Koordinator der WM 2006

Interview zu Paris-Terror: "EM wird unter besonderen Maßnahmen stattfinden"

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Im Stade de France soll unter anderem das Finale der EM 2016 stattfinden.

München - Im Interview spricht der Österreicher Heinz Palme über mögliche Sicherheitsmaßnahmen, die Illusion der hundertprozentigen Sicherheit und die Auswirkungen auf die EM 2016.

Herr Palme, man spricht von einer neuen Dimension des Terrors – im Umfeld des Sports. War diese Verbindung für Sie als Experte derart überhaupt vorstellbar? 

Es war immer in den Vorstellungen aller Verantwortlichen, die mit Events in größerer Form – also solchen, in denen Menschanansammlungen gegeben sind – zu tun haben. Aber man hatte natürlich die Hoffnung, dass selbst Terroristen vor gewissen Maßnahmen zurückschrecken beziehungsweise einfach nicht so weit gehen, wie es eben am Freitag in Paris passiert ist. Unabhängig davon haben die Veranstalter von großen Events aber auch diverse Maßnahmen ergriffen. Ob es in den letzten Jahrzehnten bei einer WM, EM oder Olympischen Spielen war – Terror war immer das Thema. Man hat intensiv gearbeitet und geplant. 

Trotzdem ist es am Freitag zu den Anschlägen in Paris gekommen. 

Ja, leider. Der Terror hat eine neue Dimension erreicht, diese Aussage ist absolut berechtigt. Jeder hat gehofft, dass das ausbleibt, was eingetreten ist. Da steht man jetzt. Und trotzdem bin ich der Meinung, dass man, bevor man in Diskussionen über Fehler oder Konsequenzen einsteigt, Mitgefühl leben muss, diese Gefühle zulassen muss. All jenen gedenken, die unmittelbar betroffen sind. Man muss sich gedanklich zurücknehmen und das Gefühl in den Vordergrund stellen. Man darf jetzt nicht vorschnelle Schlüsse ziehen.

Wie groß war das Thema Terror bei der WM 2006?

Natürlich groß. Es waren aber Regierungsgelder – und nicht Aufgabe des Organisationskomitees. Trotzdem war es ein großer Teil des Sicherheitsplans, den es mit staatlichen Stellen und Polizei abzustimmen galt. Man wusste über die Maßnahmen Bescheid. Wir haben koordiniert und kommuniziert, viele Gespräche geführt und waren bereit für die eigenen Maßnahmen. Die haben dann die Sicherheit in den eigenen Bereichen betroffen, sprich in Stadien, Teamquartieren, Hotels, Wettkampfbereichen. Alle offiziellen Zonen der FIFA und des Organisationskomitees wurden durchdacht gesichert. Das ist ein Standard, der sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt hat. 

Großereignisse waren in den letzten Jahren also sicher? 

Wenn man alleine mal schaut, was in London und Sotschi umgesetzt wurde, sieht man, wie hoch der Standard ist. Das betrifft sowohl wirtschaftliche als auch finanzielle Ressourcen. Natürlich muss das Sicherheitskonzept aber von Event zu Event maßgeschneidert werden. Ein grundsätzliches Konzept wird angewendet und auf die Rahmenbedingungen angepasst. 

Ist der Standard denn noch genug – jetzt wo der Terror so nah an den Sport herangerückt ist? 

Wie immer muss man weiterhin alles überdenken und überprüfen. Wir reden aber von Experten, die weltweit tätig sind, die untereinander vernetzt sind mit ihren Sicherheitsbehörden. Da ist immenses Know-How verfügbar. Letztendlich ist man aber als Veranstalter – auch bei Bundesliga-Spielen – dann auch aufgefordert, sich dieser Experten zu bedienen. Nach solchen Ereignissen wird man natürlich hier und da neue, verbesserte, erweiterte Maßnahmen setzen. Oder aber feststellen, dass das, was schon entwickelt wurde, ausreicht und war richtig war. 

100-prozentige Sicherheit kann man nicht garantieren

Ist vollkommene Kontrolle illusorisch? 

Absolut. 100-prozentige Sicherheit kann man nicht garantieren. Man kann viele Bereiche absichern, bei manchen aber ist es unmöglich. London hat das zum Beispiel bei den Olympischen Spielen versucht, die haben sehr viel in Überwachungssysteme investiert. Aber selbst da gab es ein Restrisiko. Weil die Kriminellen sich auch weiterentwickeln und neu vernetzen. Das ist ein Wettrennen: Was machen die einen? Was machen die anderen? Deswegen gibt es ja diese Weiterentwicklung im Bereich Sicherheit. Alleine die Technologien werden ständig moderner. Das Ende der Fahnenstange gibt es noch nicht. Man ist gefordert, Bewährtes in den Vordergrund zu stellen, aber auch zu schauen, wo es – im Zusammenhang mit dem aktuellen Risikolevel – Bedarf gibt. Natürlich gibt es da aber auch Limits. Wirtschaftlich wie personell. 

Die EM in Frankreich wird nun aber eine Hochsicherheitsveranstaltung, oder?

Nach jetzigem Stand muss man davon ausgehen. Natürlich auch darauf bezogen, dass Frankreich ein massives Ziel des Terrors ist. Die Ankündigungen gehen in die Richtung, dass weiter mit Übergriffen zu rechnen hat. Diese EM wird unter besonderen Maßnahmen stattfinden. Andererseits muss man sagen, dass man auch in Sotschi schon mit extrem hohen Risikofaktoren arbeiten musste. Das ist die bittere Realität, das ist sehr, sehr schade für den Sport, der eigentlich den Menschen etwas Positives bieten soll und kann. 

Läuft den EM-Organisatoren die Zeit davon, um ihre Sicherheitsstandards nochmal anzupassen? 

Nein. Man hat ja gesehen, dass das Spiel selbst nicht betroffen wurde, weil die drei Terroristen den Zugang ins Stadion nicht geschafft haben. Das ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Hinweis darauf, dass man die Grundstruktur richtig angepackt hat. Trotzdem ist die EM aber eine Veranstaltung, die über mehrere Wochen geht. Die Standards müssen über das ganze Land gehen, die Koordination, die Kommunikation aller teilnehmenden Länder muss stimmen. Das wird man sich nun alles anschauen, gemeinsam mit der UEFA und Experten. Dafür hat Frankreich aber noch Zeit. Das ist der einzige Vorteil, dass man vom 13. November bis 10. Juni Zeit hat, daran zu arbeiten. 

Martin Kind sprach gestern von „dramatischen Folgen für den Fußball“. Ist das eine berechtigte Angst? 

Dramatisch insofern, dass es natürlich ein Drama ist, was passiert ist. Besucher von Veranstaltungen beginnen nun nachzudenken, ob sie überhaupt hingehen oder nicht. Ich glaube aber nicht, dass die unmittelbaren Auswirkungen so dramatisch sein werden. Weil der Fußball im Sicherheitsbereich sehr gut strukturiert ist. 

+++ Lesen Sie hier den News-Ticker vom Mittwoch zum Terror in Europa nach +++

Können Fans sich sicher fühlen? 

Die Stadien sind gut gesichert. Sicher wird es Nachbesserungen geben. Aber die Grundstruktur passt. Es ist jetzt etwas passiert – aber es wird weitergehen. Man wird nun sehr wachsam sein, als Zuschauer, als Organisator. Aber ich würde das noch nicht als dramatische Veränderung sehen. Man darf das jetzt nicht überziehen. Die Angst darf nicht im Vordergrund stehen. 

Die Absage eines Bundesliga-Spieltages wäre also eine falsche Reaktion? 

Natürlich. Es kann vielleicht mal passieren, dass das ein oder andere Spiel abgesagt werden muss – wie eben am Dienstag in Hannover. Dann ist das aber eine Maßnahme, die man treffen muss. Denn die Sicherheit hat Vorrang. Aber was ist denn überhaupt dramatisch? Ist es dramatisch, ein Fußballspiel abzusagen? Nein! Vor der WM 2006 hatten wir die Vogelgrippe. Da hätten auch Spiele abgesagt werden müssen, wenn sich das anders weiterentwickelt hätte. Auch das wäre nicht dramatisch gewesen. Man muss sagen: In Deutschland und ganz Mitteleuropa sind wir einfach verwöhnt, was das Gefühl der Sicherheit betrifft. Das wird jetzt einen Einschnitt haben – aber man wird damit leben müssen.

Hanna Schmalenbach

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