1954, 1974, 1990 und 2014

Kanzler-Check: Wer hatte Bock auf WM-Finale - und wer nicht?

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Kanzlerin Angela Merkel  (CDU,) feuert im WM-Finale 2014 das DFB-Team an. Konrad Adenauer (CDU) war Fußball bei unserem Triumph 1954 total egal.

Rio de Janeiro - Angela Merkel feuert im Finale die deutsche Mannschaft an. Andere Kanzler hatten mit Fußball wenig bis nichts am Hut. Ein Rückblick auf unsere bisherigen Triumphe.

Das Endspiel will sie sich nicht nehmen lassen: Angela Merkel fliegt zum zweiten Mal zur Fußball-WM in Brasilien. Nachdem die Kanzlerin schon beim WM-Auftaktspiel der Deutschen gegen Portugal dabei war – und sich dort in der Umkleidekabine werbewirksam ablichten ließ – fliegt sie nun gemeinsam mit Bundespräsident Joachim Gauck am Samstagabend nach Rio.

Dass beide in einer A340-Maschine der Flugbereitschaft reisen, ist zwar aus Sicht einer sparsamen Haushaltsführung löblich – doch gibt es Kritik, dass bei einem Absturz der Maschine Deutschland auf einen Schlag führungslos wäre.

„In Staaten wie den USA wäre das undenkbar“, meint etwa die Süddeutsche Zeitung. „Dort fliegen Präsident und Vizepräsident immer in zwei Maschinen, und wenn einer unterwegs ist, hütet der andere das Weiße Haus, um den Staat nicht versehentlich zu ‚enthaupten‘“. Die Bundesregierung wies entsprechende Befürchtungen zurück: Angst vor einem Absturz habe keiner, und Kanzler und Bundespräsident stünden auch in keinen Stellvertreter-Verhältnis zueinander. Der Bundespräsident nimmt neben der Kanzlerin noch jeweils einen Vertreter von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linke sowie die Chefin des Sportausschusses Dagmar Freitag (SPD) mit.

Die Kanzlerin ist eine Meisterin darin, ihre Fußball-Begeisterung (die sie erst im Amt entdeckte) für ihre Popularität zu nutzen. Seit dem „Sommermärchen“ 2006 ist Merkel so eine Art Maskottchen der Nationalmannschaft. „Sie bringt uns Glück“, sagte Sami Khedira, einer der Angie-Fans in der Nationalmannschaft.

Die Kanzlerin, die oft so unnahbar und nüchtern wirkt und Informationen über Persönliches stets abblockt, bekommt durch ihre fast kindliche Freude als Fußball-Zuschauerin eine Menschlichkeit, die sie bei den Bürgern beliebt macht.

Umgekehrt wird unter Merkel der Fußball von der Politik geadelt: Nach der WM 2006 verlieh die Kanzlerin Bundestrainer Jürgen Klinsmann persönlich das Bundesverdienstkreuz: „Ich habe ihn für seinen Weg ein Stück weit bewundert“, sagte Merkel damals. Solche Nähe zwischen Sport und Politik gab es in der Vor-Merkel- und Vor-Schröder-Ära noch nicht, wie der tz-Rückblick auf die WM-Titel 1954, 1974 und 1990 zeigt.

1954: Siegfeier ohne Polit-Promis

Auch wenn Sepp Herberger, Trainer der Weltmeister von 1954, der „Adenauer des Fußballs“ genannt wird: Der als „wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik“ gefeierte erste WM-Titel der Deutschen fand unter Ausschluss der Politik statt. Über den Fußball-Muffel Konrad Adenauer schrieb die Zeit, er könne „einen Torpfosten nicht von einer Eckfahne“ unterscheiden. Weder der Kanzler noch Bundespräsident Theodor Heuss fuhren zum Endspiel nach Bern, und sie waren auch bei der Feier in München nicht dabei. Immerhin: Heuss überreichte Fritz Walter in Berlin das „Silberne Lorbeerblatt“.

1974: Spiele unter Terror-Angst

Bei der WM im eigenen Land war die Polit-Prominenz natürlich beim Finale dabei (li. neben Franz Beckenbauer Bundespräsident Walter Scheel). Aber die Beziehung zum Fußball war unter dem hanseatischen Kanzler Helmut Schmidt nüchtern und distanziert. Die Politik hatte damals auch andere Sorgen: Schmidt war nach Willy Brandts Rücktritt wegen des DDR-Spions Günter Guillaume gerade mal sechs Wochen im Amt, als sich die deutsche Elf in München die WM-Trophäe holte. Zudem gab es Terror-Drohungen der RAF und der irischen IRA. Nach dem Blutbad bei der Olympiade 1972 fand die WM unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt.

1990: Party-Killer Helmut Kohl

Helmut Kohl ist ein großer Fußball-Fan. Aber die Herzen der Nationalelf von 1990 konnte der Kaiserslautern-Anhänger nicht erobern. „Ob Kohl kommt oder nicht, muss er selbst wissen“, so Teamchef Franz Beckenbauer vor dem Endspiel in Rom 1990 kühl. Nach dem WM-Triumph gegen Argentinien kam Kohl in die Umkleidekabine – und stand mit einem Papp-Becher voll Cola verloren zwischen den mit Sekt um sich spritzenden Spielern herum, wie der Film von Torwart Sepp Maier zeigt. „Helmut, senk den Steuersatz!“, sangen die Spieler dem Kanzler respektlos zu – die Party ging erst richtig los, als Kohl wieder weg war.

tz

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