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Scholl-Nachfolger Hitzlsperger im Interview: „Für mich gibt es keine Tabuthemen“

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Von: Andreas Werner

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Thomas Hitzlsperger wird bei der WM 2018 in Russland als ARD-Experte fungieren
Thomas Hitzlsperger wird bei der WM 2018 in Russland als ARD-Experte fungieren. © dpa

Thomas Hitzlsperger hofft, dass in Russland der Fußball im Mittelpunkt stehen wird. Der WM-Experte spricht über das Ausrichterland, die DFB-Auswahl und die Herrschaft der Bayern.

München – Am Samstag (Anpfiff: 15.30 Uhr) steht der VfB Stuttgart Spalier, wenn der FC Bayern zum sechsten Mal in Serie zum Meister gekürt wird. Thomas Hitzlsperger (36) sitzt seit 2017 im Vorstand der Schwaben. Zum Ausklang der Saison äußert sich der ehemalige Nationalspieler, der bei Bayern ausgebildet wurde, im Interview über die Verhältnisse in der Liga, seine Arbeit als ARD-Experte sowie die WM 2018 in Russland.

Herr Hitzlsperger, Sie sind gerade mit dem DFB in Russland. Welchen Eindruck haben Sie vom WM-Ausrichter, wenige Wochen vor dem Turnierstart?

Thomas Hitzlsperger: Ich war als Botschafter für Vielfalt bereits letztes Jahr beim „Petersburger Dialog“ in Russland. Der DFB hat sich zum Ziel gesetzt, die integrative Kraft des Fußballs zu nutzen, um Begegnungen herzustellen. Das Länderspiel der U 18-Teams zwischen Russland und Deutschland war eine dieser positiven Ereignisse. Die Menschen in Russland tun sehr viel dafür, dass sich die WM-Gäste wohlfühlen werden, so mein Eindruck.

Was für eine WM haben wir denn zu erwarten?

Hitzlsperger: Es wird wohl viel davon abhängen, wie erfolgreich die russische Mannschaft spielt. Bei jedem Turnier entsteht durch den Gastgeber der entscheidende Sog. In Deutschland schauen die Leute natürlich auch auf die politischen Aspekte: Wird es während der WM ruhig sein? Wird es Konflikte geben? Natürlich hoffen wir alle, dass der Fußball im Mittelpunkt steht.

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„Es gibt viele Deutsche, die über Russland urteilen, ohne je dort gewesen zu sein“

Russland ist ein heikles Pflaster: Putin und die Politik. Wie werden Sie sich als ARD-Experte diesen Fragen stellen? Sind Sie selbst ein politischer Mensch?

Hitzlsperger: Ich bin ein politisch denkender Mensch, sehr interessiert an der Gesellschaft, in der ich lebe. Es gibt viele Deutsche, die über Russland urteilen, ohne je dort gewesen zu sein. Ich bin froh um meine Besuche hier, aber ich habe nur einen kleinen Ausschnitt des alltäglichen Lebens zu sehen bekommen. Ich sehe einige Dinge hier sehr kritisch, jedoch bin ich vorsichtig mit Vorverurteilungen.

Über das WM-Ausrichterland Russland sagt Hitzlsperger: „Ich sehe einige Dinge hier sehr kritisch, jedoch bin ich vorsichtig mit Vorverurteilungen.
Über das WM-Ausrichterland Russland sagt Hitzlsperger: „Ich sehe einige Dinge hier sehr kritisch, jedoch bin ich vorsichtig mit Vorverurteilungen.“ © dpa-tmn / Thomas Körbel

Sie wählten den Zeitpunkt, Ihre Homosexualität öffentlich zu machen, bewusst vor den Olympischen Spielen in Sotschi, da das in Russland ein Tabuthema ist. Werden Sie sich erneut positionieren?

Hitzlsperger: Das war keine bewusste Entscheidung wegen Sotschi, es überschnitt sich aber zeitlich, das stimmt. Es ist ein Fakt, dass es Minderheiten in Russland oft schwer haben. Es wurde im letzten Jahr beim „Petersburger Dialog“ offen ausgesprochen, dass in Russland die Mehrheit Recht hat. Im Umkehrschluss heißt das, die Minderheit hat Unrecht, und daher der oft schlechte Umgang mit eben jenen. Aber es gibt auch Bestrebungen, die Verhältnisse zu verbessern. Ich bekam diesmal wieder zu hören, Journalisten aus dem Ausland seien oft nur daran interessiert, was schlecht ist, was schiefläuft. Es gibt aber auch positive Beispiele. Die Besuche in Russland haben mir sehr geholfen, differenzierter zu urteilen.

Wie läuft eigentlich Ihre Vorbereitung auf so eine WM ab – wie viel Zeit nimmt das in Anspruch?

Hitzlsperger: Das lässt sich schwer in Stunden ausdrücken. Ich war im DFB-Pokal bei Viertel- und Halbfinalspielen sowie einzelnen Länderspielen für die ARD im Einsatz. Es wird jetzt meine erste WM in dieser Position. Ich beobachte die Bundesliga und den internationalen Fußball das ganze Jahr über, aber vor dem Turnierstart werde ich mich noch einmal ganz intensiv mit den einzelnen Teams befassen.

„Doping verschafft einen Vorteil und ist zu Recht verboten“

Ihr Vorgänger Mehmet Scholl polarisierte gerne mal. Wie ist das bei Ihnen – kann man sich so etwas vornehmen, gehen Sie bewusst andere Wege?

Hitzlsperger: Ich nehme mir vor, gut vorbereitet zu sein und da weiterzumachen, wo ich zuletzt aufgehört habe. Da Mehmet Scholl mein Vorgänger war, werde ich jetzt mit ihm verglichen – aber vor ihm haben das auch andere Charaktere gemacht. Ich habe vor vier Jahren beim „ZDF Morgenmagazin“ begonnen und jetzt diese WM-Chance bekommen, die ich als Auszeichnung sehe und auch als Beweis, dass ich bisher nicht so viel falsch gemacht habe. Ich werde meine Art nicht ändern und will in erster Linie dem Zuschauer eine gute Analyse bieten. Es ist aber nicht ausgeschlossen, auch mal eine kontroverse Meinung zu vertreten und anzuecken. Aber das extra vornehmen, das mache ich nicht.

Scholl ist Geschichte, weil er sich beim Confed Cup weigerte, über Doping zu reden. Wie ist Ihr Standpunkt zu dem Thema?

Hitzlsperger: Für mich gibt es keine Tabuthemen. Auch zum Thema Doping habe ich eine klare Meinung und stelle mich dieser Debatte. Ich würde schon behaupten, dass Doping auch im Fußball einen Vorteil verschaffen kann. Daher ist es zu Recht verboten.

Wie sehen Sie die WM-Chancen des DFB-Teams? Und wer sind die Hauptkonkurrenten – nennen Sie die üblichen Verdächtigen oder haben Sie einen ungewöhnlichen Tipp?

Hitzlsperger: Nein, habe ich nicht. Da muss ich Sie enttäuschen. Deutschland gehört natürlich zu den Favoriten, und dann gibt es noch ein paar andere Nationen auf einem ähnlichen Niveau. Ich habe selbst miterleben dürfen, wie gut Jogi Löw und sein Trainerteam seine Mannschaften auf so ein Turnier vorbereitet, besser geht es nicht, glauben Sie mir. Die Spanier sind aber auch wieder sehr stark geworden, dazu Frankreich, Brasilien und Argentinien – da gibt es aus meiner Sicht keinen, der Top-Favorit ist. Eine gute Basis für ein spannendes Turnier.

Auf welche Spieler freuen Sie sich persönlich?

Hitzlsperger: Natürlich wie die meisten Fans auf Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Das ist immer eine Freude, ihnen zuzuschauen. Bei Neymar hoffe ich, dass er seine Verletzung rechtzeitig auskuriert. Ich sehe Kylian Mbappé gerne, genauso wie bei den Deutschen Leroy Sané, der super Ansätze und noch viel Potenzial hat und Spiele entscheiden kann.

Über Leroy Sané sagt Hitzlsperger: „Er besitzt die Frechheit, die man braucht“
Über Leroy Sané sagt Hitzlsperger: „Er besitzt die Frechheit, die man braucht“ © dpa

Trauen Sie ihm bereits eine tragende Rolle zu?

Hitzlsperger: Er kann den Unterschied ausmachen. Weil er diese Frechheit besitzt, mal etwas Unvorhergesehenes zu tun. Das braucht man in 1:1-Situationen, davon lebt der Fußball. Wir hatten in Deutschland zuletzt viele System-Diskussionen, und Sané ist ein Spieler, der dem Fußball gut tut: jung, mutig, erfrischend. Solche Typen benötigst du heute, vielleicht mehr denn je, weil die meisten Spieler in Systemen denken. Abstände zum Mit- und Gegenspieler sind da wichtiger als gefährliche Räume, die man durch Einzelaktionen ausnutzen kann.

Bayern-Dominanz? „Der Abstand zu den anderen Klubs ist zu groß“

Am Samstag wird der FC Bayern zum sechsten Mal in Serie zum Meister gekürt. Sehen Sie eine Lösung, dass das nicht immer so weitergeht?

Hitzlsperger: Unter den jetzigen Verhältnissen in der Bundesliga kann ich mir nur sehr schwer vorstellen, dass sich daran etwas ändert. Das kann ja nur passieren, wenn die Bayern grobe Fehler machen. Der Abstand zu den anderen Klubs ist zu groß, und ich kann nicht absehen, dass sich das bald einmal ändern wird.

Ist für Sie Sven Ulreich auch der Mann der Saison?

Hitzlsperger: Seine Entwicklung ist beeindruckend, ohne Frage. Ich habe mit ihm früher zusammengespielt und er war damals talentiert, hatte aber noch nicht diese Präsenz wie heute. So eine Ausstrahlung verleiht dir der FC Bayern, auch das Training mit Manuel Neuer stärkt einen. Sven ist ein grundanständiger Kerl, ich freue mich für ihn.

Wie reell ist seine WM-Chance?

Hitzlsperger: Sie ist auf jeden Fall diese Saison gestiegen. Es hängt viel an Neuer, bei dem wir alle hoffen, dass er es zur WM noch packen wird.

Mario Gomez und Sandro Wagner kämpfen um einen WM-Platz. Trommeln Sie für Ihren Stürmer vom VfB Stuttgart?

Hitzlsperger: Das ist nicht nötig. Jogi Löw kennt Mario gut genug. Ich gehe aber davon aus, dass beide mit ins Trainingslager fahren. Dort haben sie dann nochmals die Chance, sich zu präsentieren.

Wie sieht es bei Mario Götze aus – muss man ihn einfach mitnehmen wegen seiner Verdienste aus der Vergangenheit?

Hitzlsperger: Nein, das spielt im Heute keine Rolle. Der Bundestrainer wird ihn wie jeden anderen Spieler bewerten. Die Frage ist: Hilft der Spieler XY dieser starken deutschen Mannschaft in Russland weiter? Und da ist die aktuelle Leistung entscheidend und nicht der Verdienst von früher.

Dann müsste man so hart sein und sagen: Bei Götze reicht es nicht.

Hitzlsperger: Er ist sicher ein Härtefall. Der BVB hat eine turbulente Saison hinter sich. Für Mario Götze war es ein Auf und Ab und daher wird er um seinen Platz im Kader bangen müssen. Der eine oder andere junge Spieler hat sich in den letzten Jahren schlicht besser entwickelt. Er hat aber die seltene Gabe, auf engstem Raum die Übersicht zu behalten, nie verloren. Das würde für seine Nominierung sprechen.

Was ist wahrscheinlicher: Dass Deutschland die WM gewinnt, Bayern die Champions League – oder der VfB Stuttgart einen Startplatz für die Champions League erreicht?

Hitzlsperger (lacht): Ich bin Optimist und sage, dass alle drei Szenarien wahrscheinlich sind. Okay, wenn ich ehrlich bin: Die ersten beiden sind vielleicht einen Tick wahrscheinlicher.

Interview: Andreas Werner

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