Jogis größte EM-Quali-tät

Müller Hoffnungsträger bei Löws "Improvisation"

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Thomas Müller (r.) trifft, der Jogi jubelt: ­Gegen Schottland traf der Bayernstar doppelt.

Dortmund - Schonkost statt Schönspielerei, harter EM-Alltag statt WM-Euphorie. Die Gründe dafür traten bei den letzten beiden Partien deutlich zutage.

Es lief einfach in jeder Hinsicht wenig flüssig, auch nach dem Spiel nicht. Manuel Neuer sollte seine Einschätzung abgeben zum 2:1-Sieg der DFB-Elf gegen tapfer kämpfende Schotten, er stand frisch geduscht vor den Mikrofonen und blickte in erwartungsfreudige Gesichter. Doch er konnte noch nicht antworten. Ein trockenes Brötchen und seine gute Erziehung verhinderten, dass er direkt loslegen konnte mit seiner Analyse, und so kaute er angestrengt auf dem Gebäck herum und beschwichtigte gleichzeitig mit einer Geste. „Kann gleich losgehen…“

So richtig los ging es auch in den 90 Minuten zuvor nicht, der Auftakt in die EM-Jahre fiel vor über 60.000 Zuschauern in Dortmund recht bescheiden aus. Am Ende konnte man sogar von Dusel sprechen – und zumindest von einer klaren Erkenntnis dieses Spiels: Die einzige, die größte Qualität für Jogis Quali heißt derzeit Thomas Müller, der Bayernstar rettete die deutsche Mannschaft mit seinen zwei Toren gegen sehr unangenehm agierende Schotten.

Er selbst sagte nachher: „Ich hatte das Spiel so erwartet, in den Videoanalysen wurde deutlich, das wird kein leichter Gegner! Die stehen sehr massiv hinten drin. Es war ein enges Spiel, schön für die Zuschauer und mit einem schönen Ende für uns.“ Und dann beschrieb er noch seinen wuchtigen Kopfballtreffer zum 1:0 in typischer Müller-Manier: „Ich wollte dieses Kopfballduell gewinnen, das ist gegen so einen Ur-Schotten aus der Prärie nicht leicht! Zum Glück ist der Ball dann noch schön ins Eck gefallen.“

Ein Tor des Willens, wie letztlich auch der Sieg über die Einstellung kam. Spielerisch aber tauchten wieder ein paar Baustellen auf, Manuel Neuer meinte nach seiner Essenspause: „Wir haben den Ball nicht gut laufen lassen, nicht sicher gespielt, uns nicht gut bewegt – sodass wir den Ball nicht zirkulieren lassen konnten. So haben wir Fehlpässe in der Vorwärtsbewegung gemacht. Schottland hat das ausgenutzt durch den schnellen Außenstürmer.“

Am Ende waren alle einfach nur froh über die drei Punkte. „Das ist das Wichtigste“, sagte Lukas Podolski, der auf ein paar Rückkehrer hofft für die Spiele gegen Polen und Irland im Oktober. Spielerische Besserung sollten die Fans aber erst einmal nicht erwarten, selbst der Bundestrainer verbreitete in dieser Hinsicht wenig Zuversicht. Jogi Löw erklärte: „Wir werden improvisieren müssen. Im nächsten halben Jahr werden wir wohl oft mit veränderter Mannschaft spielen. Dem müssen wir uns stellen und das Beste daraus machen.“

Schonkost statt Schönspielerei, harter EM-Alltag statt WM-Euphorie. Die Gründe dafür traten bei den letzten beiden Partien deutlich zutage.

Die Abwehr: Nach dem Rücktritt von Philipp Lahm muss sich Jogi Löw einen neuen rechten Außenverteidiger basteln, gegen die Schotten durfte sogar Sebastian Rudy ran, dabei war der Mittelfeldspieler erst nach der Verletzung von Sami Khedira nachnominiert worden! Auf links ist Erik Durm ein hoffnungsvoller Kandidat, vielmehr aber auch noch nicht.

Die Anführer: Ohne Lahm, Schweinsteiger, Khedira oder Hummels fehlt der Antrieb bzw. jemand, der in kritischen Phasen Ruhe ausstrahlt. Kroos ist nahe dran an dieser Rolle, um ihn herum wirkten einige Bundesligastars aber zu hektisch und überstürzt in ihren Aktionen.

Die Angriffsvarianten: Jogi Löw hält an seinem System mit flexiblen Offensivstrategen fest – wohl auch notgedrungen. Während Miroslav Klose bei der WM auch mal von der Bank kam und entscheidende Akzente setzte, ist Mario Gomez kein Stürmer, der als Joker glänzt. Er braucht ohnehin Selbstvertrauen und Spielverständnis zu den Kollegen.

Bis alles ineinanderpasst, wird also wohl noch viel über den Kampf gehen. Und natürlich über diesen Müller.

Michael Knippenkötter

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