Nationen-Duell

„We call it a Klassiker“: Große England-Deutschland-Dramen

Wembley-Tor 1966
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Tor oder nicht Tor im Finale Deutschland gegen England bei der Fußball-WM 1966 am 30. Juli im Londoner Wembley-Stadion.

Deutschland gegen England - kein anderes Fußball-Duell ist historisch und emotional so aufgeladen. Das weiß nicht nur ein Zeitzeuge wie der „Kaiser“.

Herzogenaurach - Das legendäre Wembley-Tor, zwei epische Elfmeter-Dramen und ein oftmals martialisches Medien-Getöse: Kein Nationen-Duell im Fußball ist historisch und emotional so aufgeladen wie das zwischen Deutschland und England.

„Das sind die Fußballabende, auf die sich die ganze Welt freut“, sagte Nationalspieler Leon Goretzka. Er ist zwar erst 26 Jahre alt, aber er kennt die Geschichte. Mit seinem späten Tor zum 2:2 gegen Ungarn hat Goretzka das 37. Duell im EM-Achtelfinale ermöglicht. An diesem Dienstag (18.00 Uhr) steigt der Showdown in der Kultstätte Wembley.

Wenn Franz Beckenbauer in früheren Jahren rastlos um den Globus flog und irgendwo die Rede auf Deutschland gegen England kam, dann sagte der Fußball-Kaiser in seinem bayerisch gefärbten Englisch stets einen Satz: „We call it a Klassiker!“ Der heute 75-jährige Beckenbauer ist ein besonderer Zeitzeuge. Beim WM-Finale 1966 mit dem Wembley-Tor der Engländer stand er als Spieler auf dem Platz. 24 Jahre später war er Teamchef der DFB-Auswahl, als diese auf dem Weg zum WM-Triumph die Engländer in Turin im Halbfinale in einem Elfer-Krimi besiegte.

Ja, Deutschland gegen England ist ein Fußball-Klassiker. Es ist aber vor allem auch ein Turnier-Klassiker. Auch Joachim Löw erfüllt das anstehende K.o.-Spiel mit einem besonderen Kribbeln. „Da könnte man viele Dinge erzählen“, sagte der Bundestrainer einst. Auch er hat an der deutsch-englischen Turniergeschichte bereits mitgeschrieben.

„Der Reiz der Partien liegt ursächlich in der Philosophie der beiden Fußball-Nationen. Beide leben traditionell vom Kampf. Und der wird im Aufeinandertreffen ebenso traditionell auf die Spitze getrieben“, bemerkte Ehrenspielführer Uwe Seeler (84) mal zur tief verwurzelten Rivalität. Legendär ist der Satz, den Englands einstiger Stürmerstar Gary Lineker sagte: „Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Spieler dem Ball nachlaufen und am Ende gewinnt immer Deutschland.“

36 Spiele gab es bisher. England führt mit 16 zu 13 Siegen. Aber die Statistik wird überstrahlt von einigen unvergesslichen Momenten:

30. Juli 1966, WM-Finale, 2:4 n.V.: Drin oder nicht drin?

2:2 steht es in der Verlängerung, als Englands Geoff Hurst den Ball an die Unterkante der Latte knallt. Von dort springt das Leder auf die Torlinie und zurück ins Feld. Schiedsrichter Gottfried Dienst, ein Schweizer, entscheidet zunächst auf Eckball. Nach Rücksprache mit seinem sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow entscheidet er auf Tor. Erst 35 Jahre später gesteht Hurst in seiner Autobiografie, dass der Ball nicht drin gewesen sei. „Nach dem Spiel waren wir alle so kaputt, dass in der Kabine über das Tor gar nicht groß diskutiert wurde“, erinnert sich Beckenbauer.

14. Juni 1970, WM-Viertelfinale, 3:2 n.V.

„Wir hatten noch was gut zu machen“, schildert Seeler die Stimmung vor dem Anpfiff im mexikanischen Leon. Höhenluft und extreme Hitze machen den Spielern das Atmen schwer. Nach 50 Minuten liegt Deutschland mit 0:2 zurück. Beckenbauer erzielt den Anschluss, Seeler gelingt mit einem akrobatischen Hinterkopf-Tor der Ausgleich. In der Verlängerung ist der WM-Torschützenkönig zur Stelle: Gerd Müller trifft zum 3:2.

29. April 1972, EM-Viertelfinale, 3:1

Im EM-Viertelfinale, das als Qualifikation für die Endrunde damals noch in Hin- und Rückspiel ausgetragen wird, gelingt Deutschland der erste Sieg im Wembley-Stadion. „Das Spiel war das Größte an Spaß, was ich mir vorstellen konnte“, sagt Günter Netzer. Bei typisch britischem Dauerregen markiert er nach Toren von Uli Hoeneß und Gerd Müller per Elfmeter den Endstand. Netzer: „An diesem Tag wurde die Mannschaft geboren, die Europameister wurde.“

4. Juli 1990, WM-Halbfinale, 4:3 im Elfmeterschießen (1:1 n.V.)

Am Spieltag ruft Ehrenspielführer Fritz Walter im deutschen Teamhotel an und macht Mut. „Am 4. Juli sind wir unschlagbar“, erinnert er an das „Wunder von Bern“, den ersten deutschen WM-Titelgewinn 1954. Abends folgt das erste Elfmeter-Drama zwischen Deutschen und Engländern. Brehme, Matthäus, Riedle und Thon verwandeln sicher. Bei den Engländern scheitert Pearce an Illgner, Waddle schießt übers Tor. „Es war das beste Spiel der WM“, urteilt Brehme, der vier Tage später in Rom das Endspiel gegen Argentinien vom Elfmeterpunkt entscheidet.

26. Juni 1996, EM-Halbfinale, 6:5 im Elfmeterschießen (1:1 n.V.)

In ihrem Fußball-Tempel Wembley haben die Engländer erneut das Nachsehen. Wieder versagen ihnen im Elfmeterschießen die Nerven. Bereits nach zwei Minuten gehen die Gastgeber durch Alan Shearer in Führung, Stefan Kuntz gleicht früh aus. In der Verlängerung hat die Elf von Berti Vogts viel Glück - und in Andreas Köpke einen tollen Rückhalt: Im Elfmeterschießen verwandeln die ersten fünf Schützen beider Teams. Dann scheitert Gareth Southgate an Köpke. Andy Möller verwandelt wuchtig. Vier Tage später ist Deutschland Europameister.

Apropos Southgate und Köpke: Als englischer Nationaltrainer und als Bundestorwarttrainer stehen sie sich beide 25 Jahre später erneut gegenüber, diesmal im EM-Achtelfinale und im neuen Wembley-Stadion.

7. Oktober 2000, WM-Qualifikation, 1:0

Knapp vier Monate nach dem 0:1 bei der EM im belgischen Charleroi, bei der beide Teams in der Vorrunde blamabel scheitern, kommt es zur Revanche. Im letzten Spiel im alten Wembley-Stadion schießt ausgerechnet England-Legionär Dietmar Hamann das Tor des Tages mit einem Freistoß aus 32 Metern. „Hamann schwingt die Abrissbirne“, lauten die Titelzeilen.

1. September 2001, WM-Qualifikation, 1:5

Carsten Jancker bringt Deutschland in Führung. Danach nimmt das Debakel mit drei Treffern von Michael Owen seinen Lauf. Rudi Völlers Vater erleidet auf der Tribüne des Münchner Olympiastadions eine Herzattacke. Der Teamchef rast nach Spielende sofort ins Krankenhaus, die Spieler liegen am Boden. Der von Owen genarrte Abwehrrecke Christian Wörns stöhnt: „Jetzt gibt's nur eins: Nach Hause und Rollläden runter.“

27. Juni 2010, Bloemfontein, WM-Achtelfinale, 4:1

Diesmal gibt es ein reguläres „Wembley-Tor“, das aber nicht gegeben wird und England ins Mark trifft. Beim Schuss von Frank Lampard prallt der Ball von der Unterkante der Latte deutlich hinter der Torlinie auf. Es wäre das 2:2 gewesen. Nach den Toren von Klose und Podolski gelingt dem damals 20 Jahre jungen Thomas Müller nach der Pause ein Doppelpack. „Das war eine taktische Meisterleistung von Jogi“, lobt Teammanager Oliver Bierhoff Bundestrainer Löw. Die braucht es am Dienstag wieder. Neben Löw sind auch Müller und Manuel Neuer wie vor elf Jahren dabei. Die Engländer erfüllt das bestimmt mit unangenehmen Erinnerungen. dpa

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