Ungewöhnliches Debüt: Miller will Vorbild sein

Hannover - Ein 3:1-Sieg als Nebensache: Markus Millers Einstand nach einer psychischen Erkrankung beeindruckte beim bedeutungslosen Europa-League-Erfolg von Hannover 96 gegen Poltawa.

Glücklicher kann ein Fußballer kaum sein. Strahlend lief Markus Miller durchs Stadion, seinen kleinen Sohn Collin auf dem linken Arm, einen Sack mit Weihnachtsgeschenken in der rechten Hand. Der 29 Jahre alte Tormann von Hannover 96 feierte fröhlich den 3:1-Sieg gegen Worskla Poltawa, vor allem aber - und das war das Besondere dieses an sich bedeutungslosen Spiels - sein Debüt der besonderen Art. Es war ein Einstand, der Hoffnung macht. Ein erstes Spiel, das Vorbild-Charakter haben könnte.

Unvergessene Torwart-Legenden

Unvergessene Torwart Legenden
Er spielte nur für zwei Vereine, erreichte aber Großes: Vítor Baía. Mit dem FC Porto und dem FC Barcelona holte er 11 Meistertitel, 7 Pokalsiege, je einmal die Champions League, UEFA-Pokal, UEFA Supercup und den Weltpokal. Nebenbei spielte er noch 80x für Portugal. 1993 wurde er zum weltbesten Torhüter gewählt. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Kult in Frankreich, aber immer wieder für Aussetzer gut: Fabien Barthez zählte zu den besten Torhütern der Welt. Teamkollege Laurent Blanc küsste vor jedem gemeinsamen Spiel seine Glatze. Er spielte für den FC Toulouse, Olympique Marseille, den AS Monaco, Manchester United, Olympique Marseille und dem FC Nantes. Barthez absolvierte 87 Länderspiele für Frankreich. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Gianluigi Buffon, der Olli Kahn Italiens. Aus einer Sportlerfamilie stammend begann er seine Karriere beim AC Parma, wechselte dann für die Rekordablöse von 54,1 Millionen Euro zu Juventus Turin. Der 1978 geborene viermalige Welttorhüter des Jahres bestritt über 135 Länderspiele und steht wohl auch bei der WM 2014 im Tor des Weltmeisters von 2006 stehen. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Spaniens Kapitän Iker Casillas ist der Garant für Erfolg. Casillas wuchs in der Madrider Vorstadt Móstoles auf. Als Achtjähriger begann er in der Jugend von Real Madrid und debütierte am 12. September 1999 in der Primera División. Seither ist er der Garant für Erfolge, gekrönt durch die beiden EM-Titel 2008 und 2012 und den WM-Titel 2010. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Ein besonderer Fall ist der Mexikaner Jorge Campos in vielerlei Hinsicht. Nicht nur durch seine farbenfrohen Trikots, die er teilweise selbst entwarf, sondern auch wegen seiner für Torhüter extrem geringen Größe von 1,75 m war Campos bekannt. Bemerkenswert auch: Zeitweise spielte der 129-malige Nationalspieler im Sturm und erzielte 38 Tore. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Großer Torwart, große Verletzung, großes Comeback: Das ist Petr Cech. In einem Ligaspiel im Oktober 2006 zog er sich bei einem Zusammenstoß mit seinem Gegenspieler Stephen Hunt einen Schädelbasisbruch zu. Es wird Jahre dauern, bis der Schädelknochen vollständig verheilt ist. Čech spielt daher mit einem 80 Gramm schweren Helm aus Kunststoff, ähnlich einem Rugby-Helm, den er auch nach seiner Genesung anbehalten möchte. Der Helm wurde speziell für ihn in Neuseeland gefertigt. Cech ist Stammtorhüter des FC Chelsea und wurde 2005 zum Welttorhüter des Jahres gewählt. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Guter Torwart, guter Freistoß-Schütze: Der Paraguayer José Luis Chilavert, der dreimalige Welttorhüter des Jahres (1995, 1997, 1998), erzielte in seiner Karriere über 60 Tore per Freistoß und Elfmeter. In 74 Länderspielen traf er achtmal. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Oliver Kahn: Der wohl beste Torhüter aller Zeiten, vor dem wirklich jeder Stürmer Respekt hatte. Seine Erfolge sprechen für sich: Mehrfacher Deutscher Meister und Pokalsieger, Champions League und Weltpokalsieger, Vize-Weltmeister, dreimaliger Welttorhüter und fünfmaliger Torwart des Jahres in Europa. Der Titan spielte für den Karlsruher SC und den FC Bayern. Ein Angebot Manchester Uniteds schlug er jedoch aus. Menschliche Größe zeigte er bei der WM 2006, als er trotz Degradierung seinem Kontrahenten Jens Lehmann unterstützte. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Angelo Peruzzi hatte viel Pech in seiner Karriere, doch war stets auf ihn Verlass. Bei der EURO 96 noch Stammtorwart der Italiener, verpasste er die WM 98 verletzungsbedingt und verlor seinen Stammplatz an Gianluigi Buffon. Von 1999 bis 2004 spielte nicht mehr für die Squadra Azzurra, da er nicht als Nummer drei hinter Buffon und Toldo im Team sein wollte. Bei der WM 2006 war er als zweiter Mann wieder dabei - und wurde Weltmeister. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
61 Spiele für Belgien, sechs Jahre Bayern-Torwart und 1987 Weltbester Torhüter - das ist Jean-Marie Pfaff. Nach seiner Teilnahme an der Fußball-WM 1982 wechselte er vom belgischen Club SK Beveren zum FC Bayern. Gleich in seinem ersten Bundesligaspiel sorgte er mit einem kuriosen Tor für eine Anekdote. Gegen Werder Bremen ließ er einen Einwurf des Bremer Stürmers Uwe Reinders durch die Hände ins Tor gleiten. Dennoch spielte er sechs erfolgreiche Jahre in München und wurde dreimal Deutscher Meister und zweimal DFB-Pokalsieger (1984 und 1986). © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Kult nicht nur in Giesing: Petar Radenkovic war der wohl verrückteste und beste Keeper des TSV 1860. Mit ihm feierten die Löwen ihre bisher größten Erfolge: 1964 DFB-Pokalsieger, 1965 Endspielteilnahme am Europapokal der Pokalsieger und 1966 Deutscher Meister. Nach dem Abstieg des TSV 1860 München aus der Bundesliga beendete Radenković 1970 nach 215 Bundesligaspielen seine Fußballkarriere. Radenković war seiner Zeit weit voraus: Er nahm bereits Mitte der 1960er Jahre Schallplatten auf („Bin i Radi, bin i König“) und begeisterte das Publikum mit den damals noch völlig unüblichen weiten Ausflügen aus dem Strafraum. © dpa
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In seinen 392 Spielen für Manchester United blieb der Däne Peter Schmeichel 177 mal ohne Gegentor - überragend! 1999 holte er mit ManU in Barcelona gegen die Bayern die Champions League und absolvierte zwischen 1987 und 2001 129 Länderspiele. Dabei erzielte er soga ein Tor - per Elfmeter. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Er heißt Harald Anton Schumacher - doch jeder kennt ihn nur als Toni. Mit dem DFB-Team wurde er 1980 Europameister. Bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 wurde er Vize-Weltmeister. 1986 wurde er zum besten Torhüter des Turniers gewählt. In negativer Erinnerung bleibt sein Zusammenprall 1982 im WM-Halbfinalspiel Deutschland-Frankreich mit dem angreifenden Patrick Battiston, der schwer verletzt vom Platz getragen werden musste. Battiston verlor zwei Zähne und erlitt einen Wirbelbruch. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
David Seaman gilt als einer der besten Torhüter Englands aller Zeiten - was allerdings nicht viel bedeutet. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte Seaman durch unglückliche Gegentore und ungeschicktes Abwehrverhalten. Unvergessen bleibt Ronaldinhos Tor im Viertelfinale der WM 2002 gegen Brasilien (2:1), als er den viel zu weit vor seinem Tor stehenden David Seaman mit einem direkten Freistoß aus großer Distanz zum 2:1-Endstand überlistete © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Die „Katze von Anzing“, so der Spitzname Sepp Maiers, spielte ausschließlich für den FC Bayern, wurde mehrmals Deutscher Meister und war mitverantwortlich für den WM-Titel 1974 in München. Dreimal wurde Sepp Maier zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt (1975, 1977, 1978). 1978 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Er wurde als „Deutschlands Torhüter des Jahrhunderts“ ausgezeichnet. Nach einem von ihm verschuldeten Autounfall am 14. Juli 1979, bei dem er schwer verletzt wurde, beendete er seine Karriere auf Rat seiner Ärzte. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Claudio Taffarel war einer der wenigen brasilianischen Torhüter mit Weltformat. 1987 bis 1998 bestritt Taffarel 101 Länderspiele für die Selecao und wurde 1994 Weltmeister. Nach dem verlorenen WM-Finale 98 beendete er seine Karriere in der Nationalmannschaft, gewann aber mit Galatasaray 2000 den UEFA-Cup. Er beendete seine Karriere beim AC Parma 2003. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
„Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!“, so hörten es die Fans in der unvergesslichen Hörfunkreportage Herbert Zimmermanns vom WM-Finale von 1954. Er bestritt nur 20 Länderspiele, hatte aber großen Anteil am „Wunder von Bern“. Nach seiner Torwartkarriere arbeitete Turek als Angestellter bei der Düsseldorfer Rheinbahn AG. 1973 erkrankte er an einer rätselhaften Lähmung der Beine, gegen die er mit eisernem Willen ankämpfte. Er starb 1984 im Alter von 65 Jahren nach einer Herzkrankheit und einem Schlaganfall. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Einen Rekord, wohl für die Ewigkeit, stellte Edwin van der Sar im Sommer 2008 auf. Nach 13 Jahren (1995 mit Ajax Amsterdam) gewann er mit Manchester United zum zweiten mal die Champions League. Von Ajax ging es erst zu Juventus Turin, dann nach England zum FC Fulham, bis 2011 stand er bei ManU unter Vertrag und beendete anschließend seine Karriere. Van der Sar ist mit 130 Einsätzen Rekordnationalspieler der niederländischen Nationalmannschaft. © dpa
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Italiens Torwart-Legende Dino Zoff. Für die Squadra Azzurra bestritt er 112 Länderspiele. Im Jahr 1982 krönte er seine 22-jährige Profilaufbahn als 40-Jähriger mit dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien. Zoff ist bis heute der älteste Fußballspieler, der Weltmeister wurde. Bereits 1968 gewann Zoff die Europameisterschaft im eigenen Land. © dpa
Unvergessene Torwart Legenden
Andoni Zubizarreta Urreta  ist Rekordnationalspieler Spaniens (126 Einsätze) und zusätzlich mit seinen 622 Einsätzen Rekordspieler der spanischen Liga. Wegen seines Arbeitseifers und seiner starken Führungspersönlichkeit wurde er auch El Centurión (dt. Der Centurio) genannt. © dpa
Rogerio Ceni ist der erste Profi-Torhüter weltweit, dem in Pflichtspielen 100 Tore gelangen. Besonders gefürchtet ist der Keeper des FC Sao Paolo für seine Freistöße. © dpa

Am Sonntag beim 1.FC Kaiserslautern wird Miller wieder auf der Bank sitzen. Doch das spielte an diesem nasskalten Abend auch für ihn selber keine Rolle. “Einfach genial“, sagte der Tormann, überwältigt von den Gefühlen: “Ich habe genossen.“ 14 Wochen nach dem bemerkenswert offenen Bekenntnis seiner psychischen Erkrankung und drei Wochen nach der Rückkehr von der Therapie in einer Privatklinik freute sich Miller über sein erstes Pflichtspiel für Hannover 96. Und mit ihm freute sich ein ganzes Stadion.

“Markus hat heute gezeigt, dass man die Problematik bewältigen kann und dass man zurück kommen kann“, sagte 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke zu dem ungewöhnlichen Debüt. “Das sollte für jeden, der Ängste in sich hat, auch ein Zeichen sein.“ Der Verein, der durch den Selbstmord von Robert Enke vor zwei Jahren schwer getroffen war, hat Miller bei dem mutigen Vorgehen unterstützt und ihm bei seinem Weg in vielfacher Hinsicht geholfen.

Der Einsatz im letzten Europa-League-Gruppenspiel gegen Poltawa, das durch die vorherige Qualifikation für die nächste Runde sportlich keine Bedeutung mehr besaß, war auch eine Geste. Es war ein Symbol, dass der Verein Miller für genesen hält und ihm vertraut. “Es war mehr als eine Geste. Markus war sehr sicher und wirkte souverän“, lobte Trainer Mirko Slomka den Keeper.

Für Miller war die Partie ein Schritt zurück in die Normalität, in einen Fußball-Alltag, der gerade für einen Ersatz-Torwart frustrierend sein kann und nur selten solche Höhepunkte bietet. Der Torwart, der im Sommer 2010 aus Karlsruhe gekommen war, ist in Hannover die Nummer zwei hinter Ron-Robert Zieler und hatte bisher noch kein Pflichtspiel für 96 absolviert.

“Es war ein sehr bewegendes Jahr“, sagte Miller. “Und das hier war ein richtig schöner Abschluss.“ Durch seinen Umgang mit der Krankheit, einer mentalen Erschöpfung und einem beginnenden Burn-out, könnte Miller nun tatsächlich für manchen “eine Vorbildfunktion übernehmen“, wie er selber sagte. “Wenn ich das kann, dann mache ich das gerne.“

Möglicherweise ist das aber ein bisschen viel verlangt. Und zunächst einmal waren es ja ganz persönliche Momente, die er genießen durfte: Ein erstes Spiel mit seinen Kollegen nach langer Wartezeit und eine ausführliche Ehrenrunde, bei der er mit den anderen 96-Profis Präsente an die Fans verteilte.

Dass Miller den Elfmeter von Roman Bezus (45.+1 Minute) nicht halten konnte, das war an diesem Abend schnell Nebensache. Genauso schnell vergessen wie die 96-Treffer von Konstantin Rausch (25.), Didier Ya Konan (33.) und Artur Sobiech (78.). In Erinnerung bleiben die berührenden Szenen nach dem Abpfiff.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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