Mein Austauschsemester in Rio

In Brasilien ist "Antatschen" erlaubt

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Marcella Zulla (hier vor dem Zuckerhut) verbrachte ein Auslandssemester in Rio und verstärkt nun zur WM unsere Onlineredaktion.

Rio de Janeiro - Erstmals bei dieser WM spielt die DFB-Elf am Freitag in Rio. Unsere Mitarbeiterin Marcella Zulla verbrachte sieben Monate dort und berichtet von den Eigenheiten der Brasilianer.

Marcella Zulla, im Hintergrund die Jesus-Statue.

Ich starre auf die fremde Hand, die da an meinem Knie herumfummelt und unterdrücke den Impuls, mein Bein wegzuziehen. Es kitzelt, trotzdem halte ich es aus. Denn vielleicht würde die Mittvierzigerin neben mir alles andere als unhöflich empfinden. Ihre Hand führt ein Eigenleben, bewegt sich simultan zu den portugiesischen Worten aus dem Mund der dazugehörigen Frau. Noch verstehe ich nur die Hälfte, das meiste geht für mich in einem einzigen "Sch" auf - denn die Cariocas, Bewohner Rio de Janeiros, sagen meist "sch" statt "s" und "dsch" statt "d". Trotzdem lächle ich und schaue ihr gelegentlich in die mandelförmigen, braunen Augen. Dabei lasse ich aber ihre Hand nicht unbeaufsichtigt. Soll ich auch etwas mit meinen Händen machen? Meine Verunsicherung ist grenzenlos.

Nie zuvor habe ich mich so deutsch gefühlt wie in Brasilien

Als halbe Italienerin bin ich schon einiges gewöhnt, was Körpernähe betrifft. Wie in Italien begrüßt man sich in Rio de Janeiro mit einer Umarmung und je einem Küsschen links und rechts auf die Wange. Das gilt allerdings nur zwischen Frauen oder Männern und Frauen. Unter sich begnügen sich Männer für gewöhnlich mit einem Handschlag.

Doch während ich das noch als ganz normal empfunden habe, stellte ich bald fest, dass auch Berührungen in Gesprächen üblicher sind als in Deutschland und der Abstand zwischen den Menschen im Allgemeinen kleiner ist. "Antatschen" ist nicht nur erlaubt, sondern sogar üblich. Allerdings eher im Alltag. Denn sexuell sind die Brasilianer weit weniger freizügig als ihr Ruf.

Zu Beginn meines siebenmonatigen Aufenthaltes in Rio de Janeiro hat mir meine italienische Seite entgegen aller Erwartungen wenig geholfen. Denn trotz allem wurde ich in Deutschland sozialisiert und war vor allem in den ersten Wochen in Brasilien ziemlich überfordert. Nie zuvor habe ich meine deutsche Seite so deutlich gespürt wie in Brasilien, wo ich mir in der "Integrationsphase" der ersten zwei Monate nichts sehnlicher gewünscht habe als einen Tag allein zu sein. Der zwischenmenschliche Kontakt war allgegenwärtig. "Aber das ist doch etwas Schönes!", versuchte ich mir ständig einzureden und fühlte mich spießig.

Besonders unangenehm kann Körperkontakt bei großer Hitze werden

In Rio kann man eigentlich schon wieder duschen, nachdem man Brötchen fürs Frühstück an der Ecke gekauft hat. Geht man nur über die Straße, ist man schon wieder klatschnass. Nach dem Duschen ist vor dem Duschen, heißt die Devise im brasilianischen Sommer. Verriete ich hier, wie oft ich in Rio täglich geduscht habe, müsste ich diesen Artikel anonym publizieren, um nicht als Umweltsünderin an den Pranger gestellt zu werden. Dazu nur so viel: Meine brasilianischen Freunde duschen im Schnitt drei- bis viermal am Tag. Bei Temperaturen bis zu 50 Grad Hitze im Sommer und einer Luftfeuchtigkeit von gefühlten 90 Prozent hat das auch seine Berechtigung. Die täglichen Begrüßungs- und "Antatschrituale" tun ihr Übriges dazu. Trotz allem "Gegrapsche" sei angemerkt, dass ich nach meiner persönlichen "Integrationsphase" eigentlich gar nicht mehr aus Rio weg wollte und jetzt sogar Dinge vermisse, die mich zuvor an den Rand des Wahnsinns getrieben haben.  

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