"Es geht nicht nur um den Infowert"

Twitter-Kanal zu Bayern und Löwen 65/66: Er steckt dahinter

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Twitter-Fan Schneider: „Die meisten halten mich für nerdig“

München - Auf zwei neuen Twitter-Kanälen lebt der Münchner Fußball von 1965/1966 in die Neuzeit transportiert. Hier kommt der Mann dahinter zu Wort.

Was wird das für eine spannende Saison! Die Löwen kämpfen wieder um den Meistertitel mit, der FC Bayern will sich erst einmal im Oberhaus etablieren. Und dann geht es auch noch mit dem Derby los! Mehr geht nicht für alle Fußballfans.

München im Juli 1965. Sie erinnern sich an das große Kribbeln vor dem Start in die neue Saison? Erstmals sind sowohl der TSV 1860 als auch die Roten vom FCB in der Bundesliga vertreten. In ganz anderen Rollen, die wir von heutigen Zeiten gewohnt sind. Wie diese aussahen, kann man ab sofort wieder nachempfinden, wieder neu miterleben. Zwei Fußballfans aus Wien wollen die Geschichte in die Gegenwart holen. Philipp Schneider und Markus Mostbauer nutzen dazu ein Medium, das damals noch nicht ganz so angesagt war: Twitter. In Echtzeit schicken sie über den Kurznachrichtendienst Tickermeldungen raus. Wenn also am 14. August ab 16 Uhr die (lange zurückliegende) Saison eingeläutet wird, dann blinkt schon eine gute Minute später die erste Nachricht auf: Tor durch Konietzka! 1:0 für die Löwen! Oder so ähnlich…

Löwen-Torschütze Konietzka am 14. August 1965: „Die Leute gehen richtig mit“.

„Es geht nicht nur darum, den Infowert herüberzubringen, was heute vor 50 Jahren passiert ist. In dem Projekt soll auch ein unterhaltendes Element stecken“, sagt Schneider, der den Ticker leitet und die Idee hatte zu dieser arbeitsintensiven Aufgabe. Was er mit Unterhaltung meint? „Zwei Accounts, in denen man sich bekabbeln kann.“ Beispiele dazu sind schon jetzt im Netz. „Die #Bundesliga ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Jetzt dürfen sogar schon die Roten mitspielen…“, lautet ein Tweet vom 1860-­Account aus der Vorbereitungszeit von vor 50 Jahren. So wird es wohl gewesen sein, die Löwen spuckten damals noch die weit größeren Töne.

Schneider und sein Fußballfreund Mostbauer stecken viel Herzblut und Detailarbeit in ihr Projekt. Alles soll so authentisch wie möglich sein, dazu braucht es eine gute Vorbereitung. Schneider: „Es ist eine Mischung aus der Recherche in Zeitungsarchiven oder Büchern, gerade habe ich das von Cik Cajkovski aus den 60er-Jahren hier liegen: Ich mache Mannschaften. Dazu nutzen wir vereinzelt auch Online-Medien, allerdings finden sich dort nicht die ganz großen Details.“

Zur Anstoßzeit dann sitzen die beiden vor ihren Computern und bedienen sowohl den Sechzig- als auch den Bayern-Ticker. Und beim Anspruch, alles in Echtzeit nachzuerzählen, fällt die Arbeit meist auf den Samstagnachmittag. „Das passt bei mir schon ganz gut. Meine Frau arbeitet am Theater, ist am Wochenende viel unterwegs. Außerdem findet sie mein Engagement ganz spannend“, erklärt Schneider sein Hobby, das nach und nach zur Vollbeschäftigung inklusive Bezahlung werden soll. Mit Blick auf sein Umfeld und die Fragen, die zu seiner Leidenschaft auftauchen, gibt der ehemalige Journalist aber auch zu: „Die meisten halten mich wahrscheinlich für etwas nerdig.“

Immerhin weiß er mittlerweile, dass es funktioniert, dass sein Faible für den Fußball und die Idee, Vergangenes in die heutige Zeit zu holen, von vielen Menschen geteilt wird. Schon letztes Jahr twitterte er eine historische Saison nach, die Entwicklung von Mönchengladbach in der Spielzeit 1964/65 (@fohlen-history). „Die Hinrunde verlief noch sehr ruhig, da habe ich ein wenig vor mich hingetwittert, hatte vielleicht 30 oder 40 Fans, die mir folgten. Dann wurde das Interesse größer, das Vereinsmagazin hat berichtet und verschiedene Medien. Zur Rückrunde hatte ich dann schon 300 Follower und mehr.“ Und diverse Reaktionen! „Die Leute sind richtig mitgegangen, haben mitgefiebert – obwohl natürlich jeder wusste, dass die Saison positiv für die Fohlen ausgeht. Die Leute antworteten mit typischen Sätzen wie: „Es wird Zeit, dass wir ein neues Stadion bekommen. Ohne haben wir in der Bundesliga keine Chance!“ Das war schon so, wie man vor über 50 Jahren rund um den Verein diskutiert hätte. Das fand ich sehr spannend.“

Genauso soll es nun auch wieder laufen, wenn es nach Schneider und Mostbauer geht. Das Potenzial ist sicher da, für 1860 und für die Bayern war die Saison 65/66 höchst turbulent. Erinnern Sie sich? Zum Auffrischen und Mitfiebern einfach folgen – unter @loewenhistory und @bayernhis­tory.

Michael Knippenkötter

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