Spanien noch immer Maß aller Dinge

WM-Interview: Paul Breitner verrät seine zwei Favoriten

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Paul Breitner

München - Die tz hat Paul Breitner zum großen WM-Interview getroffen. Darin verrät er seine zwei Favoriten und spricht über Typen und Tagesform.

Herr Breitner, kann man sich besser auf ein Turnier vorbereiten als hier in Südtirol?

Breitner: Seien Sie mir nicht böse, aber entscheidend ist: fühlst du dich wohl, bist du leistungsfähig. Ob das in den Bergen, an der Ostsee oder sonst wo, ist völlig wurscht. Sechs Quadratmeter in Malente waren 1974 für uns so normal wie eine Suite hier. Es war der Zug der Zeit. Es gab ja nichts anderes.

Kommt es jetzt darauf an, als Einheit zusammenzuwachsen?

Breitner: Nein.

Sondern?

Breitner: Jetzt kommt es darauf an, dass sich jeder nach der Saison wieder selbst findet, in seinen Körper hineinhorcht und wieder einen absoluten Leistungsanspruch an sich selber aufbaut – und das ausreizt. Das ist das Entscheidende. Wenn jeder Einzelne das kann, bringt er sich optimal in die Mannschaft ein – und sie funktioniert. Darauf kommt es in dieser Phase an.

Paul Breitner: "...das ist unverantwortlicher Blödsinn"

Kritiker meinen, dem DFB-Team würden Siegertypen fehlen. 

Breitner: Wir haben das doch bei Bayern München erlebt. Von August bis März waren alle, die auf einen Ausrutscher gewartet haben, einen Millimeter mit Hut groß. Und zwar weil die Mannschaft in der Hinrunde den besten Fußball gespielt hat, den die Bundesliga je gesehen hat. Dann kamen zwei, drei, vier Spiele, die nicht so waren wie zuvor, und es hieß: die haben ein Problem. Ein Persönlichkeitsproblem. Dafür habe ich kein Verständnis, denn das ist unverantwortlicher Blödsinn. Darauf hieß es noch, dass es eine ganz schlimme Saison werden könnte, wenn wir denn in Berlin auch noch verlieren. Dazu ist es aber nicht gekommen. Und da wussten diese Herrschaften auch nicht mehr, was sie sagen sollten.

Und beim DFB?

Breitner: Das Gleiche. Haben wir dreimal hintereinander gewonnen, war alles okay. Jetzt haben wir ein paar Verletzte und es wird dem Fan die Überzeugung genommen, dass wir Weltmeister werden. In 14 Tagen kommt die Meldung, dass alle wieder fit sind, worauf die Leute sagen, dass wir doch Weltmeister werden. Das sind allesamt Wasserstandsmeldungen, mit denen ich nichts anfangen kann.

Zurück zu den Typen: 2012 hat Deutschland gegen Italien verloren, obwohl man den Eindruck hatte, das DFB-Team sei besser.

Breitner: Und was sagt mir dieses Spiel für die WM.

Paul Breitner: "Wenn wir Normalform zeigen, haben wir auch eine Chance"

Der Kader hat sich ja nicht groß verändert…

Breitner: Grundsätzlich habe ich Statistik dick. Sie bringt mir nichts. Sie bringt nur Leuten etwas, die anderen Leuten mit Zahlen und Vergangenheit irgendetwas weismachen wollen. Aber den Fußballer hat die Vergangenheit nicht zu interessieren. Für mich hat es doch auch keine Bedeutung, wer Deutschland vor dem ersten Weltkrieg wie oft geschlagen hat. Und dass wir gegen Italien kein entscheidendes Spiel gewonnen haben – was sagt mir das für Brasilien? Null! Man muss den Leuten mal sagen, dass das alles Humbug ist.

Wie ist Ihre Einschätzung: Können Jogis Jungs Weltmeister werden?

Breitner: Auch hier ziehe ich eine Parallele zu Bayern. Hätte Bayern gegen Real Normalform erreicht, wären wir im Endspiel und hätten auch die Champions League gewonnen. Haben wir aber nicht. In Normalform sind und waren wir nämlich klar besser als Real. Und wenn bei der Nationalmannschaft die elf, die auf dem Platz stehen, Normalform zeigen, haben wir auch eine Chance, Weltmeister zu werden.

Haben denn mehrere Teams diese Chance?

Breitner: Nein!

Paul Breitner: Ja, Spanien ist noch immer das Maß aller Dinge

Was ist mit Spanien?

Breitner: Eine zweite ist nicht mehrere. Natürlich hat Spanien diese Qualität. Spanien ist für mich auch der Topfavorit. Wie für viele andere auch.

Wer ist sonst noch Favorit in ihren Augen?

Breitner: Keiner. Mit Chile und Uruguay habe ich noch zwei Mannschaften im Hinterkopf, aber ansonsten – gut, mit den Italienern musst du immer rechnen. Ich rechne aber nicht ihnen. Eher noch mit Argentinien.

Ist Spanien noch das Maß aller Dinge?

„Die Leute sehen nur, dass Barcelona nicht mehr den Ton angibt, und setzen dass damit gleich, dass es mit Spanien auch bergab geht“, sagt Paul Breitner.

Breitner: Ja. In der Summe, was Liga und Nationalmannschaft angeht, sind wir bei 98 Prozent dran – um irgendeine blöde Zahl zu nennen. Also im Grunde sind wir ziemlich auf einer Ebene. Etwas, das sich auch bei Bayern und Dortmund sowie bei Real und Barça zeigt. Atlético nicht. Die vergessen wir jetzt mal.

Und was macht dann bei diesen zwei Prozent den Unterschied aus?

Breitner: Die Tagesform. Einzig und allein.

Interview: José Carlos Lopez Menzel

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