Hauptstadtclub-Investor

Windhorst verspricht Hertha Treue - «Agnelli von Berlin»

Lars Windhorst
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Denkt in langfristigen Kategorien: Hertha-Investor Lars Windhorst.

Lars Windhorst sieht sich trotz seiner Finanzkraft nicht als Diktator bei Hertha BSC. Sein Berliner Projekt soll über Jahrzehnte dauern und bestmöglich einem großen Traditionsclub in Italien nacheifern. Ein Abstiegsszenario hat in der Agenda des Investors keinen Platz.

Berlin (dpa) - Im Büro von Herthas Millionen-Investor Lars Windhorst im Herzen von Berlin sieht nichts nach 2. Liga aus. Hinter der großen Glasfront hat man freien Blick auf Reichstag, Kanzleramt und Hotel Adlon.

Nur der große Februar-Flockenwirbel verhindert die Sicht auf den fernen Teufelsberg unweit des Olympiastadions. Dass dort in der kommenden Saison kein Bundesliga-Fußball mehr zu sehen sein wird, mag sich der Geldgeber trotz der sportlichen Misere des Hauptstadt-Clubs einfach nicht vorstellen. Konsequenzen für sein kostspieliges Engagement sind daher im Moment für den 44-Jährigen kein Thema.

Windhorst ist froh, dass sich Führungscrew und Aufsichtsrat bei seinem auserkorenen Herzens- und Projekt-Verein mit den ehemaligen Pay-TV-Machern Carsten Schmidt und Georg Kofler nach reichlich Turbulenzen nach seinem Gusto neu formiert haben. Der Finanzfachmann denkt, so versichert er mehrfach, nicht in Kategorien bis zum Sommer, sondern über Jahrzehnte. Am liebsten würde er zum Agnelli von Berlin.

«Ich gehe fest davon aus, dass wir nicht absteigen werden. Deshalb denke ich gar nicht daran. Ich glaube fest an die Qualität der Mannschaft und an den Trainer, der es schafft, diese Qualität in eine geschlossene Einheit zusammenzuführen. Das werden wir in den nächsten Wochen schon sehen. Von daher stellt sich die Frage nicht», sagte Windhorst in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Nach 20 Spielen rangiert die Hertha auf Platz 15 knapp vor der Abstiegszone.

«Fragen Sie mich, wenn es eingetreten sein sollte. Wird es aber nicht, warum sollte ich mich heute damit beschäftigen», sagte der 44-Jährige auf die Frage nach einem möglichen Absturz der Hertha in die 2. Liga und der Konsequenz für sein persönliches Engagement.

Windhorst denkt weiter in langfristigen Kategorien und möchte trotz sportlicher Krise und manchen Dissonanzen mit der Club-Führung in den ersten 20 Monaten eine Fußball-Dynastie gründen wie der Agnelli-Clan mit seinem Fiat-Konzern bei Juventus Turin. Der gerade aus dem Piemont geholte Ex-Weltmeister Sami Khedira ist quasi ein erster Botschafter dieser Parallel-Philosophie zweier Clubs mit dem gleichen Kosenamen: «Alte Dame».

Weitere Geldversprechen über die bislang vereinbarten 374 Millionen Euro hinaus gibt es aber noch nicht. «Es ist nichts geplant. Wir werden Hertha BSC langfristig begleiten und werden alles, was in unserem Einflussbereich steht, dafür tun, dass dieses Projekt zum Erfolg führt. Wir haben uns definitiv nicht engagiert, um auf halber Strecke eine Niederlage einzustecken», sagte Windhorst.

Trotz der teilweise grotesk anmutenden Kommunikationsschwierigkeiten, die Windhorst als «Ruckeleien» und «Abtasten» bezeichnete, will er eine Hertha-Ära prägen, das betont Windhorst gerne. «Wir können uns durchaus vorstellen, hier zehn, zwanzig, dreißig Jahre engagiert zu bleiben. Es gibt auch Beispiele, wo andere Unternehmen sich langfristig im Fußball engagiert haben, Juventus Turin zum Beispiel mit der Familie Agnelli. Es würde mich freuen, wenn das möglich ist, das ist definitiv mein Wunsch», sagte der Investor.

Bereut habe er sein 2019 gestartetes Engagement «gar nicht, noch nie», versicherte Windhorst genau ein Jahr nach dem spektakulären Rücktritt von Jürgen Klinsmann, den er zum Aufsichtsrat gemacht hatte, der aber in der Trainerrolle an den Hertha-Strukturen verzweifelte. «Rückblickend stellen inzwischen ja viele fest, dass viele Impulse und Analysen von Jürgen Klinsmann so falsch nicht waren», sagte Windhorst.

In seiner Finanzwelt muss er das Engagement auch gegen Widerstände verteidigen. «Mir ist öfter von Finanzinvestoren oder selbst von Leuten in meiner Gruppe vorgehalten worden: Was ist denn das für ein Investment, kein Gewinn, kein Erfolg und nichts zu bestimmen? In der Finanzwelt ist ein solches Investment schon ungewöhnlich oder sogar exotisch», sagte Windhorst.

Seit seinem Einstieg hat der Unternehmer 290 Millionen Euro an die Hertha überwiesen. Bis zum Sommer sind noch weitere 84 Millionen Euro vereinbart. Mit der Übernahme der Leitung der Geschäftsführung durch Schmidt sieht Windhorst die Hertha-Chefetage nach der Trennung von Manager Michael Preetz gut aufgestellt. Weitere Veränderungen in der Club-Leitung schließt Windhorst aber nicht aus: «Man darf nicht erwarten, dass mit einigen Personalentscheidungen schon der große Durchbruch kommt.» In den kommenden Monaten könnte das Verhältnis zu Hertha-Präsident Werner Gegenbauer in den Fokus rücken.

Mit seinem Engagement will Windhorst auch Werbung für eine Abschaffung der 50+1-Regel machen, die bei deutschen Clubs den Einfluss von Investoren wie ihn beschränkt. «Das ist ein hoch emotionales Thema, das in Deutschland aktuell leider festgefahren ist. Dabei ist es nicht schwarz oder weiß», sagte er. «Im Ernst, der Investor ist doch nicht der Diktator, der alles von oben vorgibt. Es geht darum, Menschen mitzunehmen, zu motivieren, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Selbst wenn wir jetzt 100 Prozent hätten oder 50,1 Prozent Stimmrechte, kann ich als Finanzinvestor nicht einfach permanent reinregieren oder bestimmen», versicherte Windhorst.

© dpa-infocom, dpa:210210-99-379783/2

Hertha-Homepage

Hertha-Mitteilung zum Windhorst-Engagement

Tennor-Homepage zu Windhorst

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