Zoff um Tickets

Viagogo: Fans laufen Sturm gegen Karten-Händler

+
Schalke-Fans protestieren gegen Viagogo

München - Der Tickethändler Viagogo spaltet Klubs und Fans. Zehn Vereine aus der Fußball-Bundesliga und der 2. Liga machen Geschäfte mit dem Unternehmen. Die Anhänger laufen Sturm.

Steffi Graf antwortet nicht. Womöglich hat sie die E-Mail der Schalker Fans noch nicht mal gelesen. Der ehemalige Tennisstar soll nach "Spiegel"-Informationen Investor bei einem Internet-Tickethändler sein, der inzwischen auch mit zehn deutschen Profifußball-Klubs Verträge hat: Viagogo, ein Unternehmen, das Bosse und Fans immer mehr entzweit.

Das Viagogo-Prinzip ist einfach, man geriert sich als barmherziger Samariter: Wer eine Karte für ein Konzert oder ein Spiel besitzt, dort aber kurzfristig nicht hinkann, kann dieses Ticket bei dem Internet-Händler weiterverkaufen. Der Verkäufer bestimmt den Preis.

Dann kommt das Kleingedruckte: Der Verkäufer zahlt bis zu zehn Prozent an den Vermittler, der Käufer 15 Prozent auf den neuen Preis. Plus jeweils 19 Prozent Mehrwertsteuer. Plus Versandkosten. Wer zu Ostern eine Karte für das Ligaspiel Dortmund gegen Bayern am 4. Mai erwerben wollte - die Bayern waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht Meister - musste für ein Gegengeraden-Ticket unter dem Dach 1061,45 Euro aufbringen.

FC Bayern München kooperiert mit Viagogo - noch

Das Modell: Namhafte Vereine wie der FC Bayern München, Real Madrid oder der FC Barcelona werden gegen Garantiesummen plus prozentualer Beteiligung unter Vertrag genommen. Die Bayern unterhalten seit sechs Jahren mit dem Portal geschäftliche Beziehungen, haben allerdings durchgedrückt, dass ihre Tickets - trotz einer Millionensumme an Festhonorar - nur 1:1 weitergegeben werden dürfen. Und der Rekordmeister will den bis 2014 laufenden Vertrag nicht verlängern (FC-Bayern-Tickets bei Viagogo: So geht's).

Facebook und die Bayern: Wer hat die meisten Fans?

Diego Contento hat erst seit dem 3. Dezember eine eigene offizielle Facebook-Seite. Seine Posts schreibt er manchmal auf deutsch und italienisch. Seine Anzahl an "Freunden" belaufen sich deshalb noch auf geringe 778. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Auch Luiz Gustavo ist im sozialen Netzwerk zu finden. Sowohl privat als auch mit mehreren Fanpages. Die meisten Likes liegen bei 1.803 und sind damit erheblich weniger als er wirkliche Freunde hat. Das sind 4.995. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Claudio Pizarro ist nicht gerade der jüngste im Bayern-Kader. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum er erst Ende des Jahres 2012 sich eine offizielle Homepage zulegte. Er hat deshalb auch nur 2.373 "Freunde". (Stand: 4. April 2013) © dpa
Anatoli Timoschtschuk hat auch noch nicht so viele Fans in seinen Facebook-Bann gezogen. Mag sein, dass es an seinem schwierig zu buchstabierenden Namen liegt - den man auch noch in verschiedensten Variationen schreiben kann. Allein deshalb hat er mehrere Gruppen - in einer "besucherreicheren" sind es 2.499 Fans. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Der Brasilianer Rafinha informiert 31.967 Fans auf seiner offiziellen Seite - natürlich auch auf Portugiesisch. (Stand: 4. April 2013) © dpa
22.134 Fans wollen gerne alles über Daniel van Buyten wissen. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Dante hat sich bei Facebook nicht so in den Vordergrund gespielt wie in München. Der Brasilianer hat erst 51.264 Fans. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Ein wenig überraschend ist auch die Anhängerzahl von Franck Ribéry. Lediglich 171.262 Leute wollen ihm bisher folgen. (Stand: 4. April 2013) © dpa
40 Millionen hat Javi Martinez, allerdings gekostet und nicht Facebook-Freunde. Da hinkt der Spanier noch etwas hinterher. 129.484 Fans verfolgen seine Posts. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Mario Mandzukic hat auch vor seiner Zeit beim FC Bayern fleißig Likes gesammelt. Er hat nun 182.464. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Jérome Boateng darf sich über 240.816 Anhänger freuen. (Stand: 4. April 2013) © dpa
233.254 Mal "Gefällt mir" konnte Innenverteidiger Holger Badstuber schon verbuchen. Ein Achtungserfolg für das junge Talent. (Stand: 4. April 2013) © dpa
David Alaba schreibt regelmäßig selbst auf seiner Facebook-Page. Mit Erfolg: Immerhin schon 290.884 Fans verfolgen die Kommentare des Österreichers. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Der kleine Dribbelkünstler Shaqiri versucht seine Schweizer-Freunde stets auf dem Laufenden zu halten. Immerhin folgen ihm 461.547 Leute bei dem Social Network. (Stand: 4. April 2013) © AP
Fast die halbe Millionen erreicht: Toni Kroos und seine 498.138 Facebook-Fans. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Die Millionenmarke knackt hingegen Kapitän Philipp Lahm hat auf einer seiner zahlreichen Seiten 1.091.337 Getreue. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Auch Stürmer Mario Gomez kann sich über die siebenstellige Zahl freuen. Der Nationalspieler hat 1.163.264 Fans. Damit steht er nur noch ganz knapp hinter... (Stand: 4. April 2013) © dpa
Arjen Robben schafft es auf beachtliche 1.242.164 Facebook-"Freunde". (Stand: 4. April 2013) © dpa
... seinem Keeper Manuel Neuer. Ob noch Schalke-Fans unter seinen Facebook-Verfolgern sind? Satte 1.327.746 Mal wurde auf seiner Seite "Gefällt mir" gedrückt. (Stand: 4. April 2013) © dpa
Mit seinen 1.455.519 Anhänger, die gespannt die Einträge auf Bastian Schweinsteigers Pinnwand verfolgen, hat der Mittelfeld-Stratege seinen Kapitän und Arjen Robben überholt. (Stand: 4. April 2013) © dpa
...Thomas Müller! Und der bleibt vorerst auf Platz 1: 1.527.716 Fans folgen seinen Mitteilungen auf der Seite. Erstaunlich: Fast täglich steigt die Zahl um einen Tausender nach oben. (Stand: 4. April 2013) © dpa

Der Hamburger SV trifft Viagogo derzeit vor Gericht. Europa-Manager Steve Roest sagt dazu: „Zu Vertragsinhalten sagen wir nichts. Der HSV hat sich nicht an Vereinbarungen gehalten. Falls wir vor Gericht gewinnen, geben wir jeden Euro an den HSV weiter, sollte dieser das Geld zur Senkung der Dauerkartenpreise verwenden.“

Abgelehnt haben Borussia Mönchengladbach (siebenstellig) und Hertha BSC (sechsstellig) die garantierten Lizenzzahlungen von Viagogo. Zugestimmt haben der VfB Stuttgart und Schalke 04. Bei den Königsblauen ist Viagogo Sponsor und zahlt dafür geschätzte vier Millionen Euro für drei Jahre.

Viagogo wird zum "ViaNOgo"

Offiziell „tauscht“ Viagogo nur Tickets. Auf Schalke lässt sich der Internethändler Kontingente reservieren - jeweils 300 Karten an zehn Spieltagen, die er mit einem Aufschlag von maximal 100 Prozent plus Gebühren verkaufen darf.

Dagegen machen viele Schalker mobil. „ViaNOgo“ heißt ihr Slogan. Bislang hatte Schalke eine Tauschbörse, auf der die Tickets 1:1 gewechselt wurden. Michael Eckl, gemeinsam mit Frank Zellin Sprecher von „ViaNOgo“, hat nachgerechnet. Der Preis für ein Nordkurventicket würde mit Viagogo von 15,50 Euro auf 46,48 Euro klettern.

„Es wird Dauerkartenkäufer geben, die nur auf Geldvermehrung aus sind, aber keine Fans. Tageskartenkäufer, die keine Mitglieder sind, werden so gut wie keine Chance mehr haben, Schalke zu sehen“, sagt Eckl: „Der Verein ist auf Kohle gebaut, er wurde nicht gegründet, um Kohle zu machen.“ Finanzvorstand Peter Peters war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Nun wollen die Mitglieder eine außerordentliche Mitgliederversammlung beantragen, um den Deal, der am 1. Juli in Kraft treten soll, zu stoppen. Dazu bedarf es 8200 Unterschriften volljähriger Mitglieder. 6000 sind schon eingegangen. Sprecher Eckl: „Wir rechnen mit Maulwürfen und müssen befürchten, dass uns gefälschte Mitgliedsausweis-Nummern oder Namen um die Ohren gehauen und wir der Lächerlichkeit preisgegeben werden.“

Schalke-Fans wollen Viagogo-Vertrag verbieten

Die Alternative: Auf der Jahreshauptversammlung am 29. Juni soll beantragt werden, dem Vorstand zu verbieten, den Vertrag mit Viagogo zu vollziehen. Letzte Möglichkeit: der Klageweg. Deshalb haben Eckl und Zellin Anwälte an Clemens Tönnies schreiben lassen. Der Aufsichtsratsvorsitzende wird darin aufgefordert, seiner Pflicht nachzukommen und zu überprüfen, ob der Vorstand vereinsschädigend handelt.

Zitiert wird Paragraf vier der Klub-Leitsätze: „Der FC Schalke 04 ist als Kumpel- und Malocher-Club entstanden. Daher ermöglicht unser Verein im Rahmen seiner wirtschaftlichen Verhältnisse seinen Anhängern aus allen gesellschaftlichen Schichten die Teilnahme am Vereinsleben und den Besuch der Spiele. Aus unserer Tradition als Bergarbeiterverein heraus bekennen wir uns zu unserer sozialen Verantwortung.“ Dagegen habe der Vorstand mit dem Abschluss des Viagogo-Vertrages krass verstoßen.

Tönnies stritt in einer Antwort vom 14. März alle Vorwürfe ab. Weitere Schriftwechsel folgten. Jedenfalls scheint der FC Schalke kalte Füße bekommen zu haben. Für Samstag lud er alle Bezirksleiter der Fanklubs zu einer Infoveranstaltung ein - aber nur die.

Viagogo-Boss: Garantieren Sicherheit

Roest versteht die ganze Aufregung nicht. „Früher wurden Tickets in Hinterzimmern gehandelt. Oft wurden dem Käufer gefälschte Karten angedreht“, sagt der Viagogo-Boss: „Wir garantieren 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche hundertprozentige Sicherheit. Die hat natürlich ihren Preis.“

sid

Auch interessant

Meistgelesen

DFB-Team hat Gruppenspiele für EM 2020 in München - Kimmich: „Das ist überragend“
DFB-Team hat Gruppenspiele für EM 2020 in München - Kimmich: „Das ist überragend“
Sky und DAZN: Welcher Sender zeigt heute die deutschen Champions-League-Spiele live?
Sky und DAZN: Welcher Sender zeigt heute die deutschen Champions-League-Spiele live?
Champions League: So endete Borussia Dortmund gegen Slavia Prag 
Champions League: So endete Borussia Dortmund gegen Slavia Prag 
Wegen Video-Beweis: UEFA diskutiert Abseits-Regel-Revolution
Wegen Video-Beweis: UEFA diskutiert Abseits-Regel-Revolution

Kommentare