Reiner Calmund im Interview

„Leverkusen Meister? Überragend“

Wirtz und Weiser jubeln
+
„Was für ein Schnäppchen“: Florian Wirtz (Mitte) sieht Calmund als angehenden Weltklasse-Spieler.

Es ist das unbestrittene Spitzenspiel zum Ende der Vorrunde. Und Kultfigur und Ex-Manager Reiner Calmund glaubt, dass das Duell zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Bayern das Duell der Saison bleiben könnte. Vielleicht könnten sogar alte Wunden geschlossen werden, wie der 72-Jährige vermutet.

Herr Calmund, Leverkusen an der Spitze – und ein echter Meister-Kandidat?

Zumindest sollte man sie ernst nehmen. Und für mich wäre es das Schönste, wenn Leverkusen noch mal Meister wird. Sie sind oft durch das schlechtere Torverhältnis oder mit einem Punkt gescheitert, das hat schon manchmal wehgetan. Als Rentner und alter Sack wäre es für mich überragend.

Würden Sie nicht bedauern, dass es zu ihrer Zeit nicht geklappt hat – und jetzt schon?

Das werde ich oft gefragt. Und ich sage entschieden: Nein! Denn dann muss ich nicht so mit zittern, wie das als Verantwortlicher oft der Fall war. Wenn man in einer wichtigen Funktion ist, kostet das echt Nerven. Meine alte Leidenschaft ist noch da –aber in der zweiten Reihe.

Also freuen Sie sich als Fan jetzt auf ein echtes Topspiel Bayer gegen Bayern?

Natürlich freue ich mich auf dieses Highlight. Trotzdem war ich froh, dass Bayern gegen Wolfsburg gewonnen hat, weil das VW-Team nun sieben Punkte hinter Leverkusen liegt. Darauf schaue ich viel mehr als auf den Tabellenplatz eins.

Leverkusen ist also nur temporär ganz oben?

Das werden wir sehen. Sie gehören zu den besten fünf Teams in Deutschland, das haben sie sich mit guter Arbeit verdient. Für mich aber ist es am wichtigsten, dass sie sich wieder für die Champions League qualifizieren, wo es zuletzt einen Wechsel mit Gladbach gab. Deshalb schaue ich vor allem auch auf die Mannschaften hinter Bayern, wie Dortmund Leipzig, Mönchengladbach, Wolfsburg etc. Wissen Sie, was passieren würde, wenn Sie heute Rudi Völler anrufen?

Sagen Sie es mir!

Wenn Sie ihn fragen würden, wie ich über die Tabelle denke, würde er das antworten, was ich gerade geäußert habe. Vielleicht ist meine Denkweise merkwürdig – aber sie stimmt zu 100 Prozent.

Was erwarten Sie für ein Topspiel?

Ein gutes! Auch wenn sich an den Vorzeichen in Deutschland nichts geändert hat. Bayern ist mit Abstand der beste Verein. Sie haben die besten Player in kurzen und langen Hosen, auf allen Positionen herrscht absolute Ausnahme-Weltklasse. Es wird nie ein Funktionär wieder erreichen, was Uli Hoeneß erreicht hat, auch die Leistungen von Karl-Heinz Rummenigge kann man nicht hoch genug würdigen. Aber die Bayern haben sich mit Herbert Hainer, Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic sensationell aufgestellt. Diese bombige Besetzung führt zur großen Überlegenheit. Dazu die kräftigen DAX-Unternehmen im Rücken. Da kann niemand mithalten – und es wird sich auch in den nächsten Jahren daran nichts ändern.

Der Kader ist sicher hochklassig besetzt, aber durch die vielen Spiele mit wenigen Pausen gebeutelt.

Nehmen wir ein Bild aus der Formel 1: Sagen wir, die Bayern haben mit Blick auf den Transfermarkt-Wert des Kaders 900 PS. Dortmund liegt dann bei 600, Leipzig hat 500, Leverkusen und Gladbach vielleicht 340. Und deshalb bleibt Bayern München das Maß aller Dinge, auch wenn sie müde sind.

Trotzdem macht es im Moment den Anschein, als habe Leverkusen den besseren Lauf – und könnte auch gegen Bayern ungeschlagen bleiben.

Leverkusen hatte genau wie die Bayern im August noch Spiele im europäischen Wettbewerb der alten Saison. Beide Teams hatten keine echte Sommerpause und keine optimale Vorbereitung. Und dass bereits zehn Tage nach dem Spitzenspiel die Bundesliga fortgesetzt wird, macht die Sache nicht besser. Wieder keine Regeneration, wieder keine Vorbereitung! Und dann stehen noch 21 Bundesliga-Spiele, dazu DFB-Pokal, europäische Wettbewerbe und Länderspiel-Abstellungen auf dem Programm. Das war bis jetzt schon grenzwertig – und wird bis zum Schluss eine ganz, ganz enge und haarige Kiste werden. Bei Bayern sieht man die Ermüdungserscheinungen schon.

Bei Leverkusen noch nicht.

Das ist schon beeindruckend, vor allem, wenn man die Begleitumstände bedenkt. Kai Havertz weg, Kevin Volland weg, dazu haben sich vier Nationalspieler langfristig verletzt. Trotzdem sehe ich die Chancen in diesem einen Spiel größer bei Leverkusen. Weil sie das nötige Selbstvertrauen haben, die Mentalität stimmt. Und auch, weil bei den Bayern hinter den Weltklassespielern Joshua Kimmich und Leon Goretzka dicke Fragezeichen stehen. Wenn es ein schönes 2:2 zur Freude der Zuschauer gibt, können alle damit leben. Die Münchner, die Leverkusener – und ich auch (lacht).

Wäre die Weihnachts-Meisterschaft eine kleine Entschädigung für „Vize-Kusen“?

Nein, da kann man sich ja nichts von kaufen. Der Weihnachtsmann ist ja nicht der Osterhase. Das haben wir auch schon zu meiner Zeit schmerzhaft erfahren.

Ist Leverkusen trotzdem gerade der echte Bayern-Herausforderer?

Über so etwas muss man gar nicht nachdenken. Schauen Sie sich doch allein die Champions League an: Alle vier deutschen Teilnehmer haben das Achtelfinale erreicht, die Bayern Leipzig, Dortmund und Mönchengladbach lassen grüßen!

Der Kult-Manager: Reiner Calmund war bis 2004 bei Bayer aktiv

Ist es also genauso schwer, oben zu bleiben, wie es war, hoch zu kommen?

Natürlich. Aber Bayer ist konstant gut, sie haben eine Kontinuität reingebracht. Das stimmt mich optimistisch.

Architekt ist Peter Bosz. Was ist sein Geheimnis?

Er ist ein Top-Trainer, macht herausragende Arbeit. Die Münchner wollten ihn doch auch mal verpflichten zu Zeiten von Niko Kovac. Aber in Leverkusen stimmt – wie bei den anderen Topteams – das Gesamtkonstrukt. Fernando Carro, dazu die Legende Rudi Völler und der langjährige Kapitän Simon Rolfes. Die stehen alle für Qualität und Nachhaltigkeit.

Ist Bosz ein ähnlicher Typ wie Flick, unaufgeregt, sympathisch, fokussiert?

Würde ich genauso unterschreiben. Und beide tun ihren Standorten sehr gut.

Bosz hat Florian Wirtz gestärkt, der durchstartet und bis 2025 gebunden werden soll. Das wäre ein guter Schachzug, oder?

Ein logischer Schachzug. Der gute war schon, ihn zu holen. da hatte Leverkusen das nötige Quäntchen Glück. Florian Wirtz hat ein sehr vernünftiges Elternhaus, da drehen sich die Rädchen richtig. Er soll die Schule vor Ort zu Ende machen, daher hatte Leverkusen mit seiner Nähe zu Köln einen Standortvorteil. Und dann haben sie bei den Verhandlungen das Goldbesteck rausgeholt: Carro, Völler, Rolfes am Tisch – das hat Wirtz, der damals 16 war, natürlich imponiert. Köln hat da geschlafen, und die Zahlen werden in Leverkusen dann auch gestimmt haben.

Ein echtes Schnäppchen.

Und was für eins! Ich bin mir sicher, dass er Nationalspieler werden wird, dass er zur Weltklasse reift. Der ist ja gerade mal 17 Jahre alt, hat ein unglaubliches Potenzial, steht mit beiden Füßen auf der Erde. Da stimmt alles.

Ist es aber nicht zu früh, ihn gleich mit Kai Havertz zu vergleichen?

Das brauchen wir doch gar nicht! Und ich prognostiziere auch, dass er irgendwann in ein Loch reinfallen wird. Aber Leverkusen ist da der richtige Club, ihn aufzufangen.

Gehen Sie auch in der gesamten Mannschaft von einem Loch aus?

Das kann ich mir leider vorstellen, einfach, weil es auch so viele Verletzte gibt. Das kann man nur kompensieren, wenn im Winter ein, zwei Spieler dazu kommen. Das muss von der Qualität, von der Menschlichkeit und den Finanzen passen, wäre aber gut, um dauerhaft oben mitspielen zu können.

Wie würde Ihre Meister-Party aussehen?

Ich feiere so, als wenn ich noch der erste Mann wäre. Ich mag alle, die jetzt am Ruder sind, ich würde mich so freuen. Und zwar, ohne in der Schlussphase zu viel Nerven verloren zu haben.

Also ist Ihr Wunsch für 2021 klar?

Die Meisterschaft? Nein! Die steht an Platz drei. Hinter der Gesundheit von meiner Familie und meinen Freunden und dem Wunsch, dass wir Corona in den Griff kriegen. Wenn alle drei aufgehen, bin ich happy.

Interview: Hanna Raif

Auch interessant

Kommentare