Was das Mertesacker-Interview zeigt

Wir da drinnen, ihr da draußen

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Ein Screenshot aus dem Mertesacker-Interview.

Porto Alegre - Gegen die Kritiker: Die Nationalmannschaft entwickelt Wagenburgmentalität der 80er Jahre. Das zeigt das Interview von Per Mertesacker.

Dank der sozialen Medien kommen Nachrichten schnell an.Man wusste auch im Stadion Beira-Rio von Porto Alegre umgehend Bescheid, dass daheim in Deutschland schon über den Disput am ZDF-Mikrofon debattiert wurde: Field-Reporter Boris Büchler vs. Per Mertesacker, deutscher Abwehrspieler.

Zwei Stunden später saß Büchler am Flughafen Porto Alegre, bereit zur Heimreise ins deutsche Ressort Porto Seguro, und wirkte nicht unzufrieden, wie es gelaufen war. Er, dem das Feuilleton vorgeworfen hatte, er lege in seinen Nach-Schlusspfiff-Gesprächen „eine Schleimspur“, hatte erst höflich zum Viertelfinaleinzug gratuliert, dann aber gleich geboten kritisch nachgefragt: Vorne schwerfällig, hinten anfällig – was war los im deutschen Spiel? Mertesacker, der besonnene Denker, wurde emotional. „Super reagiert“, fand man beim ZDF. Ein Interviewglücksfall für den Sender, die Sportversion vom Polit-Disput Sigmar Gabriel gegen Marietta Slomka im „heute-journal“.

Vor allem war es ein Moment, der Einblick verschafft, wie die Nationalmannschaft sich bewegt in diesem Spannungsfeld aus eigenen Ambitionen (Weltmeister werden) und öffentlichen Erwartungen (Weltmeister werden). Es ist nicht so, dass die Beteiligten die Fakten verkennen würden. Per Mertesacker hat auf seiner Runde durch die Mixed Zone, wo er – inzwischen abgekühlt – mit den Print-Journalisten sprach, von sich aus „viele Fehler“ eingeräumt. Assistenztrainer Hansi Flick sah „Ballverluste, bei denen wir sechzig Meter zurückrennen mussten“. Joachim Löw meinte, man könne nicht immer auf die phantastische Art gewinnen. Und Manuel Neuer war nicht entgangen, dass hundert Meter von seinem Kasten entfernt es mit der Chancenverwertung nicht zum Besten stand.

Aber: Es geht der Nationalmannschaft jetzt nicht darum, zu verzaubern wie vor vier Jahren mit dem 4:1 gegen England und dem 4:0 gegen Argentinien. Es geht ums Gewinnen, man will ein 0:1 wie 2010 gegen Spanien vermeiden oder ein 1:2 wie im EM-Halbfinale gegen Italien 2012. Man hat das Verlieren satt. Es geht ums Gewinnen, auch wenn das derzeit Züge vom Weiterkommen in den 80er-Jahre hat.

Was Vorrang hat, formulierte Per Mertesacker: „Absolut wichtig ist, dass wir bis zur letzten Sekunde alles gegeben haben und wie wir füreinander kämpfen.“ Es wird spürbar, wie sich die Wagenburg-Mentalität entwickelt, die zum Campo Bahia, zur abgeschiedenen Welt des Teams, passt. Wir da drinnen, ihr da draußen.

Die drinnen tragen die Verantwortung, sie wollen sich vom Rest der Welt nicht erklären lassen, was an ihrem Spiel funktioniert oder was ihm fehlt. Man hat auch das schon in den 80er-Jahren erlebt, als Paul Breitner die Kritiker wegbiss, und ein Quartier-Interview am Rand des Hotelpools mit Dieter Kürten (ebenfalls ZDF) diese Gleich-passiert-was-Atmosphäre vermittelte. Es ist auch so ähnlich wie 2002 vor dem Halbfinale, als Christian Ziege dem Pressetross zuraunzte: Was habt ihr alles geschrieben – und wie weit sind wir schon gekommen.

Sie haben auch schon Christoph Kramer infiziert, den Neuling, mit ihrem Denken, dass man sich nichts aufdiktieren lassen soll. Das 2:1 gegen Algerien nach Verlängerung – ein Duselsieg? „Ich habe nichts Konfuses gesehen“, sagte der Mönchengladbacher, der 110 Minuten, bis zu seiner Einwechslung, das Spiel von außen hatte beobachten können. „Was ich gesehen habe, was ein super organisierter Gegner Algerien.“ Und am Ende stand eben: „Ein Sieg bei einer WM.“ Ein Anlass für „Jubel und Erleichterung“.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagte auf seiner Rückflugrede im exklusiven Mannschafts-Charter: „Ihr habt eine tolle Tradition fortgesetzt. Wir haben zum achten Mal in Serie das Achtelfinale einer Weltmeisterschaft gewonnen. Das zählt.“

Das Viertelfinale gegen Frankreich steigt in Rio. Niersbach hat gesagt, da wolle er auch zum Endspiel hin. „Ihr habt es sicher drin.“ Die Spieler applaudierten.

gük

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