Florian Holsboer über Druck und Regeneration

"Der Dämpfer gegen Ghana war gut"

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"Das Scheitern der Angstgegner wird ihnen Mut machen", glaubt Profl. Holsboer.

München - Das deutsche Team steht im WM-Achtelfinale, doch der Weg zum lang ersehnten ersten WM-Titel seit 1990 ist noch weit. Die tz sprach mit Professor Florian Holsboer über die psychischen Belastungen der Stars während der WM.

Außerdem geht es um die Stärke der Lateinamerikaner und Oliver Kahns Emotionen zu dessen aktiver Zeit. Die Angstgegner Italien oder Spanien sind bereits ausgeschieden, nun machen vor allem die südamerikanischen Teams der Mannschaft von Jogi Löw die Favoritenrolle streitig.

Herr Professor Holsboer, die Europäer verabschieden sich, die Südamerikaner dominieren. Spielt das in den Hinterköpfen der deutschen Stars eine Rolle? 

Das ist eine sehr interessante Frage. Ich habe mich auch schon gefragt, ob die WM jetzt zur Copa Latina wird. Den Anschein hat es nämlich derzeit. Ich glaube, dass die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften mehr von den Europäern gelernt haben als wir von ihnen. Sie scheinen besser vorbereitet und sind absolut auf dem Vormarsch. Dazu kommen noch ihre Fans. Die beflügeln die Lateinamerikaner richtig und sind ihr zwölfter Mann. Es kann schon sein, dass das den deutschen Spielern ein bisschen aufs Gemüt schlägt.

Sind die Lateinamerikaner fitter als die Europäer nach einer kräftezehrenden Saison? 

Das glaube ich nicht. Es ist kein Geheimnis, dass die südamerikanischen Mannschaften im Spiel wachsen. Die würden sogar eine Partie über drei Stunden spielen, auch wenn sie danach völlig erledigt sind. Aber gezieltes Konditionstraining machen sie nicht so gerne.

Seit 2006 ist Deutschland immer an Italien oder Spanien gescheitert. Beide sind raus. Schlägt jetzt unsere Stunde? 

Für die deutsche Mannschaft ist es eine gute Nachricht, dass die Italiener nicht mehr dabei sind. Spanien habe ich nicht mehr als größten Konkurrenten gesehen, der Umschaltprozess in ihrem Spiel dauert einfach zu lange. Aber gegen Italien hat sich Deutschland immer furchtbar schwer getan.

Setzt das zusätzliche Kräfte in den Köpfen der Spieler frei?

Ich bin sicher: Dass der Angstgegner nicht mehr dabei ist, sorgt für noch größere Motivation und Zuversicht. Und diese hilft auch über die eigenen Probleme hinwegzukommen. Viele Spieler sind aufgrund Verletzungen nicht mehr so fit, wie sie für so ein Turnier sein müssten. Andere sind noch nicht wieder fit, weil sie lange Pausen hatten. Die deutsche Mannschaft steht nicht ohne Blessuren da. Aber die Situation mit dem Erreichen des Achtelfinals und dem Scheitern des Angstgegners wird ihnen Mut geben und helfen, die Kräfte nochmals zu bündeln.

Eher die körperlichen oder die mentalen Kräfte? 

Beide. Eine angemessene Regenerationszeit ist unheimlich wichtig für den Körper. Ich staune immer wieder, wenn ich sehe, wie hart es in den Zweikämpfen zur Sache geht. Das sieht in der Zeitlupe ja teilweise nach Ringkämpfen aus (lacht). Aber gleichermaßen muss auch das Gehirn seine Batterien wieder auftanken. Die Spieler stehen vier Wochen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, das zehrt schon sehr an den Nerven.

Damit müssen vor allem die Brasilianer kämpfen… 

Schauen Sie sich Neymar an. Jeder Werbespot ist Neymar, jeder auf der Straße trägt Neymar – und dieser Junge schießt mal eben vier Tore. Der muss Nerven wie Drahtseile haben. Der Druck, unter dem speziell die brasilianischen Spieler stehen, ist unfassbar.

Luis Suárez dagegen hat den Druck „falsch kanalisiert“, wie Oliver Kahn sagte. 

Im Fußball will man doch gar nicht nur diese glattgebügelten, weichgespülten Typen haben. Die bewegen nichts. Man braucht schon auch ein paar akzentuierte Persönlichkeiten. Diese Akzentuierung spürt man bei Suárez oder auch bei Mario Balotelli, das ist ja auch so ein unberechenbarer Typ. Das ist auch nicht alles sinnvoll, was der so macht. Oliver Kahn ist mit seinen eigenen Impulsen auch nicht immer samtpfötig umgegangen. Aber er hat Gott sei Dank nie jemanden gebissen – auch wenn er nah dran war (lacht).

Kann Jogi Löw den Druck aufs DFB-Team denn richtig kanalisieren? 

Die Deutschen wurden schon früh vor der WM gehypt, und dann kam auch noch der Kantersieg gegen Portugal. Zum Glück gab es dann einen Dämpfer gegen Ghana. Das war gut.

Gut? Wieso? 

Aus psychologischer Sicht war es das. So entsteht bei den Spieler nicht das Gefühl: Wir sind die Größten, die Besten. Dann kommt man nämlich schneller unter die Räder als man denkt. Das hat man ja auch beim FC Bayern gesehen, siehe Real Madrid. Da war es auf einmal ganz schnell vorbei.

Interview: Sven Westerschulze

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