Der Videobeweis, Fluch oder Segen?

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Die Entscheidungen des Schiedsrichters können spielentscheidend sein.

In dieser Saison kommt er zum ersten Mal zum Einsatz, der Video-Beweis. Kaum ein zweites Thema in der Bundesliga sorgt für mehr Diskussionen.

Auch jetzt, nachdem die ersten Spiele vollzogen sind und der Videobeweis mehrfach zum Einsatz kam, gehen die Meinungen noch weit auseinander. Jeder Spieler, der sich seine Fußballschuhe anzieht, um auf dem Platz sein Bestes zu geben, hat darüber eine eigene Meinung.

Der Sinn des Videobeweises ist klar, er soll die Schiedsrichter entlasten und in kritischen Situationen Fehlentscheidungen vermeiden. Allerdings sorgte zwischenzeitlich genau dieser Videobeweis selbst für einige Fehlentscheidungen, was im Nachgang der betroffenen Spiele für mächtig viel Zündstoff sorgte. Nach dem Spiel Borussia Dortmund gegen den 1. FC Köln (welches Dortmund mit einem klaren 5:0 für sich entscheiden konnte), hagelte es von den Kölnern Beschwerden über die Art der Anwendung. Es kam zu Kritik, wie und wann der Videobeweis hinzugezogen und eingesetzt wurde. Der Kölner Sportdirektor Jörg Schmadtke und der Trainer des 1. FC Köln, Peter Stöger, fordern sogar eine Neuansetzung des Spiels.

Wie funktioniert der Videobeweis?

Die Analyse der Beweisvideos findet in einem separaten Studio statt. Hier befindet sich ein Video-Assistent pro Spiel, der von bis zu zwei Supervisoren unterstützt wird. Kommt es nun zu einer fragwürdigen Entscheidung oder einer kritischen Situation, die den Schiedsrichtern auf dem Platz entgangen ist, kann der Video-Assistent eingreifen. Dazu lässt er sich die fragliche Szene nochmals aus bis zu 17 verschiedenen Perspektiven vorspielen. Hierüber erhält der Schiedsrichter auf dem Platz umgehend Kenntnis. Bringt die Analyse der Videos eine Fehlentscheidung zutage, teilt der Video-Assistent dies dem Schiedsrichter in Absprache mit dem Supervisor mit. Diese Information ist allerdings nicht bindend. Es obliegt allein dem Unparteiischen, ob er die Korrektur annimmt oder nicht.

Der Einsatz ist situationsabhängig

Die Situationen, in denen der Video-Beweis zum Einsatz kommen kann, unterliegen starken Beschränkungen. Tatsächlich gibt es nur vier Punkte, in denen eine Analyse über den Video-Assistenten erlaubt ist:

  • bei Torschüssen, bei denen die Gültigkeit fraglich ist
  • bei einer Entscheidung auf Elfmeter
  • bei roten Karten
  • bei Unklarheit, welcher Spieler den Regelverstoß begangen hat
Diese vier Punkte zählen zu den spielrelevanten Situationen. Wird ein Verstoß mit einer gelben Karte geahndet, kommt es zu keiner Prüfung. Dadurch entfällt auch die Überprüfung der gelb-roten Karte, bei der es sich ja genau genommen um eine zweite gelbe Karte handelt. Daher müssten die Assistenten hier zur Vermeidung eines fälschlichen Platzverweises alle gelben Karten prüfen. Die Folge bestünde in einer Überlastung des Video-Assistenten und einer erheblichen Verzögerung des Spiels. 10 bis 15 gelbe Karten in einem Spiel sind keine Seltenheit.

Wie viele Analysen gibt es pro Spiel?

Im Durchschnitt kommt es zur Analyse von zwei bis sechs kniffligen Situationen. Bei besonders intensiven Spielen fällt die Zahl der Analysen auch einmal höher aus, der Durchschnitt der tatsächlichen Prüfungen liegt jedoch bei 2,2 Szenen pro Spiel. Unterm Strich kommt es dabei nur in jedem vierten Spiel zu einer Korrektur durch den Video-Assistenten.

Wer kommt als Video-Assistent infrage?

Aktuell kommen die Video-Assistenten aus dem aktuellen Schiedsrichter-Kader, aus dem jedes Wochenende vier bis sechs Schiedsrichter ausgewählt werden. Dabei darf der Schiedsrichter nur an maximal zwei aufeinanderfolgenden Spieltagen, also Freitag und Samstag oder Samstag und Sonntag, zum Einsatz kommen. In den nächsten Jahren wird diese Aufgabe an Schiedsrichter übertragen, die die Altersgrenze von 47 Jahren überschreiten. Mit dem Überschreiten dieses Alters sind sie nicht mehr berechtigt, Bundesligaspiele zu pfeifen. Im kommenden Jahr sind davon die Schiedsrichter Günter Perl, Jochen Drees und Wolfgang Stark betroffen. Sie können dann als Video-Assistenten die Liga unterstützen.

Welche Argumente sprechen für, welche gegen den Videobeweis?

Wie bei allen Neuerungen, die im Fußball stattfanden, gibt es auch beim Video-Beweis zwei verschiedene Ansichten. Für die einen ist es eine längst fällige Erweiterung der Entscheidungsmöglichkeiten, für die anderen unnötiger Schnick-Schnack. Wie einst bei den Torpfosten, die ihre Form von eckig zu rund wandelten und bei den Bällen, die nicht mehr aus Leder geschaffen sind, so gibt es auch hier Menschen, die derlei Änderungen äußerst kritisch betrachten.

Für die Hersteller der Sportausrüstung allerdings ist der Videobeweis eine äußerste attraktive Werbeplattform. Die Fußballschuhe der Spieler werden bei entsprechenden Situationen in Zeitlupe wieder und wieder eingeblendet, die Marke den Fans immer wieder vorgeführt. Beispiel: Die Erstligisten Augsburg, Bremen, Wolfsburg und Frankfurt werden allesamt von Nike ausgestattet. Die Folge: Die Fans bestellen sich vermehrt Freizeitschuhe und Sneaker des Herstellers. Aus Sicht von Nike, Adidas, Puma und anderen Sportausrüstern ist der Videobeweis eigentlich nur vorteilhaft. Doch auf Ebene des Spiels spielen ganz andere Argumente eine Rolle.

Argumente gegen den Videobeweis

Eines der stärksten Argumente gegen den Video-Assistenten besteht darin, dass auch die nachträgliche Analyse nicht unfehlbar ist. Schon mehrfach stellten sich Änderungen von Entscheidungen aufgrund des Video-Beweises im Nachhinein als falsch heraus.

Es besteht die Gefahr der Spielverzögerung. Besonders in engen Spielen, in denen eine Seite auf Zeit spielt, besteht das Risiko des Hinauszögerns. Die Spieler fordern bei jeder kritischen Situation den Videobeweis, um das Spiel ein paar Minuten zu verkürzen.

Auch die fehlenden Emotionen sind ein Argument, den Videobeweis zu kritisieren. In den Minuten, die die Analyse braucht, herrscht auf dem Platz Stillstand. Dies lässt laut Kritikern die Stimmung sinken, das Spiel verliert deutlich an Spannung. Zudem sollen die Unterbrechungen den Spielrhythmus der Mannschaften durcheinanderbringen.

Argumente für den Videobeweis

Ein klares Argument für den Video-Assistenten ist die Fairness. Auf ihr begründet sich die Einführung der Szenenanalyse während des Spiels. Eklatante Fehlentscheidungen, unberechtigte rote Karten und Phantom-Tore bzw. nicht gegebene Treffer, sollen so direkt im Spiel berichtigt und vermieden werden.

Ein weiterer Vorteil des Videobeweises ist die Unterstützung für die Schiedsrichter, die in bestimmten Situationen überfordert sind. Besonders in den letzten Jahren kam es bei einzelnen Schiris aufgrund ihrer Entscheidungen im Spiel offen zu Anfeindungen und sogar zu Bedrohungen und Angriffen. Ihnen wird immer häufiger unterstellt, Spiele zu manipulieren und bewusst Fehlentscheidungen zu treffen. Mit dem Video-Assistenten, der die Entscheidungen prüft, bekommen die Schiedsrichter nun die erforderliche Unterstützung.

Die Spannung bleibt erhalten. Als klares Gegenargument zu den Fußballfans, die in den Unterbrechungen einen Stimmungsdämpfer sehen, ist für diese Zuschauer der Moment der Entscheidung besonders spannend. Erst wenn der Schiedsrichter seine Entscheidung verkündet, erfährt auch der Zuschauer, wie es weitergeht.

Fazit

Der Video-Beweis bedarf mit Sicherheit noch einiger Korrekturen und einer gewissen Eingewöhnungszeit. Grundsätzlich ist der Sinn dieses Tools jedoch positiv zu betrachten, trägt er doch erheblich zum Fair-Play im Fußball bei.

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