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Thomas Hitzlsperger: „Wieso haben sich immer noch so wenige Ex-Fußballer geoutet?“

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Von: Julian Limmer

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Thomas Hitzlsperger, hier bei der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart im Jahr 2019.
Thomas Hitzlsperger, hier bei der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart im Jahr 2019. © Tom Weller/dpa

Thomas Hitzlsperger hat sich als erster prominenter Ex-Fußballer Deutschlands geoutet. Das ist einige Jahre her - im Interview spricht er über sein Coming-out.

München - Fans nannten ihn „Hitz The Hammer“ – wegen seines knüppelharten Schusses, vor dem die Premier League in England zitterte. Hier lief er für Aston Villa auf. Danach spielte er in der Bundesliga für den VfB Stuttgart: Mit den Schwaben wurde der Mittelfeld-Star 2007 auch Deutscher Meister. 52 Mal lief er für die DFB-Elf auf: Thomas Hitzlsperger.

Diesen Namen kennt ganz Deutschland. Nicht nur, weil er als Fußballprofi Erfolge feierte, sondern auch, weil er sich als erster prominenter Ex-Kicker Deutschlands offen zu seiner Homosexualität bekannte – 2014 war das. Beim Christopher Street Day (CSD) in München spricht er am Freitag auf der Bühne über seine Erfahrungen mit dem Thema im Profisport. In unserer Zeitung erzählt Hitzlsperger vorab von seinem langen Weg zum Coming-out.

Herr Hitzlsperger, sehen Sie sich als Vorbild für Gleichberechtigung?

Ich spüre eine Verantwortung aufgrund meiner Lebensgeschichte. Für manche bin ich dadurch ein Vorbild.

Ihre Lebensgeschichte beginnt im ländlichen Bayern, in Forstinning, wo Sie aufgewachsen sind. Wie prägte das Ihr Bild von Homosexualität?

Bei uns zu Hause ging es relativ unpolitisch zu. Ich ging zwar in die Kirche und musste auf dem Bauernhof mithelfen, wenn ich nicht gerade Fußball spielte. Jedoch hatte ich lange Zeit gar kein Interesse daran, was gesellschaftspolitisch um mich herum passierte. Ich hatte nur ein Ziel: Fußball-Profi zu werden.

Wann haben Sie gemerkt, dass sich das ändert?

Gegen Ende meiner Karriere nahm das Thema meiner eigenen Sexualität immer mehr Raum ein. Ich merkte: Ich gehörte zu denen, die im Profifußball unsichtbar sind, über die gesprochen wird, aber von denen selbst niemand spricht. Und ich stellte mir Fragen wie: Gehe ich damit an die Öffentlichkeit? Spreche ich mit Teamkollegen und dem Trainer darüber? Diese Gedanken haben mich beschäftigt. Gleichzeitig habe ich versucht, Probleme zu verdrängen. 

Thomas Hitzlsperger: „Die größte Bedeutung hatte das Gespräch mit meinen Eltern“

Was meinen Sie damit?

Meine Prioritäten haben sich immer mehr verschoben. Ich spürte, dass mein Leben mehr als nur Fußball beinhaltet. Da gehört es eben auch dazu, auszugehen und ab und an zu feiern – aber eben nicht an den Orten, wo die Mannschaftskollegen feierten. Diesen Schritt wagte ich lange Zeit nicht.

Wovor hatten Sie Angst?

Die größte Bedeutung – und das teile ich mit vielen – hatte das Gespräch mit meinen Eltern. Mir war wichtig, mit ihnen und meinen Geschwistern zu sprechen, ehe ein Wort darüber in der Öffentlichkeit geschrieben wurde. Das Entscheidende war, dass sie mich unterstützen. Als ich das wusste, gab es keine Befürchtung mehr. Weil ich merkte, auch wenn es öffentliche Kritik geben sollte, steht mein engstes Umfeld immer noch zur mir.

Anfang 2014, kurz nach dem Ende Ihrer aktiven Karriere, haben Sie sich geoutet.

Irgendwann gab es einfach keinen vernünftigen Grund mehr, sich nicht zu outen. Ich war Fußballprofi und hatte die große Möglichkeit, eine Diskussion über den Umgang mit Homosexualität im Profisport, und Fußball im Speziellen, voranzubringen. Bis dahin sprachen ja nur Menschen, die spekulierten und teilweise unbedachte und unreife Äußerungen von sich gaben. Das empfand ich als kontraproduktiv.

Thomas Hitzlsperger: „Wieso haben sich immer noch so wenig Ex-Fußballer nach ihrer Karriere geoutet?“

Was hat sich danach verändert?

Sehr viele Leute haben positiv darauf reagiert – nach dem Motto: „Endlich sagt es mal einer!“ Natürlich gab es auch Menschen, die kritisierten, aber doch sehr wenige.

Haben Sie Anfeindungen erlebt?

Jeder Fußballer erlebt irgendwann Anfeindungen. Nach meinem Coming-out wurde ich nicht mehr angefeindet als zu Spieler-Zeiten. Erst Social Media hat die Wahrnehmung und Intensität verändert. Das kann verletzend sein, und man erschrickt für einen Moment. Wenn jedoch mein Engagement für Toleranz und Vielfalt Nachahmer findet, dann sind Anfeindungen leichter zu ertragen. 

Wie geht es Ihnen heute damit?

Gut. Aber die Frage ist doch: Wieso haben sich immer noch so wenig Ex-Fußballer nach ihrer Karriere geoutet? Es scheint also noch ein Problem zu sein. Ich will die Diskussionen dazu bereichern. Ich war zwölf Jahre lang in unterschiedlichen Profiteams, ich kenne die Vorurteile.

Warum outet sich immer noch kaum jemand im Profigeschäft?

Die Sorgen vor negativen Folgen sind groß. Es wird zu wenig über das Positive nachgedacht. Man muss dennoch feststellen, dass die Clubs sich klar für Vielfalt aussprechen. Vereine, Fans und Medien haben in den letzten Jahren viel unternommen, den Boden zu bereiten.

Was muss sich in der Gesellschaft noch ändern?

Mir ist es wichtig, die Botschaft des CSD von Toleranz und Respekt und dem Miteinander auch zu den Menschen zu transportieren, die nichts damit zu tun haben wollen. Leute, für die Minderheiten immer noch ein Problem sind. Ich will verständlich machen, dass wir mit Ausgrenzung nicht weiterkommen. Darin sehe ich meine Aufgabe.

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