Von wegen Fußball-Paradies

tz-Besuch in Salvador: Dicke Luft vor der WM

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In Salvador bestreitet die Löw-Truppe ihre WM-Auftaktpartie gegen Portugal.

München/Salvador - Am 16. Juni wird es für die DFB-Elf ernst. Gegen Portugal startet das Team von Jogi Löw in die WM am Zuckerhut. Die tz besuchte den Spielort des ersten Matches.

Viele Brasilianer finden, dass die Milliarden, die die teuerste WM aller Zeiten verschlucken wird, besser in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur hätten investiert werden sollen. Eine wütende Demonstrantin erzählt, warum sie die WM angreift. Ein wütender Polizist, warum er das Turnier verteidigt. Zudem folgen in den nächsten Wochen immer wieder Portraits von Menschen aus Salvador.

Schülerin Maria über die WM: "Ich bin bereit im Kampf gegen die FIFA zu sterben."

Drohenderhebt ein kräftiger Polizist seine Hand, um sie auf Maria (Name geändert) niedersausen zu lassen. Diesmal ist es zum Glück nur eine Theaterkulisse. Doch die zierliche Schülerin weiß, wie es sich anfühlt, von der Polizei beschossen zu werden. Vor einem Jahr wurde sie bei Demonstrationen gegen die WM verletzt. Wenn die WM in vollem Gange ist, wird die 20-Jährige wieder auf die Straße gehen. „Ich bin bereit, in diesem Kampf zu sterben“, sagt Maria mit ruhiger, fester Stimme. Die junge Brasilianerin ist keine Randale-Aktivistin, sie ist Überzeugungstäterin. „Der Kampf gegen die FIFA, die uns ihre Spielregeln aufdrücken will, ist für mich vergleichbar mit dem Kampf, den unsere schwarzen Vorfahren gegen die Sklavenhalter geführt haben“, sagt Maria in einem stickigen Haus in der Altstadt von Salvador. Hier probt sie mit Freunden ein Theaterstück, in dem es um Polizeigewalt geht. „Wenn Kameras und Journalisten dabei sind, halten die Polizisten sich zurück. Aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, machen sie mit uns, was sie wollen“, behauptet Maria. Sie erinnert sich: „Das Tränengas hat tierisch in der Lunge gebrannt. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Außerdem bin ich am Bein und am Rücken von Gummigeschossen getroffen worden. Als ich weglief, haben sie von hinten auf mich geschossen.“

Was beim Confed-Cup vor einem Jahr als Protest gegen Fahrpreiserhöhungen bei Bussen und Bahnen in São Paulo begann, weitete sich schnell zu landesweiten Protesten gegen die WM aus. Viele Brasilianer empfinden das Turnier als gewaltiges Geldverprassungsspektakel. Als der fünffache Weltmeister im Oktober 2007 den Zuschlag für das Turnier bekam, schwappte eine Welle der Euphorie durch das Land. Die Fans hofften, dass ihr Team zu Hause den Titel holen würde – und, dass sich durch die fälligen Investitionen die Lebensbedingungen für die rund 200 Millionen Einwohner verbessern würden. Mittlerweile herrscht fast im ganzen Land Katerstimmung. Um Platz für WM-Bauten zu schaffen, wurden Tausende Menschen umgesiedelt. Nie zuvor ist ein WM-Land so in Verzug geraten. Die durch Spezialeinheiten der Militärpolizei angekündigte „Befriedung“ der gefährlichen Armenviertel, in denen Drogengangster das Regiment übernommen hatten, gelang nur teilweise und unter Einsatz heftiger Gewalt. Auch Unschuldige wurden dabei getötet. Viele Favela-Bewohner klagen, dass die Polizisten oft erst schießen, dann fragen. Immer wieder wird den Sicherheitskräften Rassismus vorgeworfen. „Wenn du, so wie ich, schwarz bist, bist du automatisch Zielscheibe“, sagt Maria. Und kaum einen interessiert es. „Denen“, damit meint Maria ein diffuses Feindbild aus Regierung und FIFA, „ist doch völlig egal, was mit uns passiert. Die wollen nur, dass Salvador während der WM eine schöne Kulisse abgibt“, sagt das Mädchen aus dem Armenviertel.

Ständige Überwachung: Die Polizei am Strand in Salvador.

„Es wird keine Weltmeisterschaft in Brasilien geben“, rufen Maria und die Mitglieder der Protestbewegung, und es klingt wie eine ernstzunehmende Drohung. „Es wird die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“, sagt Präsidentin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei PT. Es klingt wie das Mantra einer Mentaltrainerin, die den Glauben an sich selbst verloren hat. Je lauter die Demonstranten rufen, desto kleiner wird die Hoffnung, dass der Fußball die Gesellschaft zusammenhalten kann. Schon jetzt kriminalisieren die Behörden deshalb den Widerstand und setzen auf Polizei, Geheimdienst und notfalls die Armee, um zu verhindern, dass die Demonstrationen das Fußballfest, das live bis in jeden Winkel der Welt übertragen wird, überschatten werden. Doch selbst auf die eigene Polizei kann die Regierung sich nicht verlassen. Als Polizisten Mitte April in Salvador streikten, wurden in der 2,5- Millionen-Einwohner-Metropole innerhalb von zwei Tagen mindestens 39 Menschen getötet, Dutzende verletzt und zahlreiche Geschäfte geplündert.

Jetzt sieht es in Salvador wieder friedlich aus. Zumindest an der Oberfläche. Dort, wo sich die WM-Touristen tummeln werden. An der Strandpromenade schuftet eine Armada von Bauarbeitern, damit der Gehweg vor einem der offiziellen FIFA-Hotels doch noch rechtzeitig fertig wird. Manpower auf den letzten Drücker gegen jahrelangen Schlendrian. Gelangweilt verfolgt ein Polizist das friedliche Treiben. Seinen Namen will er nicht nennen, aber erzählen will er. „Es kann sein, dass es auch während der WM zu Streiks kommt. Unsere Forderungen nach besserer Bezahlung und weniger Überstunden sind noch nicht erfüllt“, sagt der Beamte. Den Anführer des Aufstandes habe die Regierung in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt. „Wenn er dort stirbt, ist hier die Hölle los“, sagt der Polizist. Ob die Polizisten noch mal die Arbeit niederlegen werden, ist unklar. Klar ist, dass sie sich mit Demonstranten auseinandersetzen werden. Für den anonymen Polizisten wird es mehr als nur eine Straßenschlacht. Es wird ein Gewissenskonflikt: „Ich habe Verständnis für diejenigen, die gegen soziale Ungerechtigkeit demonstrieren. Wir warten seit Jahren auf eine U-Bahn. Dafür gab es nie Geld. Und für die WM-Stadien ist plötzlich Geld da. Kein Wunder, dass die Leute sauer sind.“

Eine Rechtfertigung für Gewalt dürfe die Unzufriedenheit jedoch nicht sein. „Wenn wir bei einer Demonstration mit Steinen und Molotow-Cocktails angegriffen werden, wird es kompliziert. Wir können dann nicht mehr zwischen friedlichen Demonstranten und Randalierern unterscheiden, aber wir müssen uns wehren“, sagt der Staatsdiener. Möglicherweise werden Maria und der Polizist sich dann gegenüberstehen. „Wenn sie schießen, wird man richtig wütend. Dann will man was kaputt machen, jemandem eine reinhauen. Was sind unsere Steine gegen ihre Gewehre?“, fragt Maria, um die Gewalt zu rechtfertigen. Sie weiß nicht, dass einige der Männer, die mit Tränengas schießen, Verständnis für ihre Wut haben. Denn Wut tragen auch sie. Doch nicht nur Wut, sondern auch Waffen.

Philipp Hedemann

WM 2014: Der Spielplan als PDF-Download

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