Trendforscher erklärt Phänomen

Darum haben WM-Spieler so seltsame Frisuren

Kyle Beckerman
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US-Paradiesvogel Kyle Beckerman.

München - Zottelige Dreadlocks, einrasierte Botschaften und buschige Bärte - die WM ist eine ziemlich haarige Angelegenheit. Ein Forscher erklärt den Trend.

Brasiliens Stürmer Neymar trägt jetzt blond. Ein paar helle Strähnen und dazu rasierte Seitenpartien. So lief er gegen Mexiko auf den Platz. Ein paar Tage vorher beim Eröffnungsspiel sah Neymar noch ganz anders aus. Abrasierte Seiten zwar, aber dazu ein Voll-Pony und Vokuhila-Matte im Nacken. Offenbar hatte er zwischen den Spielen die Zeit gefunden, sich eine neue Frisur verpassen zu lassen.

Neymar ist längst nicht der Einzige, der mit immer neuem Styling auf sich aufmerksam macht. Viele WM-Spieler wollen in Brasilien nicht nur durch Leistung auffallen, sondern auch durch ihre ungewöhnliche Haarpracht. Deshalb wird gegeelt, geflochten und rasiert - und das mit größtmöglichem Überraschungseffekt.

Die vielleicht ungewöhnlichste Frisur dieser WM trägt der Amerikaner Kyle Beckerman. Und „tragen“ muss der 32-Jährige mit der Rastamähne tatsächlich eine Menge: Angeblich war er neun Jahre lang nicht beim Friseur. Als Beckerman zum ersten Mal im Spiel der USA gegen Ghana auf den Platz lief, überschlugen sich die Kommentare in den sozialen Netzwerken.

Beckerman ist dank seiner Frisur zum Rebell unter den Fußballern geworden, weil er lässiger wirkt als andere. „Er sieht aus wie ein schmuddeliger Hippie - und das macht mich verrückt“, twitterte ein weiblicher Fan. Und Ex-Nationalspieler Christoph Metzelder fragt: „Gibt es eigentlich einen krasseren Gegenentwurf zu Ronaldo als Kyle Beckerman? :)“

Vermutlich nicht. Denn Portugals Spieler Cristiano Ronaldo gilt als makelloser Schönling. Egal, was er auf dem Kopf trägt, die Friseure müssen sich darauf einstellen, dass bald alle so aussehen möchten. Auch Brasiliens Spieler Neymar gibt zu, sich seine Frisur 2002 bei Ronaldo abgeguckt zu haben. Beim Spiel gegen die USA sorgte Ronaldo mit einem seitlich einrasierten Blitz für Spekulationen. Der Blitz sei ein Symbol für die Narbe eines schwer kranken Jungen, dessen Kopf-OP Ronaldo bezahlt habe, mutmaßten einige. Doch Ronaldo dementierte. Mit seinem Engagement für den Jungen habe der Blitz nichts zu tun.

Auch wenn die Gerüchte sich nicht bestätigt haben, wieder einmal war Ronaldos Frisur Gesprächsthema. Dabei ist er längst nicht der einzige Spieler mit abrasierten Seitenpartien. Der sogenannte Undercut scheint in dieser WM den Spitzenplatz der Frisuren zu belegen. Auch Marco Reus trägt ihn - immer wieder neu gestylt. Und nicht nur Ronaldo nutzt die freirasierte Fläche: Bei Ghanas Kapitän Asamoah Gyan prangt die Nummer Drei nicht nur auf dem Trikot. Der Fußballer hat sich die Zahl auch direkt über dem rechten Ohr einrasieren lassen. Und Paul Pogba, französischer Nationalspieler, trägt goldengefärbte Streifen in den abrasierten Seitenpartie. Der Streifenhörnchen-Look brachte ihm mit „Pogba's Hair“ einen eigenen Twitter-Account ein.

Und dann gibt es noch jene Spieler, die sich die Haare an den Seiten abrasieren und versuchen, den Verlust mit buschigen Bärten auszugleichen. So wie Kameruns Torwart Charles Itandje oder der Portugiese Raúl Meireles, der damit wie ein fußballspielender Punk wirkt.

Die Haarpracht sei ein „Topinstrument“ der Selbstdarstellung, erklärt der Stuttgarter Trendforscher Mathias Haas. Mit immer wieder neuen Frisuren bleiben die Spieler im Gespräch, und darauf kommt es an. „Die Körper sehen eh bei allen geil aus, aber die Frisur bietet die Fläche, sich von anderen abzusetzen,“ sagt Haas. Immer nur etwas über die Spieltaktik zu lesen, sei auf Dauer langweilig. Nicht nur für Frauen. „Wir alle wollen Geschichten hören“, meint Haas.

Es gab Zeiten, da waren Fußballer eher markante Typen als Marken. Doch die sind vorbei. „Ein Herr Mesut Özil ist am Ende kein Mensch mehr, sondern ein Produkt“, sagt Haas. Heute haben die Spieler Stylisten und immer schon den nächsten Werbevertrag im Hinterkopf. Für Mats Hummels - dessen Wuschelkopf auch stets für Gesprächsstoff sorgte - ist der Plan perfekt aufgegangen: Seit 2013 ist er das Werbegesicht einer Shampoo-Marke.

dpa

Das nervt echte Fußball-Fans bei der WM

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CORAÇÃO: Es ist wie ein Virus: Sobald ein (brasilianischer) Fan von einer Kamera eingefangen wird, formt er ein Coração (Herz) mit seinen Händen und hält es lachend der globalen Zuschauerschaft entgegen. Immer. Sogar der belgische Torschütze Dries Mertens ließ sich davon anstecken und zeigte nach seinem 2:1-Siegtreffer gegen Algerien das Lena-Meyer-Landrut-Herz in die Runde. Und genau da liegt das Problem: Beim Eurovision Song Contest nimmt man diese Ich-habe-Euch-alle-lieb-Geste gerne hin, ja sie gehört bei diesem Halli-Galli-Spaßfest sogar fest dazu. Aber bei einer ernsten Sache wie Fußball in einem vor Testosteron überlaufenden Stadion? Bitte nicht! © dpa
FOULER PROTEST: Fußballer sind von Natur aus Unschuldslämmer. Das muss so sein. Anders lässt sich nicht erklären, warum auch nach dem gröbsten Foul der Verursacher so tut, als widerfahre ihm gerade die größte Ungerechtigkeit im Fußball seit der Schande von Gijon 1982. Mit Unschuldsmiene, hochgezogenen Schultern und von sich gestreckten Händen suggerieren selbst die bösesten Bolzplatz-Buben: Lieber Schiri, ich doch nicht. Niemals. Nimmer. Ehrlich geht anders. Deswegen, liebe Profis, eine kleine Regelkunde: Wenn Du bei einem Zweikampf den Gegner triffst, bevor Du an den Ball kommst, ist das meistens Foul. Dein Foul. © picture alliance / dpa
TIER-ORAKEL:  Krake Paul war cool. Er war neu, hatte Ballgefühl in allen acht Armen und lag immer richtig. Doch nach dem Tod des Tintenfisches nicht lang nach der WM 2010 überschwemmten Möchtegern-Nachfolger den Orakel-Markt. Allzu viele geschäftstüchtige Menschen erkannten das Werbepotenzial so eines Tieres - und so dürfen heutzutage Affen, Elefanten, Gürteltiere (wie passend) oder auch Schweine orakeln, was das Zeug hält. Das finden nur noch unverbesserliche Tierfreunde wirklich putzig. Wissenschaftliche Aufklärung tut Not: Weder Tier-Orakel noch Löffelverbieger Uri Geller oder Kaiser Franz Beckenbauer können den Ausgang von Fußballspielen voraussagen. Ehrlich. © picture alliance / dpa
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INTERNET:  Soziale Netzwerke sind toll. Fans können über Twitter, Facebook & Co direkt dabei sein in Trainingslagern, WM-Quartieren und Umkleidekabinen. Spieler posten intime Fotos - gern auch oben ohne - und Kanzlerinnen werden in Selfies verewigt. Aber diese Spaßvögel! Kurz nach Robin van Persies tollem Flugkopfball zum 1:1 gegen Spanien quollen aus dem Internet schon die Fotomontagen: van Persie fliegt mit Delfinen, van Persie düst an der Christus-Statue vorbei, van Persie mit Hexenbesen beim Quidditch. Alle Nicht-Spanien-Fans dieser Welt mögen sich das sagenhafte Zuspiel von Daley Blind und van Persies noch sagenhafteren Flug hundertmal im Internet anschauen, von oben, unten, rechts und links, in Zeitlupe oder im Zeitraffer. Wunderschön! Aber niemand braucht diese Ulk-Bilder. Also, liebe Photoshop-Jünger, bitte lasst das und wendet Euch wieder Euren Katzen zu! © picture alliance / dpa
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GEHEIMFAVORITEN: Nein, Belgien oder Chile nerven keineswegs. Sie bereichern durchaus die Stammtischdiskussionen um den künftigen Weltmeister. Es ist das Wort „Geheimfavorit“, das dem kritischen Fußballfan gehörig auf die Nerven geht. Doch Sportjournalisten, Moderatoren und Mitreden-Woller lieben diese unsinnige Floskel und ziehen sie stets dann aus dem Phrasenhut, wenn es um gute Mannschaften aus der zweiten Reihe geht. Aber was soll das denn sein, ein Geheimfavorit? Ein geheimer Favorit, den außer FIFA-Präsident Joseph Blatter noch keiner kennt? Mmh, dann wäre er ja nicht so bekannt, oder? Immerhin hat dieses Wort auch ein Gutes: Man weiß genau, dass all jene Mannschaften, die vor einem Turnier als Geheimfavorit tituliert werden, nie und nimmer den Titel holen. © picture alliance / dpa

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