Zu wenig Ernsthaftigkeit

TV-Kritik: Wir vermissen Sky, wir vermissen Marcel Reif!

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München - tz-Kolumnist Jörg Heinrich seziert die tägliche WM-Berichterstattung in ARD und ZDF. Sein Fazit über die Arbeit öffentlich-rechtlichen Anstalten: Wir vermissen Fußball für Leute, die sich für Fußball interessieren.

Erik Meijer ist Taktik-Experte bei Sky.

Man kann sich über vieles ärgern bei der TV-WM. Schwebt der Damokles-Gerd über uns, kommentiert mal wieder Gottlob? Oder sitzt Oliver Schmidt am Mikro, der als Kommentator so untauglich ist wie ein Goldhamster als Opernsänger? Dann müssen wir verhedderte Sätze entwirren: „Die Zuversicht, die Arjen Robben in vielen Momenten nachgelebt hat.“ Wenn nicht sogar vorgelebt. Das ist das Zweitschlimmste an der TV-WM. Doch das Schlimmste ist: Die vom Fernsehen halten uns für blöd.

Wer stundenlang WM guckt, mit Brandao, mit Busfahren, mit WM-Club aus dem Berliner Spree-Mallorca, der hat irgendwann das Gefühl, es läuft Andy Borg mit Fußbällen. Der Wadl-Stadl. Fernsehgarten ohne Kiwi. Usedom ist überall. Irgendwann marschieren die Flippers auf die Dachterrasse ein, spielen Stehschlagzeug und singen: „Samba-Mädchen, machst mich heiß.“

Über das – meist durchaus unterhaltsame – Geplänkel zwischen Schollenhövel im Ersten und den ZDF-Ollis hinaus findet eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Fußball kaum statt. Die exzellenten Infos der Sky-Runde mit Fjørtoft, Merk und Matthäus, die grandiosen Analysen des Fußball-Verrückten Erik Meijer – bei der WM nicht zu finden. Warum wir nur Schlandfußball sehen, hat Frau Hohenstein erklärt: „27 Millionen Zuschauer sind weitaus mehr, als wir normalerweise haben. Wir haben hier auf einmal 17 Millionen neue Zuschauer, die sich vielleicht sonst für das Thema Fußball gar nicht so interessieren. Und für die machen wir natürlich auch Programm.“

Und so hat das Erste mit Hupfdohle Brandao eine Samba-Sachverständige an Bord, aber keinen Schiri-Experten. Eine WM ohne Regelkundigen – das ist wie Die Sendung mit der Maus ohne Maus. Das ZDF hat immerhin Urs Meier, einen von den Guten. Immer, wenn es eine umstrittene Szene gibt, wird die Klappe unter dem Dachterrassen-Schreibtisch geöffnet, und der Urs wächst urplötzlich aus dem brasilianischen Erdboden. Danach wird er flugs wieder für zwei Tage in seinen Verschlag gesperrt.

Dass die Vorgaben von Schiri-Chef Massimo Busacca, erst möglichst spät Gelb zu geben, der Hetzjagd auf die WM-Stars den Weg bereiteten, haben ARD und ZDF weitgehend ignoriert. Wer twittert, ist schlauer. Der exzellente Schiedsrichter-Blog „Collinas Erben“ schrieb schon am 1. Juli, drei Tage vor dem Foul an Neymar: „Shaqiri hatte nach drei Minuten auch schon Glück, keine Verwarnung zu bekommen. Kein Vorwurf an Eriksson, das ist in Busaccas Sinn.“ Denn der Schweizer will sich mit den wenigsten Karten der WM-Geschichte brüsten. Wo bleibt die 30-Minuten-Diskussion im ZDF mit Urs Meier, mit einer Skype-Schalte zu den cleveren Jungs von „Collinas Erben“, über diesen Regelskandal? Stattdessen dürfen Schland-Fans pöbeln: „Deutschland hat Müller, die Franzosen haben nur Froschschenkel!“

Die Übertragungen der Spiele helfen auch nicht weiter. Tom Bartels fiel zum Foul an Neymar nicht viel mehr ein als: „Neymar, der da sicherlich kraftvoll getroffen worden ist.“ Wir vermissen Sky, wir vermissen Marcel Reif, der sich 2010 bei der Schlacht zwischen Brasilien und der Elfenbeinküste in Rage redete: „Das ist versuchte Körperverletzung, und sonst gar nix! Dafür gehen Sie, wenn Sie das zuhause auf der Straße probieren, für ’n paar Wochen mindestens in den Bau.“ Wir vermissen bei ARD und ZDF: Fußball für Leute, die sich für Fußball interessieren.

Jörg Heinrich

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