Weltmeister-Feier

TV-Kritik: Helene Fischer statt ARD-Guru

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Fischer im Fantrikot: Ausscheiden wäre vielleicht doch besser gewesen.

München - Die Weltmeister landen – und Deutschland hebt ab! Völlig irre, was ARD und ZDF Dienstag aus Berlin übertragen haben. Die TV-Kritik von Jörg Heinrich:

„Angekommen! Willkommen! Herzlichst!“, japste Publikumsliebling Steffen Simon, der nicht mehr zum Bilden vollständiger Sätze imstande war, so toll war det Janze. Sein Fazit: „Es ist sensationell, es ist fantastisch, es ist nie dagewesen, es ist einzigartig“ – es ist Steffen Simon! Auch Beckmann total knülle vor Begeisterung: „Das ist der Flieger!!!“ Es war aber auch Wahnsinn! Ein Flugzeug! Mitten in der Luft! Es kann fliegen! Fast so schön wie Arjen Robben! Danke an Flugzeugerfinder Otto Lilienthal, dem Thomas Müller der Lüfte!

Der Fußball-Karneval, die Wiesn ohne anständiges Bier, begann bereits am frühen Morgen. ARD-Reporter Jörg Klawitter hyperventilierte, als er auf den Jogiflieger wartete. Er knutschte den roten Teppich, verkündete: „Diese Gangway wird also die Mannschaft nachher herunterlaufen. Ich teste das schon mal, ob das gut funktioniert.“ Und es funktionierte prächtig, Klawitter ging völlig unfallfrei die Gangway runter. Super-Mitarbeiter! Dann setzte er sich in den Kli-Kla-Klawitter-Bus, der die Jogis abholen sollte, falls es klappt mit der Gangway. Klawitter ehrfürchtig: „Ich möchte schon mal einsteigen in dieses Heiligtum.“ Opdenhövel wird ihn hassen dafür. Wobei nicht ganz klar wurde, ob das Ganze echt war, oder eine geniale Frühstücksfernseh-Parodie von Olli Dittrich. Wobei: Dittsche hätte diesen heiligen Tag eher von Rolf Seelmann-Eggebert kommentieren lassen, wie alles Royale im Ersten.

Später brachen alle Dämme. Selbst Oliver Bierhoff wurde gefeiert – so berauscht muss man erstmal sein. Schuld war nur der Bossa Nova? Nö, DJ Ötzi und die Höhner. Zwischendurch dachte man sich: In England würden sie jetzt Oasis und Blur spielen. Ausscheiden vielleicht doch die bessere Lösung. Simon ließ seinem inneren Ballermann freien Lauf, empörte sich rechtschaffen, als Marius Müller-Westernhagen dankenswerterweise das Singen verweigerte: „Warum singt der nicht?“ Fanmeilen-Reporterin Sarah von Behren interviewte einen Herrn, der sich von Kopf bis Fuß in eine Fahne eingenäht hatte und aussah wie eine Mischung aus Spiderman und schwarz-rot-goldener Weißwurst. „Lustiger Mann“, fand Sarah. Wir fanden: Selber schuld, Berlin, wenn ihr so lasche Psychiatrie-Gesetze habt. Wir in Bayern wüssten, was zu tun ist.

Viele Stunden lang sah man Leuten beim Lastwagen-Fahren zu, und es ging kaum voran. Truck Stop, wer erinnert sich nicht? Wir Münchner haben ja den Irschenberg, wir kennen das, aber für Berlin war’s toll. Sogar an der JVA Moabit tuckerte der Jogitruck vorbei. Schade, falscher Knast. Der semischlaue Fanmeilen-Einheizer forderte: „Steht auf, wenn ihr für Deutschland seid!“ Darauf 500.000: „Wir stehen doch schon, du Vollpfosten!“ Die Interviews waren klasse: „Jogi Löw, wollen Sie den Menschen in Deutschland irgendwas sagen?“ „Runter von der linken Spur, wenn ich meinen Schein wieder habe!“ (Kann aber auch sein, dass wir uns verhört haben). Dann zog eine große weiße Wolke über die Fanmeile, und Scholli hätte gesagt: „Müller-Wohlfahrt kann fliegen!“ Doch der ARD-Guru war nicht da, dafür aber Helene Fischer. Am Sonntag noch Mehmet, Dienstag Helene – das deutsche Fernsehen hat stark abgebaut in den letzten Tagen. Schön war’s trotzdem. Flieg, Deutschlaaaaaaaand, flieg!

Jörg Heinrich

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