Deutschlands erfolgreichster Klubtrainer

Udo Lattek wird heute 80 Jahre alt

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Udo Latteks 14 Titel machen ihn zu Deutschlands erfolgreichstem Klubtrainer.

Köln - Die Fußballwelt hat viele große Männer hervorgebracht. Aber nur einen Udo Lattek. Stur, verbissen, erfolgshungrig. Raubein, Vorbild für Generationen, messerscharfer Kritiker, Kultfigur, Titelsammler. Der große Lattek! Heute wird der erfolgreichste deutsche Klubtrainer (14 Titel) 80 Jahre alt.

Es hätte eine rauschende Feier werden können für einen „beeindruckenden Menschen und Trainer“ (Joachim Löw). Aber Lattek wird sein Jubiläum nur im engsten Familienkreis begehen.

Lattek hat die heimtückische Parkinson-Krankheit. Der große Meister des Fußballs ist im Pflegeheim Dom-Residenz in Köln. Seine Ehefrau Hildegard hat sich ein Zimmer neben ihrem Udo angemietet. Sie kümmert sich täglich liebevoll um den Mann, der „Fußballgeschichte“ (Wolfgang Niersbach) geschrieben hat. Es wird ein trauriger Tag. Aber vielleicht wird es auch ein Tag, der ihm Kraft geben wird. Vielleicht macht die Krankheit eine Pause. Vielleicht hört Lattek, welchen Respekt ihm die Fußballwelt zollt. „Udo ist für mich ein wunderbarer Mensch und Freund“, beschreibt ihn DFL-Boss Reinhard Rauball.

Was macht Lattek so einzigartig? Es ist das Leben zwischen Erfolg und Tragik. Im Krieg flüchtet er vor den Russen aus Ostpreußen. Als Tiefflieger auf ihn zusteuern, wirft sich seine Mutter über den damals Zehnjährigen. Lattek wächst auf einem Bauernhof auf. Das macht ihn hart. Er studiert. Will Lehrer werden. Er landet beim DFB. Als Co-Trainer von Nationaltrainer Helmut Schön.

Dann kommt das Angebot der Bayern. Es ist der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Aber das Schicksal macht auch vor einem Mann wie Lattek nicht halt. Sein Sohn Dirk bekommt Leukämie. Er ist erst 15 Jahre jung, als er sterben muss. Es ist der Moment, an dem aus dem Kämpfer Lattek ein noch härterer Lattek wird. Ein Mann, der vor nichts mehr Angst hat.

„Warum muss ein 15-Jähriger sterben, habe ich Gott gefragt“, sagte er vor drei Jahren in einem Interview mit dem Kölner Express und beschrieb die qualvollen Momente am Bett seines Sohnes so: „Ich habe ihm die Morphium- Spritzen gegen die Schmerzen gegeben. Dann ist er einfach verhungert. Von da an war mir das Leben scheißegal. Ich fürchte mich nur davor, dass einer aus meiner Familie krank wird.“ Nun wird Lattek 80. Wir gratulieren einem großen Trainer und Menschen. Und wünschen seiner Familie in diesen Stunden große Kraft.

Thomas Gassmann

„Udo ist die Nummer eins!“

Herr Wontorra, was wünschen Sie Ihrem Freund Udo Lattek zu seinem Ehrentag?

Wontorra: Vor allen Dingen Gesundheit. Das ist das einzige, was ihm fehlt. Ansonsten hat er sicherlich alles. Udo hat in seinem Trainerleben eine Menge Erfolge eingefahren und dabei auch genug Geld verdient, um sich alles gönnen zu können. Gesundheit aber hat er bitter nötig.

Das klingt, als machen Sie sich ernsthaft Sorgen. Wann haben Sie Lattek das letzte Mal gesprochen?

Wontorra: Wir haben von der Redaktion aus regelmäßig Kontakt zu Udo, vor allem auch zu seiner Frau. Von ihr haben wir erfahren, dass es immer wieder Phasen gibt, in denen man sich Sorgen machen muss. Wir wünschen ihm daher, dass da Besserung eintritt und er einen gesegneten Lebensabend hat.

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Wontorra: Ziemlich lange her, es müsste in den 80ern gewesen sein. Damals war ich Sportchef von Radio Bremen und Werder wurde gerade Meister. Dann habe ich Udo Lattek zu der Meisterfeier und unserer Liveübertragung ins Bremer Rathaus eingeladen. Er hat das Ganze aus seiner Sicht kommentiert – was eine gewisse Brisanz hatte. Denn Udo Lattek war nicht unbedingt befreundet mit Werders Meistermacher Otto Rehhagel.

Das ist sehr wohlwollend ausgedrückt.

Wontorra: Allerdings. Hinzu kam, dass Udo Lattek beim 1. FC Köln Trainer war und aus Aberglaube an der Seitenlinie seinen blauen Pullover trug, solange man nicht verlor. An diesem Wochenende war es dann so weit, ausgerechnet in Bremen. Udo versteigerte seinen Pullover auch sogleich. Für Otto Rehhagel war es eine Genugtuung, dass ausgerechnet er die Serie beendet hatte. Und für Udo eine spannende Sache, die Meisterfeier als Experte zu kommentieren…

Wann hatten Sie denn das erste Mal von Udo Lattek gehört?

Wontorra: Ich glaube, zum ersten Mal richtig aufgefallen ist er mir bei der WM 1978. Da war ich als kleiner Reporter in Argentinien unterwegs, Udo Lattek und Hennes Weisweiler für das ZDF bzw. für die ARD. Da sind die beiden mir sehr stark aufgefallen. Durch ihre Persönlichkeit, und weil beide regelmäßig die Letzten waren an der Bar (lacht).

Was, würden Sie sagen, hat ihn als Trainer ausgemacht?

Wontorra: Er hatte immer eine natürliche Autorität. Wenn er einen Raum betrat, war er voll, er hat ihn ausgefüllt. Alles war auf ihn fokussiert, alle hörten auf ihn. Er wurde von allen Mannschaften am meisten wegen seiner enormen Ausstrahlung akzeptiert. Er hatte ein Charisma wie kaum ein anderer Trainer.

Wie lange haben Sie ihn im „Doppelpass“ an Ihrer Seite gehabt?

Wontorra: Sieben Jahre – eine tolle, fruchtbare Zusammenarbeit. Wohl auch, weil wir beide ostpreußische Sturköpfe sind. Er ist dort geboren, ich habe die Mentalität von meinen Eltern mitbekommen. Auf dieser Basis haben wir uns immer gut verstanden, wir wussten uns zu nehmen. Und konnten wohl auch deshalb immer sehr gut das „Good-guy-bad-guy-Spielchen“ spielen.

Das heißt?

Wontorra: Wir mussten uns nicht absprechen, uns anzuschauen genügte. Er hat gern die Rolle des bösen Buben angenommen und schön provoziert, ich die des Schlichters. So haben wir es geschafft, viele Gäste aus der Reserve zu locken.

An welche Gesprächsrunden denken Sie da besonders gern?

Wontorra: Es gab da eine wunderschöne Geschichte mit Gerhard Mayer-Vorfelder, als er DFB-Präsident war und dem damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Flüge nach Amerika absegnen musste. Mayer-Vorfelder wollte dadamals nie bestätigen, dass er Klinsmann First-class-Flüge genehmigt hatte. Da hat Udo ihn fantastisch aus der Reserve gelockt, seine Worte waren etwa: „Gerhard, jetzt eier nicht rum, sag die Wahrheit! Der ist doch erster Klasse geflogen!“ Und als Mayer-Vorfelder das so langsam einräumte, sagte Udo nur: „Ja siehste, wenn du das schon zugibst, dann kannste auch sagen, dass der DFB das bezahlt!“ So hat er selbst ehemaligen Weggefährten gegenüber nie ein Blatt vor den Mund genommen. Er war nicht nur ehemaliger Trainer, er war voll und ganz Journalist.

Lattek ist in jeder Hinsicht ehrlich und direkt.

Wontorra: Ja, er hat immer gesagt: „Mir ist völlig egal, wer unter mir Chef ist!“ Das war in seinen Vereinen genauso wie mit den Chefredakteuren bei Sport1. Ihm war auch egal, wenn er mal jemanden vor den Kopf gestoßen hat. Wenn es der Wahrheitsfindung diente, hat er es eben gemacht.

Was ist die größte Leistung von Udo Lattek? Blickt man ganz aktuell auf die Tabelle, fühlt man sich daran erinnert, wie er Dortmund einst aus dem Tabellenkeller holte.

Wontorra: Das stimmt, aber die großen Leistungen waren in den 70er-Jahren, als er drei Mal den Europapokal geholt hat. Das war die größte sportliche Leistung. Die Leistung bei Borussia Dortmund war keine sportliche. Das war eher eine psychologisch-taktische. Udo hat mit seiner ganzen Präsenz die Last von der Mannschaft und Trainer Matthias Sammer genommen.

Wo ordnen Sie Ihren Freund Udo bei all den Größen des deutschen Fußballs ein?

Wontorra: Als Trainer würde ich ihn über alle stellen. Er ist nicht zu vergleichen mit beispielsweise Franz Beckenbauer oder auch Lothar Matthäus, das würde er auch nicht wollen. Dazu, das hat er selbst immer gesagt, war er ein zu schlechter Fußballer. Aber als Trainer ist er seit Gründung der Bundesliga bis heute für mich die Nummer eins.

INTERVIEW: MICHAEL KNIPPENKÖTTER

Titel ohne Ende...

Udo Lattek erblickt am 16. Januar 1935 in Losemb (Ostpreußen) das Licht der Welt. In jungen Jahren ist er für SSV Marienheide, Bayer Leverkusen, VfR Wipperfürth und VfL Osnabrück aktiv. 1965 beginnt er seine Trainerkarriere als Co-Trainer von Helmut Schön bei der Nationalmannschaft, mit der er 1966 Vize-Weltmeister wird. Seine allergrößten Erfolge kann er jedoch erst mit dem FC Bayern (sechs Meisterschaften, drei Pokalsiege und ein Europapokal der Landesmeister) und Borussia Mönchengladbach (zwei Meisterschaften, ein UEFA-Pokal) feiern. Mit dem FC Barcelona holte er 1982 den Europapokal der Pokalsieger, ehe er 2000 eine Karriere im TV startete und zum Kult-Experten des Doppelpass wurde.

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