden Sie einem aktiven Spieler zuraten, der Sie fragt?

Hysen: Das kann man nicht grundsätzlich beurteilen. Ich habe nicht in der Bundesliga oder der Premier League gespielt. Ob man dort so weit ist, weiß ich nicht.

Ist in Schweden in den drei Jahren seitdem schon jemand Ihrem Beispiel gefolgt?

Hysen: Nein, leider nicht. Es gab viele Frauen, die sich geoutet haben. Davor habe ich großen Respekt. Aber für die Männerwelt ist es offenbar vielerorts noch ein größeres Problem.

Aber Sie taugen doch als gutes Vorbild...

Hysen: Das denke ich auch. Man hat gesehen, dass es keine großen Probleme gab. Aber es gibt zwei Grundvoraussetzungen. Erstens, muss man seine Leistung bringen. Und zweitens braucht man sehr viel mentale Stärke. Die hat nicht jeder. Wer sie hat, der soll es durchziehen. Mir wäre auch es scheißegal, wenn in der Bundesliga oder der Premier League mehrere Zehntausend Zuschauer komische Dinge über mich singen würden. Die Idioten unter den Fans singen doch sowieso irgendwelche Spottlieder über dich, egal wegen was. Nur wenn ich Russland spielen würde, wüsste ich nicht, ob ich es getan hätte. Dort werden Schwule schließlich überhaupt nicht unterstützt.

Hatten Sie vor Ihrem ersten Spiel nach dem Outing Angst?

Hysen: Nein. Mir war völlig egal, was irgendwer sagen oder singen würde. Ich war eher noch zusätzlich motiviert.

Wie lange haben Sie mit sich gekämpft, bevor Sie an die Öffentlichkeit gegangen sind?

Hysen: Ich habe mich nie wirklich für Frauen interessiert. Deshalb war mir früh klar, dass ich schwul bin. Mit 18 oder 19 habe ich es meinen Freunden und meiner Familie gesagt. Den Schritt in die Öffentlichkeit habe ich dann relativ schnell durchgezogen. Beim Outing war ich 20.

Wie hat Ihr Vater reagiert, der in Schweden als ehemaliger Fußball- und späterer TV-Star eine Berühmtheit ist?

Hysen: Er hat mich ermutigt. Er hat gesagt, zieh es durch und scher dich nicht drum, was irgendwer dazu sagen wird. Und wenn irgendwer ein Problem damit hat, ist es umso wichtiger, dass man darüber spricht.

Hatten Sie wirklich gar keine Nachteile durch Ihr Outing? Sie spielen in der 3. Liga und Experten sagen, Sie hätten dasselbe Talent wie Ihr Bruder Tobias, der zuletzt im WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland zwei Tore erzielt hat?

Hysen: Ich war direkt beim Übergang in den Profibereich lange verletzt. Vielleicht lag es auch daran.

Glauben Sie, dass es Trainer, Manager oder Präsidenten gibt, die sich weigern, einen homosexuellen Spieler zu verpflichten?

Ich weiß sogar, dass es manche gibt, die so denken. Aber ein Trainer, der ein Problem mit einem guten Spieler hat, der 20 Tore pro Saison schießt oder ein sehr guter Verteidiger ist, ist einfach ein Idiot. Aber wie gesagt: Idioten gibt es überall.

Ärgert Sie das nicht?

Hysen: Doch, natürlich. Aber ich weiß nicht, ob ich ohne mein Outing heute in der ersten Liga spielen würde. Es war mir auch nie so wichtig, ob ich Millionen verdiene oder bei einem Top-Team spiele. Ich bin mit meinem Leben, wie es heute ist, glücklich.

sid

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