Wie viel müssen Profis wirklich einstecken?

Ex-FCB- und 1860-Physio: "Modernes Gladiatorentum"

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Mull und der blutende Schweinsteiger in Rio: „Gesund ist das nicht"

München - In der neuen tz-Serie "Der Fußball im Wandel" sprechen in loser Folge sechs Experten aus verschiedenen Bereichen über das Fußballjahr 2014 – und die Zukunft. Diesmal im Fokus: die körperliche Belastung der Spieler!

Schon wieder ein Jahr rum! 2014 neigt sich dem Ende entgegen, was den Fußball angeht, hätten die vergangenen zwölf Monate besser kaum laufen können. 2014 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das DFB-Team in Rio den vierten Stern nach Deutschland holte und Millionen Menschen in Ekstase versetzte. Derzeit steht der deutsche Fußball an der Spitze – eine Momentaufnahme. Torlinientechnik, UEFA Nations League und immer mehr Geld – der Fußball befindet sich in einem steten Erneuerungsprozess. In der neuen tz-Serie sprechen in loser Folge sechs Experten aus verschiedenen Bereichen über das Fußballjahr 2014 – und die Zukunft. Heute im Fokus: die körperliche Belastung der Spieler!

"Das ist modernes Gladiatorentum"

Oliver Schmidtlein.

Es ist ein Bild für die Ewigkeit! Es läuft die Nachspielzeit des WM-Finales in Rio, Bastian Schweinsteiger läuft nach einem Kopfballduell mit Sergio Agüero Blut über die Wange. Doch anstatt zu lamentieren, kämpft der Bayernstar weiter, führt die DFB-Elf zum vierten Stern und wird so zum Symbol für Kampfgeist und unbändigen Willen. Eine Ausnahme ist der 30-Jährige dabei aber nicht. In vielen Spielen gehen Profifußballer bis an ihre Grenzen – und oft auch darüber hinaus. Um die 60 Spiele pro Saison, Verletzungen über Verletzungen und dazu noch der permanente Druck, immer und überall der Beste sein zu müssen. Doch wie wirkt sich all das auf Körper und Geist aus? Setzen Fußballer heutzutage auch ihre Gesundheit aufs Spiel? Und wie betreibt man als Kicker die beste Prävention? Fragen über Fragen – die Antworten darauf liefert Oliver Schmidtlein. Der 49-jährige Physiotherapeut und Rehatrainer war sowohl für den TSV 1860 München als auch für die Bayern und den DFB tätig und machte sich danach mit OS Physio Training und Therapie in München selbstständig. Für die tz nahm sich der Fitnessexperte Zeit, um über die Belastung und Belastbarkeit von Fußballprofis zu sprechen. Das Interview:

Herr Schmidtlein, muss ein Profi heutzutage zu viele Spiele absolvieren?

Schmidtlein: Nein. Es sind nicht mehr Spiele als vor fünf Jahren. Trotzdem gibt es mehr Verletzte, weshalb man sich Gedanken über die Belastbarkeit der Spieler machen sollte.

So?

Schmidtlein: Belastbarkeit entsteht durch ein gutes Verhältnis zwischen Training und Regeneration. Das Training gibt der Verein vor, die Regeneration mittlerweile auch größtenteils. Früher haben sich die Spieler zwischen zwei Einheiten eine Pizza in Schwabing gegönnt, heute stehen schon am Trainingsgelände Top-Lebensmittel zur Verfügung. Darum muss sich der Spieler also nicht selbst kümmern, um die Schlafzeit zum Beispiel schon. Die bestimmt er allein.

Ernährungsberater stehen derzeit hoch im Kurs. Sind sie wirklich so wichtig?

Schmidtlein: Sie sind enorm wichtig. Alles, was Sportler über die Lippen aufnehmen, beeinflussen Erholung sowie Leistungsfähigkeit im zweistelligen Prozentbereich. Ein Ernährungsmangel im Profisport wäre so, als ob ein Rennfahrer ohne genug Benzin auf die Strecke gehen würde.

Der Körper eines Profis ist enormen Belastungen ausgesetzt, doch welche Rolle spielt der Druck?

Schmidtlein: Die einen beflügelt, die anderen belastet es. An beiden Tabellenenden treten ja auch öfter Verletzungen auf, wobei sie unten, wo negativer Stress vorherrscht, häufiger sind als oben.

Stichwort Prävention: Wo muss man ansetzen?

Schmidtlein: Am besten in der Jugend. Es wäre toll, wenn jeder 16-Jährige wüsste, dass es etwas gibt, was nur er allein zu machen hat. So könnte er später suboptimalen Trainingsbedingungen entgegenwirken, in der Bundesliga wird ja teilweise leider noch trainiert wie im letzten Jahrhundert. Bixente Lizarazu war so einer. Er hatte seine eigenen Regeln und Rituale, die er unabhängig von Trainern durchgezogen hat – weshalb er relativ verletzungsresistent war.

Bastian Schweinsteiger eher weniger. Er hat sich mit Knieproblemen durch die WM gequält – sinnvoll?

Schmidtlein: Diese Frage stellt sich ihm nicht. In so einer Situation ist klar, dass er für sein Team Risiken in Kauf nimmt, die längerfristige Folgen haben könnten. Sinnhaftigkeit spielt hier keine Rolle, sondern die Opferbereitschaft für Sport und Erfolg. Und ich bin mir sicher: Würde man Schweinsteiger heute noch mal vor die Wahl stellen, würde er genauso handeln. Das ist modernes Gladiatorentum. Und das wissen alle.

Schmerzen gehören also zum Leistungssport dazu?

Schmidtlein: Absolut, gar keine Frage. Wenn ein Torhüter im Training 50-mal aufs Becken fliegt, tut es auch weh. Sich die Frage zu stellen, ob es gesund ist, ist falsch. Es ist Teil des Berufsrisikos.

Ist Leistungssport denn prinzipiell ungesund?

Schmidtlein: Gesund ist das nicht! Darum geht es aber auch nicht. Die Rolle des Leistungssports in der Gesellschaft ist zu motivieren, Freude zu bereiten und für die Sache zu begeistern. Der Sport an sich, der da betrieben wird, ist nicht gesund – Gewichtheben genauso wie Fußball. Da wird dem Körper etwas zugemutet, was sich später auch bemerkbar machen wird.

Werden Verletzungen aus Angst vor dem Verlust des Stammplatzes manchmal verheimlicht?

Schmidtlein: Das kommt schon vor, aber hier ist es Aufgabe des ganzen Personals, den Sportler vor sich selbst zu schützen. Der Leistungsgedanke steht über allem, das heißt auch, dass die Ärzte nur die Gesündesten auf den Platz lassen dürfen. Hier spielt die Kommunikation und das Vertrauen zwischen Trainer, Spieler und Arzt eine große Rolle.

Stichwort: Thiago. Was sagt der Fall über die Kommunikation zwischen Guardiola und Mull aus?

Schmidtlein: Dass sie zu wünschen übrig lässt. Ich kenne den Fall nicht, in manchen Situationen hat der Trainer aber auf den Arzt verwiesen, wo er selber hätte Bescheid wissen müssen. Boateng ist ja vor einigen Monaten auch öfter ausgewechselt worden, worauf sich der Trainer beschwert hat, dass man ihm einen nicht belastbaren Spieler hinstellt – auch eine große Kommunikationslücke.

Mussten Sie während Ihrer Zeit im Profifußball auch mal schmunzeln?

Schmidtlein: Sogar sehr oft. Es gibt ja niemanden, der für Aberglauben so anfällig ist wie Sportler. So sehr, dass einige Spieler bei der WM 2006 selbst ernannte Energetiker zu Rate zogen. Als ich dann in der Verlängerung des Viertelfinales gegen Argentinien für einen Spieler das „Energiewasser“ holte – was eigentlich eine Volvic-Flasche war –, dachte ich mir nur: Der Zweck heiligt die Mittel.

Interview: J. Carlos Menzel Lopez

UEFA-Studie: So leiden die Top-Stars

29 Top-Klubs – darunter der FC Bayern – haben sich 2013/14 an einer UEFA-Studie zu Verletzungen beteiligt. Resultat: Im Schnitt trainierten die Teams 213-mal im Jahr und absolvierten 59 Spiele. 17,4 % der Verletzten waren nach spätestens drei Tagen wieder fit, 17,8 % fielen länger als 28 Tage aus. Der gefährlichste Monat ist der März (11,4 %), der sicherste Ort die Nationalmannschaft – da geschehen nur 4,2 % der Verletzungen.

Ort der Verletzungen

Anzahl Prozent
Kopf/Gesicht 26 2,0
Nacken/Halswirbelsäule 5 0,4
Schulter/Schlüsselbein 37 2,9
Unterarm 2 0,2
Ellbogen 3 0,2
Handgelenk 1 0,1
Hand/Finger/Daumen 10 0,8
Brustbein/Rippen/Oberer Rücken 13 1,0
Rumpf 20 1,6
Unterer Rücken/Becken/Kreuzbein 58 4,5
Hüfte/Leiste 186 14,5
Oberschenkel 349 27,1
Knie 238 18,5
Unterer Fuß/Achillessehne 109 8,5
Knöchel 162 12,6
Fuß/Zehe 68 5,3
Gesamt 1287/561 im Training, 726 im Spiel

Art der Verletzungen

Bruch 47 3,6
Andere Knochenverletzungen 10 0,8
Verrenkung 18 1,4
Verstauchung 223 17,3
Meniskus/Knorpel 39 3,0
Muskel/Riss 485 37,7
Sehne/Riss/Degenerierung 88 6,8
Hämatome/Quetschungen 170 13,2
Abschürfungen 4 0,3
Fleischwunden 10 0,8
Gehirnerschütterungen 15 1,2
Nervenerkrankung 5 0,4
Gelenkentzündung 44 3,4
Allgemeine Überlastung 85 6,6
Andere 45 3,5

 

Ursache der Verletzungen

Laufen/Sprinten 210 17,8
Drehung 85 7,2
Schießen 87 7,4
Passen 50 4,2
Dribbling 4 0,3
Springen/Landen 74 6,3
Fallen 32 2,7
Dehnen 43 3,7
Rutschen 15 1,3
Überlastung 187 15,9
Vom Ball getroffen 15 1,3
Zusammenprall 94 8,0
Kopfball 8 0,7
Zweikampf (passiv) 97 8,2
Zweikampf (aktiv) 24 2,0
Getreten 101 8,6
Geblockt 20 1,7
Gebrauch des Ellbogens 9 0,8
Andere Ursachen 23 2,0

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