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Gilbert Gress vor DFB-Partie gegen Frankreich: „Spiel in Amsterdam hat gezeigt, dass Löw etwas tun muss“

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Von: Andreas Werner

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Gilbert Gress war der erste Franzose in der Bundesliga.
Gilbert Gress war der erste Franzose in der Bundesliga. © imago/Pius Koller / imago sportfotodienst

Gilbert Gress war der erste Franzose in der Bundesliga. Eine unglaubliche Karriere folgte - nun, vor dem Duell Frankreich gegen Deutschland, spricht der frühere Stürmer im Interview.

Paris – Gilbert Gress war 1966 der erste Franzose in der Bundesliga. Vier Jahre spielte er für den VfB Stuttgart, war dann über drei Dekaden Coach und ist auch mit 76 Jahren als Teleclub-Fußballexperte im Schweizer Fernsehen am Ball. Im Interview spricht der frühere Stürmer über das Duell Frankreich gegen Deutschland.

Herr Gress, wie haben Sie das deutsche 0:3 in den Niederlanden gesehen?

Gilbert Gress: Die ersten 30 Minuten waren ganz gut, und auch in der 60. Minute habe ich noch gedacht: Okay, da fehlt nur ein Gerd Müller. Oder ein Miro Klose. Aber die Wahrheit ist auch, dass die Niederlande 5:0 hätte gewinnen können. Damit haben wir zwei Probleme: Offensiv fehlt es am Abschluss, defensiv ist man anfällig. Das ist man von Deutschland nicht gewohnt. Ich war schon bei der WM enttäuscht.

Ist Deutschland nicht mehr auf der Höhe der Zeit?

Gress: Ich habe die Kaderliste von Frankreich extra vor mir liegen: 19 Jahre, 22, 23, der Älteste ist Olivier Giroud mit 32, und er spielt nicht immer. Das ist sehr zukunftsorientiert. Ich kann mich noch Johan Cruyffs Niederländer erinnern – was haben die den Fußball geprägt, über Jahre das Spiel zelebriert, ich habe es geliebt! Und dann kam ein Einbruch – plötzlich brachten die keine zwei Pässe in Serie mehr an den Mann. Unglaublich! Die Deutschen sind jetzt in der Situation, in der die Niederländer vor ein paar Jahren waren. Auch hier ist der Einbruch enorm.

Wie ist das zu erklären?

Gress: Da gibt es viele Facetten. Aber schauen Sie die WM an: Wo waren Deutschland, Spanien, Italien und die Niederlande in Russland? Normal sind das Halbfinals, aber zwei waren gar nicht da und zwei sind früh raus. Ich denke, es liegt auch daran, dass die guten Spieler jeden dritten Tag ein Match haben. Von Barcelona bis Bayern. Auf Dauer geht ihnen die Luft aus. Ich sehe das bei Toni Kroos. Mit wie viel Mühe er sich auf den Platz schleppt. Vielleicht verlangt man von den Nationalspielern heute zu viel. Lionel Messi sucht sich seit zehn Jahren die Spiele aus, in denen er läuft. Sonst könnte er nie Außergewöhnliches machen. Frankreich und die Niederlande haben junge Spieler. Denen macht das Ganze noch nicht so zu schaffen.

Muss Joachim Löw deshalb jetzt den radikalen Umbruch machen?

Gress: Haben die Deutschen einen Kylian Mbappé?

Nein.

Gress: Sehen Sie: Es muss schon auch das Talent bei einem jungen Spieler da sein. Aber Sie haben Recht: Das Spiel in Amsterdam hat gezeigt, dass Löw etwas tun muss. Jerome Boateng tat einem ja leid, er ist wieder verletzt. Die Muskeln sind müde.

Über Mats Hummels sagten Sie nach der WM, er sei fast arrogant aufgetreten.

Gress: Ja, ich hatte den Eindruck, er denkt, er ist Franz Beckenbauer. Kroos sagte schon vor der WM: „Viele bei uns denken, wir sind die Besten der Welt. Aber das sind wir nicht.“ Da dachte ich mir schon, dass wir nicht diese deutsche Mannschaft erwarten dürfen, wie wir vermutet hatten.

Sie sagen, Talent muss schon da sein. Deutschland wurde mit einem jungen Team Confed Cup-Sieger. Muss man da nicht in Kauf nehmen, nun ein junges Team reifen zu lassen und dabei ein paar Rückschläge einkalkulieren?

Gress: Das darf dann nicht zu lange sein bei einer Fußball-Nation wie Deutschland. Man ist ja nicht Luxemburg. Aber es stimmt schon, was Sie sagen. Wenn Löw gute Talente hat, muss er sie jetzt einsetzen. Wenn er sieht, dass da Talente sind, die es schaffen können, muss er jetzt das Risiko eingehen.

Hätte ein Nationaltrainer in Frankreich so ein WM-Vorrunden-Aus überlebt?

Gress: Nein. Sogar Didier Deschamps hatte Glück. Bei einem schlechteren Turnierverlauf wäre der Ruf nach Zinedine Zidane sofort laut geworden. Die ersten Stimmen gab es umgehend nach seinem Rücktritt bei Real Madrid. „Zizou“ ist ein Fuchs, er wusste genau, nochmal hat er mit Real Madrid nicht so viel Glück gegen Bayern. Dabei macht Deschamps einen super Job. Ich verstehe die Kritik an diesem Weltmeister nicht – wer spielt schon immer spektakulär und gewinnt Titel? Bei Barcelona war das mal so, eine Weile konnten das die Deutschen oder Brasilianer. Aber in Russland war Frankreich die einzige Nation, die präsent war.

Wird Frankreich noch länger den Fußball prägen?

Gress: Ja. Sie fangen erst an. Sie werden ein paar Jahre oben stehen.

Aus Münchner Sicht sind Corentin Tolisso und Kingsley Coman interessant. Beide gerade schwer verletzt – aber gehört ihnen die Zukunft?

Gress: Ja. Wenn sie sich erholen. Den Bayern würden sie aktuell sehr, sehr gut tun, München fehlt es auch an Tempo, da sind Parallelen zur deutschen Nationalelf. Ich habe auch immer ein Auge auf Franck Ribéry, der uns alle immer wieder überrascht in seinem Alter. Ich fürchte aber, dass er im Frühjahr an seine Grenzen stößt. Da wird er müde sein. Leider. Es wäre für mich eine Überraschung, wenn Bayern diese Saison die Champions League gewinnt.

Wobei Ihre Prognosen so eine Sache sind. Als Thomas Tuchel zu Paris ging, sagten Sie, wenn er sich nicht ändere, müsste nach acht Tagen entweder er oder Neymar gehen – und es würde ihn treffen.

Gress: Stimmt. Jetzt halten sie es doch schon etwas länger als acht Tage aus. Ich habe gesehen, Tuchel küsst Neymar. Das ist klug. Paris wird französischer Meister, das steht schon jetzt geschrieben. In der Champions League sind Vorhersagen schwer. Wenn Messi so spielt wie zuletzt gegen Tottenham, schlägt Barcelona jeden Gegner. Aber er spielt nicht immer so.

Die Bayern wollen in Benjamin Pavard den nächsten Franzosen. Hat er das Zeug dazu?

Gress: Im Moment nicht, nein. Er hatte bei der WM Glück und hat da sicher gut gespielt. Aber zuletzt war er in der Nationalelf schwach. Pavard hat Talent, doch er muss noch viel lernen. Mit 22 ist er jung - aber ich sage immer: Mit 22 war Pelé schon zwei Mal Weltmeister.

Es heißt, Sie hatten auch mal ein Angebot von Bayern.

Gress: Es war der größte Fehler meines Lebens, es nicht angenommen zu haben. Die Umstände waren kurios – haben Sie Zeit für diese Geschichte?

Aber sicher.

Gress: Am 26. Dezember 1968 gab es ein Benefizspiel in Strasburg, auf Schnee. Mein Team gewann 2:1, ich hatte beide Tore geschossen. Nach der Partie sagte der damalige Bayern-Manager Robert Schwan zu mir: „Herr Gress, Ihr Vertrag beim VfB läuft aus, verlängern Sie nicht – Sie hören von mir.“ Im April spielte München als Tabellenerster in Stuttgart, wir waren Zweiter mit drei Punkten Abstand. Einen Tag vorher rief Schwan im Mannschaftshotel an. Ich war mit Willi Entenmann im Zimmer, er ging ran: „Jemand für dich.“ Schwan sagte: „Passen Sie auf, in der zweiten Halbzeit steckt Ihnen Franz Beckenbauer einen Zettel zu, auf dem steht, wo wir uns am nächsten Tag treffen. Er kommt bei einem Freistoß oder Eckball auf Sie zu.“

Und so kam es dann auch?

Gress: Nein! Ich sagte sofort am Telefon: „Herr Schwan – da sind 80000 im Stadion und zig Kameras. Das geht nicht.“ Das sah er ein, dann sagte er, in welchem Hotel die Bayern sind und meinte, ich solle am Tag nach dem Spiel daran vorbeifahren und dann in den Feldweg einbiegen. Da würde er im Auto warten. „Und bringen Sie Ihre Frau mit“, sagte er noch.

Und so fuhren Sie dann mit der Gattin tatsächlich los?

Gress: Ja. Wir hatten 3:0 gewonnen, tags darauf saßen wir zwei Stunden auf diesem Feldweg im Auto und haben verhandelt – meine Frau und ich, Robert Schwan und Trainer Branko Zebec. Stellen Sie sich das mal heute vor: Da säßen noch zwei Berater und zwei Anwälte mit im Auto! Einen Tag später sagte ich zu unserem Präsidenten Fritz Walter – ein feiner Mann –, wenn wir nur einen starken Neuzugang holen, können wir die Bayern nächstes Jahr als Meister ablösen. Wissen Sie, was er antwortete?

Was denn?

Gress: Er sagte: „Her Gress – ich will gar nicht Meister werden! Dann wollen alle Spieler mehr verdienen, dann brauchen wir neue Verträge – mir reicht es, wenn wir unter den ersten Fünf stehen.“ Ich bin dann doch geblieben. War ein Fehler, ganz klar.

Sie trafen auch Sepp Herberger, erzählten Sie mal.

Gress: Bei einer Fernsehsendung, ja. 1954 war ich 12 Jahre alt, ich erinnere mich bis heute an das deutsche WM-Halbfinale gegen Österreich: 6:1, das beste Spiel. Das Finale sah ich natürlich auch, und dann war es 15 Jahre später eine große Ehre, diesen Mann kennenzulernen. Er war da schon über 70, aber er sprach über Fußball wie ein 20-Jähriger. Er sagte: „Wir müssen den Fußball moderner machen, das müssen wir ändern, das muss überdacht werden...“ Ich fragte: „Wie alt sind Sie? 70 oder 20?“ Eine ganz besondere Persönlichkeit.

Was würde Herberger wohl angesichts der aktuellen deutschen Krise sagen?

Gress: Gute Frage. Glücklich wäre er nicht. Aber er hätte Ideen, da bin ich sicher.

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Interview: Andreas Werner

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