Schmidt ist der Mikrofon-Fred

TV-Kritik: Kommentator erfindet ganz neuen Spieler

+
Oliver Schmidt.

München - tz-Kolumnist Jörg Heinrich nimmt die Berichterstattung der vergangenen Tage unter die Lupe und stellt fest: Mehmet Scholl ist fehlbar, und Oliver Schmidt ist der Mikrofon-Fred.

Froh, là, là, was für ein WM-Wochenende! Oder, wie es der ZDF-Mikrofonschänder und Diffus-Ball-Experte Oliver Schmidt ausdrückte: „Jetzt ist es wüst, jetzt ist es wild, jetzt ist es wundervoll.“ Zu Letzterem zählte ein vorbildlicher, zweiminütiger Tonausfall bei Gevatter Réthy. Statt „Messi“ hörte man bloß noch „Mes... knörxörx ...si“. Das war schön, das hatte Poesie. Mögen sich Steffen Simon & Garfunkel ein Beispiel nehmen an Bélas „Sounds of Silence“, gern auch mal länger. Hier die neuesten Infos zu Scholli, zum wüsten Schmidt und zu Louis de Funès.

Ist Mehmet Scholl fehlbar? Ja, isser. Klar, der chronisch Gänsehautentzündete ist meist eine Ohrenweide. Doch nach über drei Wochen WM werden auch Defizite deutlich. Scholls klare Worte nach dem Anschlag auf Neymar („Gladiatorenkampf“) trafen ins Schwarze. Doch auch hier war Mehmet – nicht zum ersten Mal – fachlich nicht gut sortiert: „Und das wird zugelassen. Auch noch von einem Schiedsrichter aus Europa, glaube ich, oder? Stimmt?“ Opdenhövel musste erst nach dem Schiri kramen. Wer den Schiedsrichter – zu Recht – so hart angeht, sollte zumindest wissen, wie der Mann heißt, und wo er herkommt. Hier verlässt sich einer doch sehr auf sein Talent. Auch bei Scholl nicht alles toll. So weit die tz-Heiligenschändung des Tages.

Was macht das Gedöns? Dem geht’s prächtig. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den unsäglichen Vorgaben von FIFA-Chef-Schiri Busacca sparen sich die Öffis weiterhin. Stattdessen: Samba-Uschi Brandao, Busfahren und Interviews mit Rosberg, Vettel, Gauck. Man muss Prioritäten setzen. Und zeigt lieber Sinnlos-TV aus der Schland-Hölle von Mallorca: „Deutschlaaaaaand, hey Halbfinaleeeeeee!“ Peinlichkeit und Recht und Freiheit. So viel Übel entstammt dem Sangria-Kübel. Vorteil von Malle: Man hört nix von Steffen Simon. Beim Frankreichspiel dachten wir dauernd an unseren geliebten Chef-Hektiker Louis de Funès, wie er mit wachsender Verzweiflung Simon zuhören muss: „Nein! Doch! Oh!“

Wer sind die neuen WM-Helden? Edgar Endres und Jens-Jörg Rieck. Weil es ist ja so: Auf Ihrer Fernbedienung gibt es die Options-Zaubertaste. Wenn Sie da draufdrücken, finden Sie unter „Ton“ verschiedene Kanäle wie „Shit mit Schmidt“ oder „Zur Erholung Radioton“. Darauf haben wir gedrückt bei Argentinien – Belgien, und es war grandios. Die Vollreportage aus dem ARD-Radio als Tollreportage. „An Kompany kommt man nicht vorbei. Er ist unvorbeikommbar“, juxte Rieck über Belgiens Captain. Und BR-Mann Endres ging ab wie ein Gaucho beim Einfangen seines Frühstücks-Steaks. Lebendig, charmant, sprachgewaltig – 90 wunderbare WM-Minuten. Tunse Ihren Ohren was Gutes, liebe Leser! Kaufense Mozart-Platten, und drückense auf die herrliche Optionstaste!

Schmidt erfindet den "Blindi"

Wer ist der Mikrofon-Fred? Eindeutig Oliver Schmidt. Wobei: Der Brasilien-Stümper stürmt besser als der ZDF-Kommentator spricht. Sein Motto bei Holland – Costa Rica: Keine Buden und kein Duden. Der entschiedene Gegner der deutschen Sprache machte Hollands Spieler Indi und Blind zu „Blindi“, und lachte als Einziger über unentwegte Eistonnen-Witze. Dazu lieferte Schmidt am Stück Klopper wie „Es sah schon nach nem Foulspiel an“ oder „Louis van Gaal muss seinem Joker ein Lächeln entlecken“. Das klingt unappetitlich. Dass Harald Schmidt nicht mehr im Fernsehen ist, Oliver Schmidt aber schon, sagt viel über dieses Land.

Jörg Heinrich

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Mainzer Angreifer Onisiwo kugelt sich Schulter aus
Mainzer Angreifer Onisiwo kugelt sich Schulter aus
Norwegen siegt - Ødegaard beendet deutsche U21-Serie
Norwegen siegt - Ødegaard beendet deutsche U21-Serie
Norwegen fügt deutscher U21 erste Quali-Niederlage seit 2010 zu
Norwegen fügt deutscher U21 erste Quali-Niederlage seit 2010 zu
Sportvorstand Reschke erwartet bei VfB 20-Millionen-Transfer
Sportvorstand Reschke erwartet bei VfB 20-Millionen-Transfer

Kommentare