Ex-Manager leidet sogar mit dem HSV

„Dem Fußball wurde seine Seele geklaut“ - Werder-Ikone Lemke leidet unter Corona und fordert strengere Regeln

Willi Lemke, Ex-Manager von Werder Bremen und in dieser Funktion erbitterter Rivale seines FC-Bayern-Pendants Uli Hoeneß, über Relegationsängste, den Hamburger SV und grauenhafte Geisterspiele.

  • Unter Manager Willi Lemke konnte der SV Werder Bremen jahrelang dem FC Bayern Paroli bieten.
  • Mit seinem früheren Münchner Pendant Uli Hoeneß zoffte sich der heute 73-Jährige oft.
  • Im Interview sprach er mit uns über Corona, seinen Herzensklub und die aktuelle Lage.

München – Die grün-weiße Werder-Raute trägt Willi Lemke nach wie vor im Herzen. Auch wenn es ihm der Verein diese Saison so schwer wie selten zuvor macht. Vor dem ersten Bundesliga-Relegationsspiel des SV Werder Bremen gegen den FC Heidenheim (Donnerstag, hier gibt‘s den Live-Ticker) erklärt der langjährige SVW-Manager Willi Lemke, 73, warum er lieber gegen den Erzrivalen aus Hamburg gespielt hätte, steht Bayern Münchens Ehrenpräsident Uli Hoeneß zur Seite und erklärt, wie er den Fußball retten will.

Bundesliga-Relegation: Lemke „hätte lieber gegen den HSV gespielt“

Wie ist Ihre Gefühlslage?

Willi Lemke: Ich bin entspannt. Auf der anderen Seite aber auch besorgt, dass die Spieler Heidenheim zu leicht nehmen. Erst recht nach dem 6:1 gegen Köln. Und im Pokal haben wir Heidenheim ja auch 4:1 geschlagen. Da war ich im Stadion und Werder klar überlegen. Den Spielern muss bewusst sein, dass nun zwei völlig neue Spiele kommen und dass diese kein Selbstläufer werden.

Bei Werder sucht man nach Erklärungen für die Leistungsschwankungen. Haben Sie eine parat?

Lemke: Nein. Sie erleben mich nicht oft sprachlos. Aber darauf weiß ich keine Antwort.

Was halten Sie von Trainer Florian Kohfeldt?

Lemke: Ich schätze ihn als Trainer und als Mensch sehr und bin gespannt auf die Analyse unserer Führungsgremien. Aber das sind alles Fragen, die sich erst nach der Relegation stellen.

Mit Heidenheim als Gegner hat kaum jemand gerechnet, oder?

Lemke: Ich auch nicht. Vor allem war ich sicher, der HSV würde seine Hausaufgaben erledigen. Dass Heidenheim eventuell gegen freudetrunkene Bielefelder gewinnt, so viel Fantasie hatte ich noch. Aber dass beide so hoch verlieren, der HSV regelrecht untergeht – das hat mich schon sehr überrascht.

Mann der offenen Worte: Willi Lemke ist SPD-Mitglied und war bis 2016 im Aufsichtsrat bei Werder Bremen.
Haben Sie mit Hamburg gelitten?

Lemke: Ein bisschen schon. Auch aus Eigennutz. Ich hätte lieber gegen den HSV gespielt. Ohne den Derbycharakter, ohne die Historie im Hintergrund ist die Gefahr größer, dass unsere Spieler es auf die leichte Schulter nehmen.

Geisterspiele in der Bundesliga: „Finanzielle Sorgen bei uns trotzdem riesengroß“

Wie haben Sie die Geisterspiele generell erlebt?

Lemke: Die letzten Wochen waren für den Fußball nicht schön. Ich habe kaum ein Spiel mit richtiger Freude gesehen. Die Stimmung beim Einlaufen, die Kinder an den Händen der Spieler, die Stimmung bei den Fans – die ganzen Rituale fehlen mir sehr. Alles ist ohne Gefühl, Leidenschaft und Emotion. Dem Sport wurde die Seele geraubt.

Trotzdem haben Sie eingeschaltet.

Lemke: Nur, weil es mir um Werder ging. Als neutraler Zuschauer hätte ich gesagt: Kommt lasst mich in Frieden damit. Und ich kenne ganz viele, die so denken. Ich gehöre einer Generation an, die noch die Bilder vom Wunder von Bern vor den Augen hat. Die Verzweiflung oder die Freude in den Gesichtern der Zuschauer zu sehen, war einzigartig. So kann der Fußball seine ganze Kraft entfalten. Nicht mit leeren Stadien. Und es ist ein Albtraum daran zu denken, dass es so noch Monate weitergeht.

War der Neustart dennoch alternativlos?

Lemke: Für die Vereine zweifelsfrei. Ich will mir nicht vorstellen, was bei uns passiert wäre, wenn die Millionen an Fernsehgeldern nicht geflossen wären. Die finanziellen Sorgen sind bei uns trotzdem noch riesengroß.

Ist so ein Horror-Szenario in Zukunft zu verhindern?

Lemke: Zumindest müssen sich die Vereine gemeinsam mit der DFL besser absichern. Anstatt die nächsten Fernsehraten mit beiden Händen sofort wieder auszugeben, sollte man Sicherheiten aufbauen. An dieses Geld dürfte dann weder die DFL noch die Vereine herankommen. Nur in absoluten Notsituationen. Ein Rettungsschirm wie man ihn auch aus der Politik kennt.

Zu Beginn der Corona-Krise haben viele auf eine moralische Neujustierung des Profifußballs gehofft.

Lemke: Ich hoffe nach wie vor. So kann es ja nicht weitergehen. Traurig genug, dass eine Pandemie uns das vor Augen führen muss.

Uli Hoeneß gratuliert seinem langjährigen Widersacher Willi Lemke im Jahr 2016 zu dessen 70. Geburtstag.

Willi Lemke fordert strengere Regeln: „Exzesse, die dem Profifußball Schaden zufügen“

An was denken Sie konkret?

Lemke: Es kann nicht sein, dass Ablösesummen von 120 oder 200 Millionen Euro im Raum stehen und möglicherweise auch bezahlt werden. Oder dass Gehälter von 40 Millionen Euro einfach geschluckt werden. Sowie Berater, die ihren Spielern vielleicht raten, nicht mehr zum Training zu kommen, um einen Wechsel zu erzwingen. Goldene Steaks und 17 Autos vor dem Haus sind Exzesse, die dem Profifußball Schaden zufügen. Die internationalen Regeln müssen so streng sein, dass sie solche Auswüchse verhindern.

Ihr ehemaliger Widersacher Uli Hoeneß hat der Forderung nach einer Gehaltsobergrenze keinen Erfolg prognostiziert. Teilen Sie seinen Pessimismus?

Lemke: Ja, da hat Uli sehr wahrscheinlich recht. Das ist nicht umsetzbar, weil man immer Wege finden wird, das in irgendeiner Form zu umgehen. Plötzlich werden Sonderverträge geschlossen, die über Verwandte oder Berater laufen. Und das Geld landet dennoch bei dem Spieler. Oder es entstehen Klauseln für Zusatzleistungen, die schwer zu überprüfen sind. Mein Ansatz ist ein anderer.

Bitte.

Lemke: Es sollte mehr Transparenz eingeführt werden. Jeder Verein veröffentlicht genau, wie sich seine Ein- und Ausgaben gestalten. Damit jeder nachvollziehen kann, wofür der Klub sein Geld ausgibt

Interview: Daniel Müksch

Rubriklistenbild: © dpa / Axel Heimken

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