Urs Siegenthaler

tz-Interview: Hier spricht Jogis Superhirn

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Urs Siegentahler (l.) mit Jogi Löw.

Campo Bahia - Urs Siegenthaler liefert Bundestrainer Joachim Löw die Details, die ihm dabei helfen, das Spiel des Gegners zu lesen. Die tz sprach mit dem Schweizer über taktische Kniffe, die bei derr WM entscheidend sein könnten.

Ohne Urs Siegenthaler (66) läuft nichts, der Spielanalyst liefert Joachim Löw die Details, die ihm dabei helfen, das Spiel des Gegners zu lesen. Seit neun Jahren arbeiten die beiden zusammen. Die tz sprach mit dem Schweizer über taktische Kniffe, die bei derr WM entscheidend sein könnten.

Herr Siegenthaler, noch nie ist ein europäisches Team in Südamerika Weltmeister geworden. Warum kann es diesmal klappen?

Siegenthaler: Die Frage ist: Warum hat es noch nie ein Europäer geschafft? Ich habe mir alle Finals und Halbfinals der Turniere angeschaut, bis zurück in die 70er. Mein Empfinden ist, dass sich die Europäer in Südamerika verwirklichen wollten. Alle spielten so, wie sie es von zu Hause kennen. Aber du musst mit der Zeit gehen.

Das heißt?

Siegenthaler: Nicht versuchen, das umzusetzen, was du von zu Hause kennst. Bei bis zu 44 Grad mittags hältst du das nicht durch – bei aller guten Form und Ausbildung. Ich habe in Fortaleza und Recife Spiele erlebt, da konnte ich mich nicht auf die Schalensitze setzen, so heiß war es da.

Ist denn dann die Bayern-Taktik, den Gegner müde zu spielen, eine Möglichkeit?

Siegenthaler: Bei Ballbesitz geht es um Bewegung und Aufwand. Das wiederum geht auf den Körper. Ich denke, es geht um Ballbesitz mit zeitlich relativ kurzem Abschluss. Ballbesitz im Sinne des Dominators ist jetzt in Brasilien nicht angesagt.

Dann ist das ganz frühe Gegenpressing, wie Bayern oder Dortmund es betreiben, gar nicht das Rezept für diese WM?

Siegenthaler: Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass wir unter die letzten acht Teams kommen. Dann trifft man auf sehr starke Gegner, die sich auch unter Druck behaupten. Man bringt Italien nicht in Schwierigkeiten, wenn man sie mit acht Mann attackiert. Wir müssen uns andere taktische Ideen einfallen lassen, als den Gegner nur zu erdrücken. Das können andere auch, wie Argentinien Chile, Italien, Uruguay oder Kolumbien. Wenn wir denken, die setzen wir jetzt einfach mal unter Druck, sitzen wir einer Illusion auf.

Sie sind seit neun Jahren Joachim Löws Chefanalyst. Inwieweit ist der Fußball planbar?

Siegenthaler: Bis zu einem gewissen Grad ganz sicher. Aber daneben können so viele weitere Faktoren entscheidend sein. Persönliche Probleme eines Spielers, eine nicht so gute Nachricht von zu Hause, andere Dinge, die man nicht kalkulieren kann – das alles sind Faktoren, die ein Spiel entscheiden können. Und dann läuft der Stürmer des Gegners durch und haut den Ball in den Winkel. Aber haben wir dann in der Vorbereitung gleich alles falsch gemacht?

Welches Spielsystem passt denn aus Ihrer Sicht am ehesten zu dieser WM?

Siegenthaler: Der Fußball geht in Südamerika nicht den Weg, den wir uns erträumen. Nehmen wir Brasilien: Die haben unter Pélé ein 4-2-4 gespielt. Seien Sie nicht überrascht, wenn wir das wieder sehen. Ein paar Spieler bleiben hinten und vorne stehen. Neymar, Hulk, Fred oder Oscar schießen die Tore. Das könnte auch die Spielweise dieses Turniers werden.

Auch für Deutschland?

Siegenthaler: Ich glaube nicht, dass das der Vorstellung des Bundestrainers entspricht. Aber Teilaspekte vielleicht.

Herr Siegenthaler, Brasilien hat vor einem Jahr beim Confed-Cup sehr auf taktische Fouls gesetzt.

Siegenthaler: Ich war danach bei der FIFA und habe gesagt: Wenn die Schiedsrichter bei der WM da nicht durchgreifen, ist der Pokal vergeben. Um die 90 Prozent der Gegenstöße in einem Spiel wurden von Brasilien mit Fouls unterbunden. Damit nehmen sie dem Gegner taktische Waffen weg. Hat der Schiedsrichter den Mut, beim zweiten Mal Gelb-Rot zu geben? Drinnen sind 80 000 Menschen, draußen 200 Millionen. Zumindest ist ein Fragezeichen erlaubt.

Wie wichtig ist Sami Khedira für das deutsche Spiel? Er ist ja auch eine Art Prellbock im Mittelfeld.

Siegenthaler: Es ist wichtig, einen Emotional Leader zu haben. Schauen sie sich Pirlo an. Der wird keine sieben Spiele durchstehen, aber er ist enorm wichtig für Italien. In diese Kategorie gehört Khedira. Zu ihm schauen die Jungen hoch. Selbst wenn er zu Beginn vielleicht noch nicht spielen sollte. Es wird auch ganz wichtig bei dieser WM sein, mit Einwechslungen das Niveau noch mal zu steigern.

Wie weit sind Sie mit dem Scouting der Gegner?

Siegenthaler: Das ist erledigt. Bis zum Viertelfinale sind wir durch. Ich hole mir jetzt, zur Beruhigung meiner Person und der des Trainerstabes, weitere, frische Eindrücke.

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Wie oft haben Sie zum Beispiel die USA gesehen?

Siegenthaler: Sieben- oder achtmal. Ghana genauso. Es ist ein großes Erlebnis für mich, Trainingseinheiten anzuschauen. Da sieht man Dinge, die in einem Spiel nicht zu sehen sind. Aber man muss Kraft und Lust haben, das zu tun. Sonst geht es zack, zack und der Fußball läuft uns weg. Die ganz großen Mannschaften machen momentan wieder einen Sprung, da müssen wir wachsam sein. Einige Nationen verschlafen die jüngsten Weiterentwicklungen des Fußballs gerade.

Sehen Sie die viel zitierte „falsche Neun“ als gute Alternative für Deutschland?

Siegenthaler: Man kommt ja heutzutage nicht mehr weit damit, den Ball hoch in die Mitte zu spielen. Die Kompanys, Ramos und Pepes dieser Welt, die freuen sich doch darüber. Deshalb müssen andere Lösungen her.

Deutschland hatte ohne echten Stürmer zuletzt aber auch erkennbar weniger Durchschlagskraft.

Siegenthaler: Gegenfrage: Wie viele Torchancen hatte denn Barça oder Paris Saint-Germain oder Bayern München mit drei Weltklassestürmern? Die Frage ist doch: Wie kommen die großen Stürmer und wie die kleinen zur Geltung. Ich würde mich zurzeit eher an den kleinen, wendigen orientieren.

Mal abgesehen vom Sportlichen – was wird aus Ihrer Sicht das Wichtigste sein, worauf man sich bei der WM einzustellen hat?

Siegenthaler: Nicht der Verschleiß ist das große Problem, sondern die Erholung. Ein junger Mensch erholt sich mit viel Schlaf. Wir müssen es schaffen, das perfekt zu gewährleisten, diese Ruhe im Umfeld.

Und ansonsten?

Siegenthaler: Es wird für alle von großer Bedeutung sein, wie man von A nach B kommt. Plötzlich gibt es einen Unfall, eine Straßensperre oder Demo. Dann fliegt von A das Flugzeug nicht und so weiter. Wenn bei den Spaniern und Italienern beim Confed-Cup nicht ein paar ältere Spieler eingewirkt hätten, wäre es das Chaos gewesen. Da wollten viele Spieler einfach nach Hause fliegen, weil sie so genervt waren.

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Ab wann wäre die WM aus Ihrer Sicht ein Erfolg?

Siegenthaler: Wenn wir unter den letzten vier sind. Denn bis dahin hätten wir schon einige Große ausgeschaltet.

Ist Brasilien auch für Sie der große Favorit?

Siegenthaler: Unter all den Umständen dort wird es schwierig sein, sie zu schlagen. Da wird auch massiver Druck auf die Spieler ausgeübt. Das kann natürlich auch hemmen.

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