tz-Interview

Sandro Wagner: „Ich habe einen ganz großen Traum“: Ist Bayern ein Thema?

Sandro Wagner bei der Nationalmannschaft. 

Im tz- Interview gibt Hoffenheim-Stürmer Sandro Wagner einen privaten Einblick und spricht über seine Beziehung zu München, die WM 2018 und Anfeindungen im Fußball. 

München - Wen mitnehmen? Wen streichen? Gerade im Sturm steht Jogi Löw vor der Qual der Wahl. Werner, Gomez, Wagner, Müller, Götze etc. – es bedarf schon mehrerer Hände, um die WM-Kandidaten im Angriff des Weltmeisters abzuzählen. Geht es nach der Bilanz, hat Wagner (29) die Nase vorn. Fünf Tore in fünf Länderspielen sprechen für den Hoffenheimer, der auch Löw begeistert. Der Bundestrainer: „Sandro ist auf jeden Fall ein anderer Typ Stürmer (als Werner, Anm. d. Red.). Er bindet die Gegner im Zentrum und ist bei Flanken enorm gefährlich.“ Wie der kantige Ex-Münchner selbst seine Chancen einschätzt, verrät er im tz-Interview:

Herr Wagner, Sie haben mal gesagt, Ihnen sei egal, ob Sie nun beim Merkur Cup oder beim Confed Cup spielen. Wie sieht’s denn mit dem World Cup aus?

Wagner: Die WM ist noch weit weg. Wenn ich zu sehr an so ein Ereignis denke, verliere ich die täglichen Aufgaben aus dem Blick. Das hilft mir nicht. Daher kann ich mit der Weltmeisterschaft jetzt noch nichts anfangen. Wenn ich gute Leistungen bringe, kommt das von alleine.

Können Sie bei der Nationalmannschaft Ihr Selbstbewusstsein so ausleben wie im Verein?

Wagner: Auf jeden Fall. Ich mache keine Unterschiede. Wenn ich eine Rolle spielen würde, wäre ich nicht erfolgreich.

Julian Nagelsmann hat zu Ihnen gesagt: „Ich will dich so, wie du bist.“ Was hat Joachim Löw zu Ihnen gesagt?

Wagner: Es war ganz ähnlich. Der mag mich unabhängig vom Fußball auch als Typ, weil er es gut findet, wenn jemand seine Meinung hat und die ordentlich vertreten kann. Der DFB will hier niemanden verändern. Dafür bin ich sehr dankbar.

Lukas Podolski hat im tz-Interview gesagt: „Sandro Wagner hat Charakter, geht voran, ist laut und haut auch mal dazwischen. Mir macht es Spaß, ihm zuzuschauen.“ Freut es Sie, wenn Sie so etwas hören oder lesen?

Wagner: Klar! Poldi ist eine Legende. Hier bei der Nationalmannschaft lieben den alle Jungs. Das freut mich dann schon, wenn er so etwas sagt.

Und er ist der nicht der Einzige, der Sie dieser Tage gelobt hat. Carsten Jancker hat gesagt, Sie seien der beste deutsche Stürmer. Hat er Recht?

Wagner: Carsten Jancker habe ich früher zugejubelt, als ich in der Südkurve der Bayern stand. Natürlich stimme ich ihm voll und ganz zu. (lacht)

Pendeln zwischen München und Hoffenheim? „Zum Kotzen“

Nach außen scheinen Sie vor Selbstbewusstsein zu strotzen. In Ihrer Karriere gab es aber durchaus schwere Phasen. Wann haben Sie an sich gezweifelt?

Überflieger: Sandro Wagner mit tz-Reporter Menzel Lopez. 

Wagner: Nie. Ich habe immer an mich geglaubt. Aber natürlich habe ich, als es in Berlin überhaupt nicht lief, gedacht: „Scheiße. Das ist nicht der Anspruch, den du hast.“ Heute bin ich sehr dankbar dafür, dass meine Karriere anders verlaufen ist als bei den meisten anderen Nationalspielern. Menschlich haben mich diese Situationen enorm geprägt. Schauen Sie: Wenn ich in Wembley zehn Tore gegen England schieße, weiß ich trotzdem, dass ich kein Stück cooler bin als jemand, der für die Müllabfuhr arbeitet. Ich kann das Fußballgeschäft inzwischen sehr gut einschätzen, und ich weiß, dass das Leben nicht endet, wenn die Karriere als Fußballer nach 15 Jahren mit 35 vorbei ist.

Wie sehen Ihre Planungen und Ihre Träume für Ihre weitere Karriere aus?

Wagner: Ich habe einen ganz großen Traum. Fußballerisch. Der hat nichts mit England zu tun.

Welcher Traum ist das?

Wagner: Das behalte ich für mich.

Hat es was mit den Bayern zu tun?

Wagner: Zu den Bayern sage ich nichts.

England ist abgehakt?

Wagner: Ich hätte nach England wechseln können. Aber meine Frau und meine zwei kleinen Kinder leben in München, alle meine sozialen Kontakte sind in München. Ich tue mich schwer mit dem Gedanken nach England zu gehen. Wenn ich allein wäre, hätte ich es sicher gemacht. Aber als Familienvater brauche ich meine Zeit zu Hause in München. Ich bin ein Heimscheißer. Finanzielle und sportliche Aspekte sind nicht das Wichtigste im Leben.

Wie schwer fällt Ihnen das Pendeln zwischen München und Hoffenheim, wo Sie in der Nähe des Trainingsgeländes leben.

Wagner: Es ist zum Kotzen. Ich mache das jetzt seit zweieinhalb Jahren und es schlaucht. Aber ich möchte nicht, dass meine Kinder jedes Jahr die Schule oder den Kindergarten wechseln müssen. Meine Tochter ist gerade eingeschult worden, geht in eine wunderbare Dorf-Grundschule in Haching. Die werde ich ganz bestimmt nicht aus Ihrem Umfeld herausreißen, nur weil der Papa meint, dass er mit 30 noch mal den Verein wechseln muss.

Wagner hofft auf WM-Platz: "Ich bringe ein anderes Element rein“

Werner? „Der könnte nicht mal eine Fliege zerquetschen“

Wie behütet können Kinder eines Fußballstars aufwachsen?

Wagner: Natürlich ist es für die Kinder nicht optimal, wenn der Vater überall – auch im Urlaub – ständig angesprochen wird. Aber es gibt schlimmere Schicksale auf der Welt.

England gegen Deutschland in Wembley. Ist das etwas anderes, als wenn Sie in der Bundesliga mit Hoffenheim in Wolfsburg spielen?

Wagner: Ja, das ist schon ein großer Unterschied. Mein erstes Bundesligaspiel habe ich vor zehn Jahren gemacht. Das bedeutet nicht, dass ich da weniger Gas gebe. Aber eine gewisse Routine schleicht sich ein. In der Bundesliga kenne ich jede Toilette. Wembley ist schon cool – ein neuer Standort, eine super Stimmung. Ich freue mich riesig darauf. Überhaupt, mit der Nationalmannschaft unterwegs zu sein, da geht mir das Herz auf. Das Niveau in jedem Training ist unglaublich hoch. Und, je besser deine Mitspieler sind, desto besser bist auch du – ganz automatisch. Als Stürmer bin ich ja total abhängig. Ich bin wie ein Fisch im Aquarium, ich brauche Essen von oben. Ohne Essen stirbt der Fisch, ohne Flanken gehe ich vorne ein.

In Wembley werden fast 90 000 Fans gegen Sie sein. Eine Traumvorstellung für einen Typen wie Sie?

Wagner: Ja. Wow! In der Bundesliga schaffe ich immer nur 50 oder 60 000 (lacht).

Können Sie es verstehen, wenn Menschen Sie als arrogant einschätzen.

Wagner: Die Meinung der Masse ist mir völlig wurscht. Ich werde mich nicht verändern, ich werde mir keinen Medienberater zulegen, damit Leute mich mögen. Ich gehe weiter meinen Weg, und der ist ja auch ganz erfolgreich. Ich finde es übrigens in allen Bereichen sehr schön und wichtig, wenn Menschen für etwas stehen und für etwas einstehen, dabei spielt es gar keine Rolle, ob ich diese Meinung teile. Bei ganz vielen Interviews, egal, ob mit Politikern oder Sportlern, denke ich mir: Das ist doch der reinste Wahnsinn! Wenn Menschen alles versuchen, um nicht angreifbar zu sein, ist das etwas, das ich überhaupt nicht erstrebenswert finde. Nein, ich habe kein Problem damit, wenn 90 Prozent der Leute sagen, der Wagner redet Quatsch.

Manchmal bleibt es aber nicht dabei. Die Anfeindungen in den Stadien werden immer heftiger. Nicht nur gegen Sie. Ihr Nationalmannschaftskollege Timo Werner ist oft ein Ziel der Fan-Wut.

Wagner: Weil diese Menschen Fußball zu wichtig nehmen. Wenn für diese Leute Fußball der Lebensmittelpunkt ist, dann muss ich sagen, das ist geisteskrank. Ich bewundere die Fans, die ihren Mannschaften überall hinterherreisen. Aber wenn Grenzen überschritten werden, nehmen Sie zum Beispiel die Anfeindungen gegen Dietmar Hopp, dann ist das für mich nicht nachvollziehbar. Timo Werner ist der liebste Kerl, den ich den vergangenen zehn Jahren im Fußball gesehen habe. Der könnte nicht mal eine Fliege zerquetschen. Er ist 21 Jahre alt und hat mit seiner Schwalbe einen Fehler gemacht, klar, einen kleinen Fehler. Was dann mit dem Jungen gemacht wird, ist unterirdisch. Ich habe manchmal das Gefühl, das einige denken: Samstag, 15.30 Uhr, Bundesliga-Stadion, das ist ein rechtsfreier Raum.

Wen sehen Sie in der Pflicht, um das zu ändern?

Wagner: Die Vereine. Es kann doch nicht sein, dass beim 1. FC Köln ein so geschmackloses 15-Meter-Plakat gegen Hopp ausgerollt werden darf. Viele Vereine haben viel zu viel Angst vor den eigenen Ultras. Bei Bayern München würde es das nie geben. Zum einen, weil in der Südkurve nicht die größten Deppen hocken, und zum anderen, weil da ein Verein ist, der kontrolliert, was dort passiert. Ich unterstütze jeden, der gegen diese Machenschaften der Ultras vorgeht.

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Herr Wagner, Sie sind in Köln mal angespuckt worden.

Wagner: Ja, in Freiburg auch, aber Köln war das Krasseste. Wir haben als Mannschaft einen Spaziergang gemacht, als mich jemand von einer Brücke herab anspuckte. Das ist verrückt. Das ist asozial.

Wir wissen von Ihnen, dass Sie eine Frau, zwei Kinder, einen Hund und ein paar Schildkröten haben. Ist Sandro Wagner privat ein Spießer?

Wagner: Spießig zu sein, finde ich überhaupt nicht schlimm. Ich bin ein ganz, ganz normaler deutscher Bürger. Privat bin ich 08/15. Ich habe kein goldenes Auto, ich fliege nicht mit dem Privatjet in den Urlaub, ich habe ein normales Leben, das sich von Ihrem nicht groß unterscheiden wird.

Sind Sie als Vater streng?

Wagner: Nein, ich bin ganz entspannt. Den strengen Part übernimmt meine Frau. Ich bin der „Good Cop“.

Sie sind politisch sehr interessiert, sympathisieren mit der CSU. Können Sie sich eine Politikerkarriere vorstellen?

Wagner (überlegt lange): Nee. Eher nicht.

Wie finden Sie Jamaika?

Wagner: Schwierig.

Seehofer oder Söder – wer soll regieren?

Wagner: Beide haben Seiten, die ich mag, und Seiten, die ich nicht mag.

Wie wichtig ist es Ihnen, nach München zurückzukehren?

Wagner: Ich werde auf jeden Fall nach München zurückkehren. Die Frage ist nur, wann.

Die Bayern suchen einen Stürmer. Sie könnten der perfekte Kandidat sein. Gibt es Kontakt?

Wagner: Netter Versuch, aber es bleibt dabei, ich sage nichts zu den Bayern.

Sie sind ein Freund des Trashtalks auf dem Platz…

Wagner: Nein. Stopp! Das glauben alle, aber das ist falsch. Ich rede einfach gern mit meinen Gegenspielern. Als wir gegen Köln gespielt haben, habe ich Dominique Heintz und Dominic Maroh auch gesagt, dass ich es scheiße finde, dass der FC da unten steht und dass sie mir leidtun. Aber Beschimpfungen? Das mache ich nie auf dem Feld.

Vor zwei Jahren hieß es, der Mittelstürmer sei ausgestorben. Jetzt gibt es mindestens eine Handvoll Mittelstürmer, aus denen Jogi Löw auswählen kann. Wie kam es zu dieser Renaissance?

Wagner: Ich finde, dass dieses Thema überstrapaziert wurde. Systeme ändern sich. Vor einem Jahr hat niemand mit einer Dreierkette gespielt, jetzt machen es fast alle. Und was die Stürmer angeht: Ich denke, dass der deutsche Fußballfan sehr glücklich darüber sein kann, welche Stürmer Deutschland hat. Der Bundestrainer hat die Qual der Wahl. Ich bin auch gespannt, wie er sich entscheidet.

Also doch heiß auf die WM?

Wagner: Natürlich bin ich total stolz, für Deutschland spielen zu dürfen. Und es wäre eine unglaublich große Ehre, unser Land bei einer Weltmeisterschaft zu vertreten.

Interview: José Carlos Menzel Lopez

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